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Integrationskurse gestrichenBundesregierung verbaut Ukrai­ne­r*in­nen den Weg in den Job

Ukrai­ne­r*in­nen finden sich bisher gut in Deutschland ein. Die Bundesregierung gefährdet das, indem sie Jobcenterberatung und Integrationskurse streicht.

Eine junge Frau, die aus der Ukraine geflüchtet ist bekommt im neu eröffneten Jobcenter Hilfe beim ausfüllen von Formularen (2022) Foto: Jens Krick/Flashpic/picture alliance

Die Bundesregierung reißt einen der größten Erfolge deutscher Integrationspolitik ein. Zwar haben immer mehr geflüchtete Ukrai­ne­r*in­nen in Deutschland einen Job, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt – doch Union und SPD streichen systematisch die Programme zusammen, auf die diese Entwicklung zurückzuführen ist. Ex­per­t*in­nen kritisieren insbesondere, dass die neu Ankommenden inzwischen nicht mehr von den Jobcentern betreut werden. Seit Kurzem wird ihnen nun auch der Zugang zu Integrationskursen verwehrt.

Die Au­to­r*in­nen stellten die IAB-Studie am Dienstag bei einem Pressegespräch des Mediendiensts Integration vor. Demnach hat mittlerweile die Hälfte der Ukrai­ne­r*in­nen eine Arbeitsstelle, wobei sich die Werte von Männern und Frauen kaum unterscheiden. In der Gesamtbevölkerung sind es 68 Prozent. Ukrainische Frauen arbeiteten jedoch häufiger in Teilzeit als Männer. Das liegt unter anderem an fehlenden Kitaplätzen und daran, dass viele Ukrainerinnen ihre Kinder allein groß ziehen, weil ihre Partner in der Ukraine Militärdienst leisten.

Studien zeigen immer wieder, wie wichtig Jobs dafür sind, dass Menschen wirklich in einer Gesellschaft ankommen

Das wohl interessanteste Ergebnis der Studie ist aber, dass Ukrainer*innen, die nach dem Juni 2022 nach Deutschland kamen, deutlich schneller einen Job fanden, als diejenigen, die früher flohen. Bei den Frauen, die vor dem Juni 2022 kamen, hatten zwei Jahre später rund 28 Prozent einen Job. Bei denen, die später kamen, waren es nach derselben Zeit etwa 35 Prozent. Ähnlich ist das Bild bei den Männern.

Der Unterschied: Ab Juni 2022 bekamen neu ankommende Ukrai­ne­r*in­nen Bürgergeld (bald Grundsicherung) statt die niedrigeren Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz wie bisher. Damit ging auch eine engere Betreuung durch die Jobcenter einher.

Alles zurückdrehen

Alle Ukrai­ne­r*in­nen profitierten außerdem im Gegensatz zu anderen Geflüchteten davon, dass sie keinen Asylantrag stellen mussten, der oft mit zermürbend langen Wartezeiten und großer Unsicherheit verbunden ist. Stattdessen bekamen sie über die Massenzustromrichtlinie der EU pauschal Schutz zugesprochen. Auch die sonst üblichen anfänglichen Arbeitsverbote entfielen damit. Und dass sich Ukrai­ne­r*in­nen im Gegensatz zu anderen Geflüchteten ihren Wohnort von Anfang an frei aussuchen konnten, dürfte es ihnen zusätzlich erleichtert haben, in Deutschland anzukommen und einen Job zu finden.

All das bedeutet mehr als nur neue Arbeitskräfte für die vom Fachkräftemangel geplagten Unternehmen in Deutschland. Studien zeigen immer wieder, wie wichtig Jobs dafür sind, dass Menschen wirklich in einer Gesellschaft ankommen, sozial Anschluss finden, Selbstwertgefühl aufbauen.

