Internes Dokument der Uni Hamburg: Exzellenz-Uni muss drastisch schrumpfen
Budget und Kosten der Uni Hamburg klaffen derart weit auseinander, dass die Streichung von Studiengängen droht. Denn auch die Rücklagen sind alle.
Nicht mehr so zum Feiern dürfte der Universität Hamburg sein, die gerade erst den Exzellenz-Titel bestätigt bekam. Zwar fließen nun bis 2033 die Gelder für ausgewählte Projekte, doch das Grundbudget ist zu knapp. Wie aus einem internen Dokument hervorgeht, das der taz vorliegt, gehen Budget und Kosten bis 2032 derart auseinander, dass ein Abbau von „10,5 %, 20 % oder noch mehr?“ erforderlich wird.
Nötig seien strukturelle Einsparungen von „mindestens“ jenen 10,5 Prozent, heißt es in dem Papier, über das zuerst das Hamburger Abendblatt berichtet hat. Doch berücksichtige man die strukturelle Unterfinanzierung und die Integration von „on Top“-Professuren und weitere Querschnittaufgaben, liege die nötige Anpassung bei „eher 20 %“.
„Ganze Studiengänge stehen vor dem Aus“, heißt es in einer Erklärung der „AG Ausfinanzierung“, die Studierende, wissenschaftliche Mitarbeitende und Lehrende gegründet haben, um das Ruder noch herumzureißen. Sie fordern, dass die Stadt Hamburg das Loch von etwa 30 Millionen Euro im Budget seiner größten Uni ausgleicht. Rechnen würde sich das, sagen sie, flössen doch von jedem in Hochschulen investierten Euro rund 1,90 Euro in die Stadt zurück.
Wie berichtet, hat die Uni mit ihren rund 43.000 Studierenden schon in diesem Jahr ein Finanzproblem, weil höhere Tarife und gestiegene Kosten für Cyber-Sicherheit nicht ausgeglichen wurden und ihre Rücklagen aufgebraucht sind. Jede der acht Fakultäten soll deshalb 4,5 Prozent einsparen. Der Allgemeine Studierendenausschuss Asta riet deshalb bereits vom Studium dort ab.
Bisherige Kürzung erst der Anfang
Uni-Präsident Hauke Heekeren warnte im Herbst, in einigen Fächern gerate „die Studierbarkeit zunehmend unter Druck“. Immer mehr Studierende fänden keine Betreuung für ihre Abschlussarbeit, Bibliotheken bestellten wichtige Publikationen ab und dauerhaft unbesetzt gehaltene Stellen gefährdeten Studiengänge.
Doch nun zeigt sich, dass jene 4,5-Prozent-Kürzung erst der Anfang war. Alexander Lemonakis, der Sprecher des Präsidenten, erklärt der taz, im Rahmen eines langfristig angelegten Strukturprozesses gehe man derzeit von „Zielwerten in Höhe von mindestens 10,5 Prozent für die Fakultäten beziehungsweise 11 Prozent für die zentrale Verwaltung für den gesamten Zeitraum bis 2032“ aus.
Beschlossen sei aber noch nichts. Die Uni befinde sich in „engem und konstruktiven Austausch“ mit der Wissenschaftsbehörde. Unter den gestiegenen Kosten befinden sich allein vier Millionen Euro für IT-Sicherheit und die höheren Kosten von 8,35 Prozent durch einen Tarifabschluß aus dem Jahr 2023. Insgesamt fehlten 22 Millionen Euro.
Hamburgs Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) hatte in der Zeit erklärt, „die Uni Hamburg hat ein Defizit und muss da rauskommen“, und einen Abbau von Studienplätzen angeregt. Zu dem neuen Papier befragt, erklärt ihre Sprecherin Helen Hahne, die Stadt habe in den vergangenen Jahren für alle Hochschulen Tarifsteigerungen aufgefangen und Energiekosten ausgeglichen. Die Behörde nehme die Sorgen der Uni sehr ernst. Doch die kolportierten Zahlen über einen Abbau bis 2032 lägen der Behörde noch nicht vor und könnten deshalb nicht kommentiert werden.
Erklärung der „AG Ausfinanzierung“
Aktuell für 2026 ist festgelegt, dass die Uni 10.243 Anfängerplätze anbietet. Auf die Frage, wie viele Plätze die Uni denn nach Einschätzung der Behörde abbauen könnte, gibt diese zur Antwort, dies werde mit der Uni für die Jahre 2027 und 2028 in Zielvereinbarungen festgelegt, die noch nicht abgeschlossen sind. Die Kultusminister gingen bis 2028 von steigenden Schülerzahlen aus und ab 2029 von einem Rückgang. Das werde bei der Planung „berücksichtigt“.
Die grüne Hochschulpolitikerin Selina Storm erklärt: „Es stimmt nicht, dass Hamburg seine Hochschulen in den vergangenen Jahren kaputtgespart hat.“ Doch die Universität müsse nun ihr strukturelles Defizit abbauen. „Dazu gehört auch, die Studienkapazitäten in den Blick zu nehmen.“ Zahlen nennt auch sie nicht. Angesichts kommender Abiturjahrgänge und des Fachkräftebedarfs wäre es jedoch falsch, „in einer zu kleinen Perspektive die Zukunft zu suchen“. Ihre Kollegin Philine Sturzenbecher von der SPD-Fraktion spricht von „Anpassungen mit Augenmaß“.
Die CDU hält indes einen Strukturabbau von 10,5 Prozent für „nicht hinnehmbar“. Auch eine Reduzierung von Studienplätzen wäre „bildungs- und wirtschaftspolitisch das falsche Signal“, erklärt deren Hochschulpolitikerin Anna von Treuenfels-Frowein.
Selina Storm, Grüne, Hochschulpolitikerin in Hamburg
Auch die Linke Sabine Ritter hält eine Kürzung der Kapazitäten für „überhaupt nicht akzeptabel“. Nach ihrer Kenntnis wurde der Uni jahrelang suggeriert, dass sie ihre Rücklagen aufbrauchen möge und die Ausfinanzierung dann von der Behörde übernommen werde, sagt Ritter. Nun seien die Rücklagen aufgebraucht und Rot-Grün habe scheinbar nicht vor, der Universität beizuspringen, sagt Ritter. „Vielmehr duckt sich der Senat komplett weg.“
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