Instrumentalisiertes Auschwitz-Gedenken: Bizarre Interpreta­tio­nen

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz werden die Opfer zur Manövriermasse. So wird das Gedenken zur Staffage.

Halle der Namen in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Israel.

Das Erinnern an die Ermordeten sollte sich nur um sie drehen Foto: Ammar Awad/reuters

Sie sind noch am Leben, die letzten Zeitzeugen von Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis. Aber ihre Stimmen werden leiser. Und mit jedem Überlebenden, der verstirbt, verschwindet auch ein Stück der Erinnerung an diese Menschheitskatastrophe. Die Zahl der Dokumente über die Verbrechen und der Interviews mit den Opfern mag gewaltig sein, die Beweislast gegen die deutschen Täter erdrückend – aber nichts kann die Stimmen derjenigen ersetzen, die aus eigenem Erleben von den Gräueltaten berichten.

Parallel zum Tod der letzten Zeugen aber ist zu beobachten, dass der Massenmord an Juden, Sinti und Roma zunehmend dazu benutzt wird, um daraus eigene Legenden zu entwickeln. Der Holocaust wird als bloße Oberfläche für nationale Narrative missbraucht, um den eigenen Staat als Inkarnation des Guten darzustellen, anderen Völkern aber eine Kollaboration mit den Nazis zu unterstellen, um sie so zum bösen Feind abzustempeln.

Nichts anderes geschieht derzeit zwischen Russland und Polen. Wenn Wladimir Putin Polen unterstellt, unter ihnen hätten sich die schlimmsten Antisemiten befunden, dann geschieht dies, um die eigene historische Verantwortung zu leugnen. Wenn die polnische Regierung als Reaktion mit dem Hinweis auf die verheerenden Folgen des Hitler-Stalin-Pakts antwortet, hat sie recht. Aber sie minimiert auch die Bedeutung der sowjetischen Streitkräfte für die Befreiung Europas, wobei diese wiederum für viele Menschen den Beginn einer neuen Diktatur bedeutete.

Mit einer Aufarbeitung von Geschichte hat all das nichts zu tun. Natürlich gab es in Polen starke antisemitische Tendenzen. Selbstverständlich hatte Stalins Pakt zur Folge, dass Polen als erstes Opfer zweier Diktaturen von der Landkarte verschwand. In diesen Erzählungen ist kein Platz für Differenzierungen. Tatsache aber ist: Es gibt keine „guten“ und „bösen“ Nationen, und keine Bevölkerung – auch nicht in den deutsch besetzten Gebieten – ist gänzlich frei von Schuld.

Die europäischen Juden sind von den Nazis aber nicht ermordet worden, weil sie den Pass dieses oder jenes Staates besaßen, sondern ausschließlich, weil sie Juden waren

Zu den bizarren nationalen Interpreta­tio­nen zählt, wenn Staaten jeweils für sich die höchste Zahl an jüdischen Opfer reklamieren, um damit den eigenen Opferstatus zu erhöhen. Die europäischen Juden sind von den Nazis aber nicht ermordet worden, weil sie den Pass dieses oder jenes Staates besaßen, sondern ausschließlich, weil sie Juden waren.

So werden die Millionen Opfer 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz umstandslos zur Manövriermasse für Versuche, die eigene Politik im 21. Jahrhundert zu rechtfertigen und der jeweils eigenen Nation einen historischen Heiligenschein zu verleihen. Und auch in Deutschland fehlt es nicht an Versuchen, die Ermordeten für eigene Zwecke zu instrumentalisieren – was praktisch ist, denn diese können sich nicht mehr wehren. Dass das vor dem Hintergrund eines wachsenden Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in ganz Europa geschieht, ist kein Zufall, sondern Programm. Dass das Gedenken an die Ermordeten damit zur Staffage wird, ist eine Schande.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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