Die Politik gegenüber den Ukrai­ne­r*in­nen könnte also eine echte Erfolgsgeschichte sein – wenn nicht die schwarz-rote Bundesregierung gerade dabei wäre, viele Fortschritte wieder zurückzudrehen. Ende 2025 beschloss das Kabinett einen sogenannten Rechtskreiswechsel für alle Ukrainer*innen, die seit April letztes Jahr eingereist sind. Das sind bisher wohl rund 100.000 Personen, rund 12.000 kommen derzeit nach Schätzungen pro Monat hinzu. Sie erhalten kein Bürgergeld mehr, sondern wieder die niedrigeren Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Auch die Betreuung durch die Jobcenter fällt weg.

Außerdem teilte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Bamf vor anderthalb Wochen mit, Integrationskurse künftig nur noch für solche Zu­wan­de­r*in­nen zu bewilligen, die dazu von den Behörden verpflichtet werden. Und das geschieht fast ausschließlich bei Personen, die Bürgergeld beziehen. Neuankommende Ukrai­ne­r*in­nen sind deshalb von den Kursen ausgeschlossen, die Zugewanderten nicht nur Grundwissen über die deutsche Gesellschaft, sondern auch Deutschkenntnisse beibringen. Als Begründung für die Einschränkungen nannte das zuständige Bundesinnenministerium (BMI) unter Alexander Dobrindt (CSU) vage, es müsse gespart werden.

Kürzungen treffen auch Unternehmen

Ex­per­t*in­nen sind entsetzt über die Kurswende im Umgang mit den Ukrainer*innen. Prof. Yulyia Kosyakova, Forschungsbereichsleiterin am IAB und eine der Au­to­r*in­nen der neuen Studie sagte: „Wir erwarten, dass der Rechtskreiswechsel die Arbeitsaufnahme verlangsamt.“ Die Kürzungen bei den Integrationskursen seien „kontraproduktiv“. Ihr Kollege Philipp Jaschke sagte: „Wir wissen, dass sich Spracherwerb nachhaltig auszahlt.“ Auch wenn er nachvollziehen könne, dass gespart werden solle, seien Kürzungen bei den Kursen „zu kurz gedacht“.

Betroffen von den Kürzungen bei den Kursen sind auch noch viele andere Zugewanderte, von denen gerade Uni­ons­po­li­ti­ke­r*in­nen sonst gern fordern, sie sollten sich möglichst geräuschlos in die deutsche Gesellschaft einfügen. So sind auch Asyl­be­wer­be­r*in­nen im laufenden Verfahren, Geduldete und EU-Ausländer künftig außen vor. Für viele Geflüchtete bedeutet das, dass sie während ihres monate- oder jahrelangen Asylverfahrens kaum Chancen haben, gut Deutsch zu lernen.

Die massive Kürzung trifft auch deutsche Unternehmen, denen potenzielle Arbeitskräfte vorenthalten werden und nicht zuletzt die Träger der Integrationskurse und die Sprachlehrer*innen. Laut Prognosen des Bamf dürfte die Zahl der Teilnehmenden im laufenden Jahr etwa um ein Drittel einbrechen. Der Blick auf Statistiken aus dem letzten Jahr zeigt, dass damals sogar rund 55 Prozent der Kursteilnehmenden dazu nicht verpflichtet waren, sondern freiwillig teilnahmen – und damit künftig nicht mehr teilnehmen könnten.

Auch einflussreiche SPD-Abgeordnete hatten die Entscheidung des BMI, die Kurse einzukürzen, in den letzten Tagen scharf kritisiert. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik sagte: „Sparen bei Integrationskursen kommt uns teurer zu stehen.“ Auch Grüne und Sozialverbände sind erbost.

Und sogar einzelne Uni­ons­po­li­ti­ke­r*in­nen übten Kritik. CSU-Politiker Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Städtetages, sagte den Funke-Medien kürzlich: „Wenn wir von Zugewanderten zurecht Integrationsbereitschaft einfordern, erscheint es nicht hilfreich, gerade den Zugang zu Integrationsangeboten genau für diejenigen einzuschränken, die auf eigene Initiative teilnehmen wollen.“

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7 Kommentare

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  • Zwei Fragen die mich interessieren.



    1.) Warum ist der Anteil der arbeitenden Ukrainer in Polen deutlich höher, obwohl es dort weder Sprach- noch Integrationskurse gibt?



