Impfstoff nur für Industrieländer: Reiche first

Reiche Länder haben sich die meisten Impfstoffdosen gesichert. Arme Länder müssen warten. Schlau ist das auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht.

Ein Fläschen mit Corona-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech steht auf einem Tisch. Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema will im Dezember über eine Zulassungsempfehlung entscheiden.

Gefragte Ware: der Impfstoff der Mainzer Firma Biontech Foto: Biontech via dpa

BERLIN taz | Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte vor zwei Wochen vor einem „Impfstoff-Nationalismus“. Und die Gruppe der großen Industrienationen (G20) versprach auf ihrem Online-Gipfel vergangenes Wochenende, „mit allen Mitteln“ dafür zu sorgen, dass Impfstoffe gegen das Coronavirus „global gerecht verteilt werden“. Die Impfstoffverteilung sei schließlich „der Schlüssel zur Erholung der Weltwirtschaft“, hieß es in ihrer Abschlusserklärung.

Die Realität ist trotzdem eine völlig andere. Schon Monate bevor klar war, ob die Covid-19-Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca wirken würden, haben sich die reichen Länder die meisten Dosen, die diese Firmen bis weit ins kommende Jahr produzieren können, für sich gesichert.

Dabei hatten Wissenschaftler*innen der Northeastern University in Boston bereits darauf hingewiesen, dass bei einer Verteilung der ersten zwei Milliarden Dosen eines Corona-Impfstoffs ausschließlich an die 50 reichsten Länder die Zahl der weltweiten Coronatoten um 33 Prozent geringer ausfallen würde. Würde hingegen dieselbe Menge an Impfstoffen gleichmäßig auf alle Länder verteilt, würde sich die Zahl der Corona-Toten um 61 Prozent verringern.

Nun warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), eine ungleiche Verteilung der Impfstoffe zu Lasten der armen Länder dürfte auch massive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Und das würde wiederum auch die Industrieländer hart treffen.

Es drohen erhebliche ökonomische Schäden

Sollten Länder mit niedrigem Einkommen keinen Zugang zu Coronaimpfstoffen haben, würde das „erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen, die Jahrzehnte des wirtschaftlichen Fortschritts gefährden“, warnt die WHO und beruft sich auf eine Studie der Eurasia Group, die im Auftrag der Bill & Melinda Gates-Stiftung die wirtschaftlichen Auswirkungen bei einer ungleichen Verteilung der Impfstoffe untersucht hat.

Die Modellrechnungen der Eurasia Group haben ergeben, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer bei gleichberechtigter Verteilung der Impfstoffe 2021 um 0,5 Prozent stärker wachsen könnten als die vom Internationalen Währungsfonds prognostizierten 4,9 Prozent. 2020 wird die Wirtschaftsleistung dieser Länder um 1,9 Prozent zurückgehen.

Deutsche Wirtschaft wäre besonders betroffen

Bei ungleicher Verteilung der Impfstoffdosen hingegen würden diese Länder 2021 bis zu vier Prozent unter der IMF-Vorhersage bleiben. Sprich: Ihre Volkswirtschaften würden auch im kommenden Jahr noch schrumpfen. Auch über zwei Jahre gerechnet könnte das Wachstum dieser Länder je nach Impfszenario um bis zu 4,5 Prozentpunkte schwanken.

Das wiederum hat Auswirkungen auf die Industrieländer. Denn geht es den Schwellen- und Entwicklungsländern wirtschaftlich schlecht, können auch die reichen Länder weniger Waren absetzen. Am schlimmsten betroffen wäre die deutsche Wirtschaft. Im schlimmsten Szenario könnte ihr in den beiden Pandemiejahren 2020/2021 rund 2,7 Milliarden Euro an Einnahmen wegfallen, wenn die ärmeren Länder nicht von Beginn an bei der Impfstoffverteilung in gleichberechtigtem Maße berücksichtigt werden.

Impfstoff-Nationalismus ist Realität

Es sieht ganz danach aus, dass es genau so kommen wird. Denn obwohl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und andere Regierungschefs beim G20-Gipfel ausdrücklich dazu aufgerufen haben, die Impfstoffinitiative Covax der WHO zur gerechten Verteilung von Corona-Impfstoffen finanziell zu unterstützen, überwiegt bei allen reichen Ländern genau der Impfstoff-Nationalismus, den Bundespräsident Steinmeier anprangert.

Doch wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in einer Pressekonferenz im September schon sagte: „Es wäre schwer zu erklären, wenn durch deutsche Förderung die Impfungen woanders beginnen und wir selbst nichts hätten.“

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