Internationale Anwältin zu Empowerment: „Gesetzentwürfe, die auf dem Papier bleiben, reichen nicht“
Wie kann man Menschen in Konfliktregionen rechtlich beistehen? Unsere Autorin gibt einen Einblick in ihre Arbeit als Anwältin für Frauenrechte.
Ich sehe mich als internationale Anwältin an der Schnittstelle von Gender, Justiz und institutionellen Reformen, meist in Konflikt- oder Krisenländern.
Dort arbeite ich seit fast zwei Jahrzehnten mit lokalen Akteur:innen, die unter extrem schwierigen Bedingungen versuchen, die Justiz aufrechtzuerhalten. Ich unterstütze sie bei Rechtsreformen, vertrete weibliche Überlebende in komplexen Fällen und entwickele Programme, die Frauen den Zugang zur Justiz erleichtern.
Ich habe Initiativen gegründet und geleitet, die Rechtshilfe anbieten, Ressourcen für Justizarbeit mobilisieren und Fachkräfte im Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt stärken.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Oft sind es Frauen in fragilen Staaten, deren Erfahrungen jedoch selten Eingang in globale Debatten finden. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht deshalb darin, solche Frauen mit politischen Plattformen und Netzwerken zu verbinden, damit ihr Wissen in internationale Diskurse einfließt.
In der Praxis ankommen
Viele der Frauen, mit denen ich arbeitete, standen unter massivem politischem Druck. Sie mussten gesellschaftlichen Widerstand aushalten und gingen nicht selten ein persönliches Risiko ein. Trotzdem setzten sie ihre Arbeit fort, unterstützten Überlebende, hielten Institutionen funktionsfähig oder bauten neue auf.
Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.
Eine von mir mitgegründete Organisation unterstützt Frauen in Afghanistan mit Rechtsbeistand, Mediation, psychosozialer Hilfe und Fortbildungen für Fachkräfte. Ziel ist es, Frauen in schwer zugänglichen Rechts- und Sozialsystemen Orientierung zu geben und Frauen darin zu bestärken, diese Arbeit lokal fortzuführen.
Mein Weg wurde früh von Anwältinnen und Reformerinnen geprägt, die sich in Kontexten instabiler Institutionen und widriger Machtverhältnisse für Gerechtigkeit einsetzten.
Die enge Zusammenarbeit mit ihnen veränderte mein Verständnis von Justiz grundlegend: Gesetzentwürfe, die auf dem Papier bleiben, reichen nicht. Entscheidend sind Führungsstärke, belastbare Beziehungen und Beharrlichkeit, damit rechtliche Veränderungen tatsächlich in der Praxis ankommen.
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Fortschritt ist nicht linear
Was mich heute antreibt, ist die Überzeugung, dass diese Akteurinnen nicht isoliert bleiben dürfen. Ihre praktischen Kenntnisse, Wissen und ihre Analyse komplexer Systeme sind unverzichtbar, um Gerechtigkeit zu realisieren. Durch die Arbeit habe ich gelernt: Fortschritte verlaufen selten linear. Reformen entstehen meist schrittweise, durch zähe Verhandlungen und kreative Lösungen innerhalb stark begrenzter Systeme.
Um diese Arbeit über lange Zeit leisten zu können, muss man körperlich und emotional gut aufgestellt sein. Sonst verliert man schnell die Hoffnung. Wichtig ist: die Belastung nicht zu individualisieren. Die Menschen, die am nächsten dran sind, können sich nicht einfach zurückziehen, sondern leben dauerhaft in diesen Realitäten.
Es gibt Situationen, in denen Rückzug keine Option ist. Manche Krisen dauern Jahre. Dann heißt es, zu akzeptieren, über lange Zeit im Krisenmodus zu arbeiten.
Zwischen diesen Phasen versuche ich, das zu tun, was viele tun, um geerdet zu bleiben: Sport, Zeit im Freien, lesen und bewusst nach Momenten von Humor und Freude im Alltag suchen. Diese Routinen helfen mir, inmitten anhaltender Belastungen handlungsfähig zu bleiben, ohne den Kontakt zu mir selbst und zu den Menschen, mit denen ich arbeite, zu verlieren.
Roopa als Beispiel
Solidarität ist keine symbolische Idee, sondern eine langfristige Verpflichtung. Wer Gerechtigkeit in schwierigen Umgebungen fördern will, muss bereit sein, sich über Jahre – manchmal Jahrzehnte – zu engagieren, weil echte Veränderungen selten schnell geschehen.
Solidarität heißt für mich, in langen Zeiträumen zu denken: Beziehungen aufzubauen, die auf Vertrauen beruhen, verlässlich präsent zu bleiben und Partner auch dann zu unterstützen, wenn Fortschritte stocken oder Rückschläge eintreten. In der Praxis bedeutet das, auch anzuerkennen, dass jene, die einem Problem am nächsten sind, meist am besten wissen, wie Systeme verändert werden müssen – ihre Führungsrolle zu stärken, statt sie zu ersetzen, ist für mich Kern gelebter Solidarität.
Roopa lernte ich über die Young Global Leaders Community des Weltwirtschaftsforums kennen. Wir nahmen an einem Programm zu Führungsfragen teil, wo wir erstmals Zeit miteinander verbrachten und gemeinsame Interessen entdeckten. Roopa engagiert sich für den besseren Zugang von Frauen zur Gesundheitsversorgung – ein Feld, das eng mit meiner eigenen Arbeit an Gender und Justiz verknüpft ist.
In der aktuellen Folge des taz-Podcasts „Fernverbindung“ spricht taz-Redakteurin Anastasia Zejneli mit Korrespondentin Katharina Wojczenko über feministische Kämpfe in Kolumbien.
Besonders beeindruckt hat mich, wie früh Roopa ihre Berufung fand: Bereits mit neun Jahren wusste sie, wofür sie ihr Leben einsetzen wollte. Roopas Stärke liegt in ihrer Fähigkeit, sich in verschiedenen Welten zu bewegen – Wissenschaft, Praxis und Bewegungsaufbau – und Brücken zwischen Ideen, Institutionen und Menschen zu schlagen.
Noch eindrucksvoller ist jedoch, wie authentisch Roopa ihre Werte lebt. Einmal waren wir auf einer Party, auf der Roopa spontan mit einer jungen Frau ins Gespräch kam. Obwohl sie sich nicht kannten, ermutigte Roopa sie, über ihre Ziele nachzudenken und größere Träume zu wagen. Auch in alltäglichen Begegnungen jenseits des Berufs bleibt sie konsequent integer und inspirierend.
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