Impfpflicht für Corona: Montgomerys Phantomdebatte

Der Weltärztepräsident fordert eine völlig unsinnige Corona-Impfpflicht. Am Ende nutzt sie nur den Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretikern.

Weltärztepräsident Montgomery

Die Geister, die er rief, sind gar nicht da: Montgomery fordert eine Impfpflicht Foto: Guido Kirchner/dpa

Der Weltärztepräsident Frank Montgomery ist für seine markigen Worte bekannt. Das hat er schon als langjähriger Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund bewiesen. Zuletzt wetterte er gegen eine Maskenpflicht mit dem Argument, die Menschen wähnten sich mit Maske sicher, vergäßen dabei aber den sehr viel wichtigeren Mindestabstand. Als „lächerlich“ bezeichnete er die Option, Schals oder Tücher zu verwenden, falls keine Maske zur Hand ist. Dabei schützt selbst ein Halstuch besser als nichts – zumal es darum geht, die Menschen in ein Verhalten einzubeziehen, das die ­Infektionsketten zumindest zum Teil unterbricht.

Montgomerys Ansichten sind also ebenso markig wie fragwürdig. Nun fordert der Weltärztepräsident bei der Bekämpfung von Covid-19 eine Impfpflicht für alle – und provoziert damit erneut eine Phantomdebatte, die in diesem Fall aber vor allem Rechtspopulisten nützt. Kein wichtiger Politiker oder Wissenschaftler fordert derzeit die Zwangsimpfung. Sie ist auch gar nicht nötig. Es wird noch nicht einmal der sanfte Zwang notwendig sein, die der Staat derzeit bei Masern anwendet. Hier ist die Impfung die Voraussetzung für den Kitabesuch der Kinder. Im Fall von Corona reicht es völlig, wenn der impfwillige Teil der Bevölkerung sich die Spritze setzen lässt.

Zwar ist auch das neue Coronavirus beängstigend infektiös. Ohne Kontaktbeschränkungen würde ein mit dem Virus Infizierter zwei bis drei Menschen anstecken. Das bedeutet: Wenn nur sechs von zehn Menschen immun sind, verschwindet das Virus aus der Bevölkerung. Masern sind jedoch noch einmal viel ansteckender, der Prozentsatz muss hier deutlich höher liegen. Daher die Kitaregeln.

Umfragen zeigen: Eine große Mehrheit hierzulande vertraut in der Pandemiebekämpfung den WissenschaftlerInnen. Viele sehnen die Impfung geradezu herbei, damit das Leben sich normalisiert, gerade auch für Risikogruppen. Die Nachfrage nach dem Pikser wird enorm sein. Die erforderliche Quote von 70 Prozent dürfte leicht erreicht werden. Umgekehrt sind Montgomerys Aussagen Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten, die Impfskeptiker zu ihrer neuen Zielgruppe erkoren haben.

Es klingt fast, als wolle der Weltärztepräsident deren Erwartungen einer „Impfdiktatur“ erfüllen. Grundsätzlich sollte jede Medikamentengabe freiwillig erfolgen. Die Pflicht zur Masernimpfung in Kitas dient dabei vor allem dem Schutz der Kinder. Sie können schließlich noch nicht entscheiden, ob sie die Vorzüge der Impfung nutzen wollen. Bei Corona wird diese Abwägung glücklicherweise nicht nötig sein.

Einmal zahlen
.

war von 2012 bis 2019 China-Korrespondent der taz in Peking. Nun ist er in der taz-Zentrale für Weltwirtschaft zuständig. 2011 ist sein erstes Buch erschienen: „Der Gewinner der Krise – was der Westen von China lernen kann“, 2014 sein zweites: "Macht und Moderne. Chinas großer Reformer Deng Xiao-ping. Eine Biographie" - beide erschienen im Rotbuch Verlag.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben