piwik no script img

Iran-Krieg weitet sich auf Libanon ausHisbollah steigt in den Krieg ein

Hunderttausende Menschen fliehen aus Beirut nach israelischen Gegenschlägen. Die libanesische Regierung verbietet der Hisbollah militärische Aktivitäten.

Beirut, Libanon, 2. März: Familien versammeln sich auf dem Märtyrerplatz, nachdem sie vor israelischen Luftangriffen in Dahiyeh, einem südlichen Vorort geflohen sind Foto: Bilal Hussein/ap
Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

In der Nacht auf Montag um 2.40 Uhr hallten dumpfe Knalle durch Beirut. Ein Dutzend israelischer Bombardierungen im südlichen Beirut rissen die Menschen in der ganzen Stadt aus dem Schlaf. 20 Tote und 91 Verletzte zählte das Gesundheitsministerium am Montagmorgen. Durch weitere israelische Bombardierungen im Südlibanon wurden 11 Menschen getötet, 58 verletzt. Laut unbestätigten Medienberichten wurde der Anführer der Parlamentsfraktion der Hisbollah, Mohammad Raad, getötet. Er war auch Vize-Generalsekretär der Hisbollah.

Zuvor hatte die Hisbollah Raketen auf Haifa abgeschossen. Laut israelischem Militär wurde eine Rakete abgefangen, während mindestens zwei auf freiem Gelände landeten. Es wurden keine Toten oder Verletzen gemeldet.

Die Hisbollah hatte Israel nicht mehr angegriffen, seit ein Waffenstillstand am 27. November 2024 in Kraft getreten war. Im Zuge des Abkommens sollte die Hisbollah entwaffnet werden, so wie es bestehende UN-Resolutionen vorsehen. Doch Israel setzte seitdem Angriffe fort, bei denen über 300 Menschen getötet wurden, darunter nach UN-Angaben mindestens 127 Zivilist*innen.

Dennoch hielt die Miliz der Hisbollah die Füße still. Auch, weil der Libanon seit Januar 2025 eine neue Regierung hat. Die hat einen guten Draht zum Westen, was die Beschaffung von Wiederaufbaugeldern ermöglicht. Zudem versteht sie auch mit der Hisbollah umzugehen.

Das libanesische Kabinett beriet sich am Montag im Präsidentenpalast und verkündete ein „Verbot aller militärischen Aktivitäten“ der Hisbollah. „Die Hisbollah muss ihre illegalen Waffen abgeben und politische Partei bleiben“, sagte Premierminister Nawaf Salam und forderte die Sicherheitskräfte auf, militärische Aktionen zu verhindern und Zuwiderhandelnde festzunehmen. Der Staat möchte durchgreifen. Doch die abgefeuerten Raketen schwächen die libanesische Regierung und zeigen, dass die Hisbollah weiter als Miliz neben dem Staat agiert.

Den Preis für Hisbollahs neue Front zahlen alle Libanesen

„Die Frage von Krieg und Frieden liegt in den Händen der Regierung“, betonte Ministerpräsident Nawaf Salam noch vor zwei Tagen. Ein für den Libanon bemerkenswerter Satz. Sein Vorgänger Nadschib Mikati hatte noch im Jahr 2023 genau das Gegenteil gesagt: Diese Frage läge nicht in den Händen des Staates.

Leider hatte Mikati recht. Die Hisbollah hatte zuvor eine „rote Linie“ ausgerufen: Sollten die USA und Israel den obersten iranischen Führer Ajatollah Ali Chamenei töten, eröffnet die Hisbollah im Libanon eine neue Front. Das ist am Sonntag passiert.

Den hohen Preis dafür zahlen nicht nur Hisbollah-Anhänger, sondern alle Menschen im Libanon, besonders diejenigen, die in hauptsächlich schiitischen Vierteln und Dörfern leben. In der Nacht bildeten sich lange Staus auf der Hauptverkehrsstraße vom Süden in den Norden sowie auf der Straße zum Flughafen in Beirut.

Die Israelische Armee verbreitete über die Plattform „X“ eine lange Liste von Meldungen zu Zwangsevakuierungen von Dörfern nicht nur im Südlibanon, sondern auch in der Bekaa-Ebene im Osten. Israel hatte angekündigt, mit voller Härte zurückzuschlagen, und sogar mit Angriffen gegen zivile Infrastruktur wie den Beiruter Flughafen gedroht. Israels Armee erklärte am Montagmorgen, die Angriffe auf den Libanon würden „fortgesetzt und ihre Intensität erhöht“.

Der Libanon war eigentlich auf einem guten Weg

Die Menschen im Libanon haben keine Bunker, erst recht keine offiziellen Notunterkünfte. Sie müssen bei Verwandten unterkommen oder teuer etwas in den Bergen oder in Beirut mieten. Weil sie nirgendwo Unterschlupf fanden, schliefen viele Vertriebene schon beim Krieg im Jahr 2024 auf der Straße oder in ihren Autos. Damals wurden 1,2 Millionen Menschen binnenvertrieben, bis vor Kurzem waren davon noch rund 64.000 Menschen nicht in der Lage, in ihre zerstörten Häuser zurückzukehren. Einige Schulen in Beirut wurden am frühen Morgen hastig zu Notunterkünften umfunktioniert.

Die Eskalation durch die Hisbollah kommt in einer Zeit, in der Libanon auf einem guten Weg war. Der getötete Hisbollah-Parlamentarier Raad selbst hatte noch Anfang Februar den Präsidenten getroffen. Laut Erklärung des Präsidialamtes habe Raad damals zur Zusammenarbeit mit dem Staat aufgerufen und erklärt, die Hisbollah sei „dem Dialog verpflichtet“. Präsident Jospeh Aoun wiederum appellierte an die Partei, „vernünftig zu handeln“.

Im Zuge des Waffenstillstand-Abkommens sollte die Hisbollah entwaffnet werden, so wie es bestehende UN-Resolutionen vorsehen. Die libanesische Regierung hatte Anfang des Jahres verkündet, die Entwaffnung der Hisbollah im Südlibanon sei zwischen dem Litani-Fluss und der gemeinsamen undefinierten Grenze mit Israel erfolgt. Damit hatte die Regierung die erste Phase ihres Entwaffnungsplans als umgesetzt deklariert.

Das libanesische Kabinett beriet sich am Montag im Präsidentenpalast und verkündete ein „Verbot aller militärischen Aktivitäten“ der Hisbollah. „Die Hisbollah muss ihre illegalen Waffen abgeben und politische Partei bleiben“, sagte Premierminister Nawaf Salam und forderte die Sicherheitskräfte auf, militärische Aktionen zu verhindern und Zuwiderhandelnde festzunehmen. Der Staat möchte durchgreifen. Doch die abgefeuerten Raketen schwächen die libanesische Regierung und zeigen, dass die Hisbollah weiter als Miliz neben dem Staat agiert.

Am Montagmorgen war noch nicht klar, von welchem Ort aus die Hisbollah die Raketen abgefeuert hat. Sollte sich herausstellen, dass die Abschussrampen in der als entwaffnet deklarierten Zone waren, ist klar, dass die libanesische Regierung gelogen hat.

Die Regierung hatte gerade an der zweiten Phase ihres Plans zur Entwaffnung der Hisbollah gearbeitet. Diese Woche wollte Aoun gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron eine Konferenz in Paris abhalten, um Gelder für die libanesische Armee einzusammeln. Die Konferenz wurde auf April verlegt.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare