Intensivstationen in der zweiten Welle: Angst vor dem Kollaps
Die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen im Norden steigt. Reichen die Kapazitäten? Und wohin mit der Angst, dass nicht?
Intensivstationen sind Orte, an die man mit Angst und Faszination denkt. Der Zugang zu ihnen war schon immer beschränkt und wer Zutritt erhält, sieht sich vor allem Maschinen gegenüber und die wenigen Menschen sind nahezu gesichts- und körperlos hinter ihrer Schutzkleidung.
Das Leben der PatientInnen scheint vor allem von diesen Maschinen abzuhängen, deren Funktion ein Laie nicht versteht. Es ist eine beängstigende Welt, die aber in der Präzision der Abläufe und Instrumente beeindruckt – und beruhigt.
Derzeit sind die Intensivstationen einer der meistdiskutierten Punkte in der Coronadebatte, und zwar in einer sonderbaren Gleichzeitigkeit als Ort und als Unort. Einerseits sind sie virtuell präsent, ihre Standorte und Verfügbarkeit lassen sich online jederzeit einsehen und werden regelmäßig aktualisiert. Zugleich wird in diesen Wochen das öffentliche Leben zurückgefahren, um die noch freien Plätze auf den Stationen erst gar nicht belegen zu müssen.
Solidarisch aus der Krise
Angst, auch die belächelte „German Angst“, sei ein wichtiges Frühwarnsystem und Korrektiv, sagt Silke Beck vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in einem Interview, das das Bundesforschungsministerium auf seine Internetseite gestellt hat. Abgefragt wird die Angst schon länger in jährlichen Statistiken. Nun kommt die Frage hinzu, was genau in der Pandemie die Menschen bedrückt.
Dabei scheint die Angst davor, sich zu infizieren, zwar zu steigen, aber wesentlicher ist die Sorge vor wirtschaftlichen Folgen der Pandemie – und die Angst um Angehörige. Das ist bemerkenswert in einer Zeit, in der häufiger von Verteilungskämpfen als von Solidarität zwischen den Generationen die Rede ist. Dazu passt, dass 92 Prozent der im Auftrag der Bundesregierung von Infratest Befragten glauben, dass die Krise nur gelöst werden kann, wenn die Menschen solidarischer miteinander umgehen.
Das Potenzial der Angst
Nun sind Bekenntnisse dieser Art erst einmal Theorie. Aber positiv gedeutet verweisen sie auf das, was der dänische Philosoph Søren Kierkegaard als Potenzial der Angst beschrieb: Sie sei der Blick des Individuums in den Abgrund und eben dort erkenne es den „Schwindel der Freiheit“. Einer Freiheit, in der die oder der einzelne allein Entscheidungen treffen kann und muss.
Und eine ähnliche Fremdheit erkennt der Philosoph Martin Heidegger, noch so ein düsterer Kenner der Angst, wenn er erklärt, dass in ihr die alltägliche Vertrautheit zusammenbricht.
Wir können uns also umsehen und mit neuer Fremdheit auf Situationen blicken, die gar nicht alle grundsätzlich neu sind, aber eine neue Dramatik bekommen haben. Wir können darüber nachdenken, wer gerade wie tief fällt und welche Netze ausgebreitet werden.
Wir können die schlichte Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass Menschen, die von ihnen Nahestehenden nicht mehr besucht werden können, irgendwann sterben wie Blumen ohne Wasser. Wir können zur Kenntnis nehmen, dass hochtechnisierte Intensivstationen nichts nutzen, wenn niemand dort arbeiten will.
Der Schwindel der Angst
Es ist nicht so, dass der Schwindel der Angst notwendigerweise Gutes zutage fördert. Gemeingut der Psychologie ist, dass Angst in Aggression umschlagen kann. Das Ergebnis kann man auf einschlägigen Demonstrationen sehen.
Wer das Pech hat, BürgerIn in einem Land wie Ungarn zu sein, muss zusehen, wie Coronamaßnahmen dazu dienen, die Rechtsstaatlichkeit weiter zu unterhöhlen. Man kann im Schwindel nationale Egoismen erkennen und man kann fragen, warum weder Flüchtlingselend noch Klimakrise vergleichbare Kräfte mobilisieren.
Nicht jederR hat die gleichen Voraussetzungen, mit dem Potenzial der Angst umzugehen. Ein Coronaverdacht in einer Flüchtlingsunterkunft ist eine fundamental andere Erfahrung als der in einer bundesdeutschen Durchschnittsfamilie. Aber auch das gilt es in den Blick zu nehmen: Unser Schwindel ist Chance und Privileg, so absurd das klingen mag.
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