    2.) Warum ist der Anteil derer, die in den Kursen anwesend sind bei 40%?

    • @Reinero66:

      Zu1. Ukrainisch und polnisch sind sich sprachlich sehr ähnlich. Da dürfte die Integration leichter fallen.

  • Wundert sich noch jemand? Es ist doch Tradition, Integration nicht zu fördern. Seit man Gastarbeiter ins Land holte (von denen man erwartete, dass sie sich eine Weile „gebrauchen lassen“ und dann wieder gehen), vermisst man in diesem Lande entsprechendes Handeln und überließ es der individuellen Verantwortung. Und in vielen Fällen wird die individuelle Leistung (bzgl. Integration) auch noch mit Abschiebung bestraft (eingeschlossen Jugendliche mit Ausbildungsplatz), während man sich von Kriminellen (die das Bild der vielen hilfreichen nichtdeutschstämmigen Menschen in den Augen blinder Inländer verderben) auf der Nase herum tanzen lässt.

  • Interessant wäre es zu untersuchen, wie sehr sich die in Deutschland ausgeübten Tätigkeiten von den früher in der Ukraine ausgeübten Tätigkeiten und der beruflichen Qualifikation unterscheiden. Angesichts des generell hohen Bildungsniveaus in den europäischen postsowjetischen Staaten wäre zu vermuten, dass vor allem Ukrainerinnen oftmals deutlich unter ihrer Qualifikation arbeiten. Und dass eine etwas längere Integrationsphase mit entsprechendem (Fach-)Spracherwerb etc. für sie - und mittelfristig auch für Deutschland - besser wäre als die schnellstmögliche Annahme des erstbesten Jobs. Aber solch eine Betrachtungsweise passt wohl nicht zum Zeitgeist.

    • @Kohlrabi:

      Der beste Integrationskurs ist immer noch die Teilhabe an Berufs- und Alltagsleben. Wieso sollte man Leute in Integrationskurse stecken, wenn sie alternativ einer bezahlten Tätigkeit nachgehen können? Aufsteigen von einem Job zu einem besseren geht ja immer (und wahrscheinlich sogar viel besser, als wenn man erst viele Monate inirgendwelchen Kursen festhängt).

  • Aus rein populistischer Überlegung geht diese Lobbyregierung das Risiko ein, ein paar Euro zu sparen, dafür aber sehr sicher an anderer Stelle erheblich mehr Aufwand betreiben zu müssen. Die Kurse helfen, die Leute in Lohn und Brot zu bringen, ohne Eingliederung werden sie den Sozialprogrammen zur Last fallen, was erheblich kostspieliger ist und zudem noch dumm. Das ist eine Tatsache, die man ernsthaft nicht bestreiten kann. Aber was machen unsere Volksvertreter*innen stattdessen? Sie schleimen um die Faschos herum und - es gibt ja die Remigration, gell?

  • Diese Entwicklung ist im wirtschaftlichen Sinne kontraproduktiv und im gesellschaftlichen Sinne unsozial.



    Hauptsächlich verantwortlich dafür ist der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, ein Name der im Artikel immerhin einmal genannt wird.



    Die Union hatte bereits im Wahlkampf deutliche Einschränkungen für Zuwanderung angekündigt.



    Die SPD ist Juniorpartner in der Koalition.



    Nun gerade die SozialdemokratInnen, die den vereinfachten Zugang für Ukrainische Flüchtlinge ermöglicht hatten, zu kritisieren, ist fragwürdig.



    Es sei daran erinnert, dass die damalige Bundesinnenministerin Faeser und der damalige Arbeitsminister Heil, beide SPD, dieses neue Flüchtlingskonzept erst ermöglicht haben.



    Das Gleiche gilt übrigens für die Novelle des Fachkräfte Zuwanderungsgesetzes, das, gerade heute, mit seinen erfreulichen Zahlen für einen weiteren Erfolg steht.



    Es wäre zu begrüßen, bei derartigen Themen trennscharf zu argumentieren.