Coronapandemie und Kliniken: Die Welle rollt an

In den nächsten Wochen werden immer mehr Covid-19-Erkrankte die Kliniken füllen. Zur Not sollen Patient*innen bundesweit verteilt werden.

Krankenbetten in einem Notfallkrankenhaus

Das Berliner Notfallkrankenhaus auf dem Messegelände steht noch leer Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

BERLIN/BREMEN taz | Diese Woche hatte Andreas Schneider einen Patienten, der nach einer Herzklappen-OP vier Tage im Koma lag. Zwei Tage vor seinem Hochzeitstag ist er aufgewacht, seine Frau half und motivierte ihn, bis er endlich wieder etwas essen konnte. Es ist eine dieser schönen Geschichten aus dem Alltag des Intensivpflegers Schneider. Deshalb macht er die Arbeit seit 16 Jahren, derzeit im Klinikum Links der Weser in Bremen. Der Patient war einer, der ihm das Gefühl gab, alles richtig gemacht zu haben.

Mit Covid-Patient*innen arbeitet Schneider derzeit, anders als in der ersten Welle der Pandemie, noch nicht wieder. Er erzählt diese Geschichte, um zu zeigen: Als Intensivpfleger geht es nicht nur darum, Menschen am Leben zu halten, sondern für sie da zu sein. Oft ist er Seelsorger, auch für die Angehörigen.

Jetzt, da die zweite Welle der Pandemie einschlägt, gehen diese Aspekte der Arbeit in den Kliniken unter – die Frage verengt sich darauf, ob Betten und Personal irgendwie reichen. Derzeit liegen in den Kliniken in Deutschland immer mehr Covid-19-Patient*innen, die intensiv behandelt werden, 2.753 waren es am Freitag. Rund 7.000 Betten sind bundesweit noch frei. Das Wachstum der Kurve bei den Infizierten verlangsamt sich zwar allmählich: 21.506 neue Corona-Infektionen sind zuletzt an einem Tag erfasst worden, 166 Menschen verstorben.

Bis zu sechs Wochen auf der Intensivstation

Sollte sich der Trend tatsächlich bestätigen und die Einschränkungen sollten wirken, ist das aber noch keine Entwarnung für die Kliniken: Dort kommen die schwer Kranken, die auch beatmet werden müssen, erst mit einer Verzögerung von 14 Tagen nach den Infektio­nen an. Zuletzt hat sich die Zahl der Intensivpatient*innen binnen elf Tagen verdoppelt. Und sie bleiben lang, manche liegen bis zu sechs Wochen auf den Intensivstationen. Die füllen sich also zunehmend, während zunächst kaum Covid-19-Erkrankte entlassen werden.

Einzelne Regionen können deshalb schnell überlastet sein. „Ich habe Angst, dass es wieder so wird wie in der ersten Welle: viel Arbeit, wenig Pause, sodass man den Patienten nicht mehr gerecht wird“, sagt Schneider. Damals, im April, hat er einmal in einer Schicht so viel geschuftet, dass er beinahe kollabiert wäre.

Auch wenn die Betten rechnerisch noch reichen: In Bremen, sagt Schneider, seien sie jetzt schon an ihren Grenzen. Aus Abteilungen wie der seinen werde Personal abgezogen, um Covid-19-Patient*innen behandeln zu können. „Das ist eine Teamleistung der ganzen Klinik“, sagt er.

Egal, wo man anruft: Überall heißt es, den großen Engpass gebe es bei den Pflegekräften.

Am Mittwoch startete die Berliner Krankenhausgesellschaft einen Aufruf: „Bitte kontaktieren Sie die Krankenhäuser und helfen Sie bei der Versorgung der wachsenden Anzahl an Covid-19-Patientinnen und -Patienten“, schrieb sie. Und auch die Berliner Charité schreibt: „Freie Intensivbetten stehen noch zur Verfügung – der bundesweit anhaltende Fachkräftemangel an Pflegepersonal wird zum limitierenden Faktor.“

Um in einzelnen Regionen einen Kollaps zu vermeiden, sollen Patient*innen zur Not bundesweit verteilt werden, so heißt es in einem Bund-Länder-Strategiepapier, das der taz vorliegt. Drei Stufen sieht es vor. Von normalen Verlegungen zwischen Kliniken einer Region bis zur dritten, der roten Stufe: Da sollen je drei bis fünf Bundesländer zu einem „Kleeblatt“ zusammengefasst werden und gemeinsame Krisenstäbe die Verlegungen organisieren.

Die ADAC-Luftrettung meldete unterdessen, man stehe mit 37 Hubschraubern bereit: „Wenn Sie Meldungen bekommen, dass Intensivstationen voll sind, dann können Sie damit rechnen, dass wir fliegen“, so ein Sprecher.

Provisorisches Notfallkrankenhaus auf dem Messegelände

Noch aber sind das nur Pläne, die Kleeblatt-Krisenstäbe haben ihre Arbeit noch nicht aufgenommen, heißt es aus Regierungskreisen. Auch in Berlin werden Reserven noch nicht angezapft: Dort steht ein provisorisches Notfallkrankenhaus auf dem Messegelände nach wie vor leer.

Die Verfügbarkeit von Pflegekräften schlägt sich auch auf eine andere Frage nieder: wie und ob Angehörige ihre erkrankten Freunde und Verwandten besuchen können. Mit mehr Personal könnte auch ein Hygienekonzept gestemmt werden, das Besuche erlaubt, sagt Daniela Golz. Sie ist Patientenfürsprecherin im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin und betont, wie wichtig Besuche für Patient*innen sind.

Für Menschen, die nur wenige Tage im Krankenhaus sind, seien Besuchsverbote noch erträglich, sagt sie. Bei Pa­tient*innen, die längere Zeit in der Klinik bleiben müssen oder schwer krank sind, ist das anders. Vergangene Woche etwa habe sie eine Frau angerufen, die verzweifelt war, weil sie dachte, sie dürfe ihren Mann auf der Intensivstation nun gar nicht mehr besuchen. „Sie wurde dann aber sogar von der Klinik gebeten zu kommen“, erzählt Golz.

Die taz hat in mehreren Bundesländern nachgefragt, wie und ob Besuche von Angehörigen in Krankenhäusern in der Coronakrise erlaubt sind. Mittlerweile haben dazu viele Länder Verordnungen erlassen. Die sind unterschiedlich streng gefasst. In Berlin dürfen Pa­tien­t*innen grundsätzlich einmal am Tag von einer Person besucht werden, so wie in Baden-Württemberg.

Abgang Trump, Auftritt Joe Biden. Ein Portrait des mutmaßlich neuen US-Präsidenten lesen Sie in der taz am wochenende vom 7./8. November 2020. Außerdem: Eine Frau ist unheilbar krank, sie entscheidet sich für Sterbefasten. Ihre Tochter begleitet sie in der letzten Lebensphase. Eine Geschichte vom Loslassen. Und: Träumen wir uns in Lockdown-Zeiten weit weg. Mit der guten alten Fototapete. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

In Thüringen sind es zwei Besucher*innen für höchstens zwei Stunden. Im Saarland gibt es ein Besuchsverbot. Hamburg hingegen hat seine Vorgaben im Juni gelockert und weist die Kliniken jetzt an, durch geeignete Maßnahmen zu verhindern, dass das Coronavirus in die Krankenhäuser getragen wird.

Doch es gibt auch Ausnahmen: In Berlin dürfen schwerstkranke und sterbende Menschen und kranke Kinder unter 16 Jahren uneingeschränkt besucht werden, auch andere Länder handhaben das so. Frauen dürfen sich von einer Person zur Geburt begleiten lassen und danach auch eine Stunde täglich besucht werden. Allerdings dürfen die Kliniken überall nach eigenem Ermessen strengere Regeln aufstellen.

