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Iran-Demos in MünchenTröstliche Solidarität

Kommentar von

Teseo La Marca

Für die Aufständischen im Iran ist verständlicherweise alles besser als die Diktatur des Mullah-Regimes – sogar der Sohn des letzten Schahs.

Für viele Iraner, die in München demonstrierten, ist alles besser als die islamistische Diktatur im Iran Foto: Ebrahim Noroozi/ap

V Valentinstag im Iran“ steht auf einem Schild, das ein Demonstrant mit auf die Münchner Theresienwiese mitgebracht hat, um gegen das Regime in Teheran zu protestieren. Darauf ist eine junge Iranerin zu sehen, die den Körper ihres Partners in einem schwarzen Leichensack umarmt. Er war – wie Tausende andere iranische Protestierende – bei den Aufständen im Januar erschossen worden.

Etwa 250.000 Menschen sind laut Polizeiangaben am vergangenen Samstag gekommen, um mit geeinter Stimme das Ende des Mullah-Regimes zu fordern. Auch in anderen Städten gingen Hunderttausende auf die Straße. Die Teilnehmenden trotzten Regen und Wind, trugen Schilder mit den Fotos der Opfer mit sich. Viele zeigten aber auch das Konterfei von Reza Pahlavi, der zu der Kundgebung aufgerufen hatte.

Ausgerechnet Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Dass es ihm jetzt gelingt, Hunderttausende Exil-Iraner zu mobilisieren, sorgt bei manchen Beobachtern für Unbehagen. Der Schah, das war doch der autoritäre Monarch, gegen den iranische, aber auch europäische Linke einst massenhaft demonstriert hatten. Und jetzt soll sein Sohn der neue Hoffnungsträger sein?

Die Irritation ist nachvollziehbar, bleibt aber eine Perspektive derjenigen, die nicht betroffen sind. Unter den Protestierenden in München haben viele Angehörige verloren. Unter ihnen ist kaum jemand für die absolute Monarchie in Gestalt des nun in der Exil-Opposition aktiven Schah-Sohns. Allenfalls eine konstitutionelle Monarchie wäre denkbar und akzeptabel, wie in Spanien oder den Niederlanden. Hauptsache, keine Mullahs, keine Massenmörder mehr. Hauptsache, eine realistische Alternative.

Wie in München sehen es auch viele Menschen im Iran. „Der gestrige Tag hat mir alle meine Schmerzen genommen“, schreibt eine Iranerin, die bei den Protesten angeschossen wurde. Viele dachten, dass sich im Ausland niemand für ihr Leid interessiert und die Welt sie vergessen hat. Und jetzt gehen Millionen Menschen weltweit auf die Straße. Das gibt Hoffnung.

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2 Kommentare

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  • Die Irritation ist eben nicht nur eine Perspektive der Nicht-Betroffenen (was ohnehin kein sachlicher Einwand ist), sondern wird auch in erheblichem Umfang von iranischen Oppositionellen geteilt, die keineswegs alle hinter dem gerade medial gehypten Prinzen steht. Eine gemeinsame Demonstration macht noch keine politische Einheit aus (zumal die Teilnehmerzahl doch Recht hoch angesetzt wird, um das einmal vorsichtig zu formulieren). Hier zeigt sich das Elend der Vermischung von Journalismus und Aktivismus: reale Komplexitäten werden einer politischen Agenda geopfert. Und wenn diese der geistigen Mobilmachung für den nächsten Krieg im NO dient, ist das umso gefährlicher.

  • Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass die iranische Opposition- die ja in Wahrheit die absolute Mehrheit der Iraner umfasst- nicht von uns vor Pahlevi gewarnt werden muss. Die Menschen sind nicht dumm, nicht naiv und auch nicht geschichtsvergessen. Sie sind einfach direkter betroffen, als alle nostalgischen Alt-68er.