So machen es einige Kliniken in Niedersachsen, wo es keine strikten landesweiten Vorgaben mehr gibt, sondern die Kliniken angehalten sind, selbst Lösungen zu finden. Im Frühjahr war dort mit der Coronaverordnung auch ein Besuchsverbot in Krankenhäusern festgelegt worden. Die Krankenhäuser in der Region Osnabrück handhaben das nun wieder so. Doch auch hier gilt: Kritisch kranke Menschen, beispielsweise auf der Intensiv- oder Palliativstation, und auch sterbende Menschen dürfen besucht werden. Und auch hier dürfen Part­ner*innen Frauen bei der Geburt begleiten.

„Wir wollen unsere Patientinnen und Patienten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einem Risiko der Infektionsübertragung durch Besucher schützen“, erklärt Dieter Lüttje, stellvertretender ärztlicher Direktor des Klinikums Osnabrück, die Maßnahmen am Telefon. Es gebe aber auch die besonderen Fälle: Während der ersten Welle habe einem jungen Mann nach einem Unfall ein Bein amputiert werden müssen. „Da war es wichtig, dass bei seinem Aufwachen jemand da ist, der das mit ihm aushält.“

Die erst kürzlich in Deutschland erlaubten Antigen-Schnelltests helfen in den Kliniken bisher kaum

Das Beispiel macht klar, was alle Kliniken, mit denen die taz gesprochen hat, versuchen umzusetzen: Die Patient*innen sollen in besonders schwierigen Situationen nicht allein sein, das gilt auch für Covid-Patient*innen. Auch wenn Infektionsschutz immer vorgeht, niemand soll alleine sterben. Das zu vermeiden sei der Klinik ein besonderes Anliegen, sagt Lüttje.

Dass das Besuchsverbot für alle nicht schwer erkrankten Patient*innen und ihre Angehörigen hart ist, steht für ihn außer Frage. Wie schon während der ersten Welle wurden die Telefone und das Internet für alle Patient*innen freigeschaltet. Um die Belastung für sie etwas abzumildern, wie Lüttje sagt.

Die erst kürzlich in Deutschland erlaubten Antigenschnelltests helfen in den Kliniken dagegen bisher kaum. Sie sollen eigentlich binnen 15 bis 30 Minuten prüfen, ob jemand infiziert ist. Sensitivität und Spezifität entsprächen aber noch nicht dem Standard der besseren PCR-Tests, sagt Lüttje. „Es gibt also keine ausreichende Sicherheit, dass jemand, der negativ getestet wurde, auch wirklich nicht infiziert ist. Andererseits kann es falsch positive Testergebnisse geben“, warnt er. Hinzu kommt: Schnelltests würden für die Klinik einen erheblichen personellen Mehraufwand bedeuten, der dann an anderer Stelle fehle, sagt Lüttje.

Antikörpertests sind noch viel zu unsicher

Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Laborärzte, weist darauf hin, dass es bisher noch keine unabhängige Validierung dafür gibt, wie gut die Tests sind. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte führt zwar eine Liste mit fast 40 Antigentests, aber das sei nur eine Marktübersicht, sagt ein Sprecher.

Weder das Robert-Koch-Institut noch das für die Zulassung von Medizingeräten zuständige Paul-Ehrlich-Institut sind von der Bundesregierung mandatiert, die Tests zu überprüfen. Derzeit verlassen sich alle Einrichtungen bei den Tests auf Herstellerangaben. „Das ist viel zu unsicher, um diese Teste in empfindlichen Bereichen einzusetzen“, sagt Bobrowski.

Das bedeutet auch: Für Pfleger wie Andreas Schneider werden die Schnelltests kaum Entlastung bringen. Die erste Coronawelle hat ihn so mitgenommen, dass er sich seinen ganzen Frust von der Seele gerappt hat. Zusammen mit zwei Musiker*innen aus Hamburg nahm er einen Song auf: „Keine Pause“. „Platt, platt und am Limit, bin ich eine Gefahr? Darauf komm ich nicht klar“, singt er darin. Das war die Angst in der ersten Welle – dass man eventuell selbst die Patient*innen ansteckt. „Niemand hatte so etwas je durchgemacht.“ Wirklich weg sei diese Angst nicht.

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