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Identität und Überwachung Ich bin, was im Netz steht

Das Internet kennt heute unerhörte Überwachungstechniken, für die ein Geheimdienst gemordet hätte. Arno Frank über digitale Doppelgänger und damit verbundene anthropologische Herausforderungen.

taz FUTURZWEI | Mir ist völlig schnuppe, was „die KI“ über mich „weiß“, besser: was „Large Language Models“ über mich so daherplappern mögen. Ich habe auch noch nie meinen Namen in eine gewöhnliche Suchmaske eingegeben.

Aus Prinzip. Und prinzipiell fahnde ich dort auch nicht nach Verflossenen oder Bekannten.

Arno Frank

Arno Frank ist taz FUTURZWEI Kolumnist („Nachrichten aus dem falschen Leben“) und Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Roman „Ginsterburg“ (Klett-Cotta, 2025). Arno Frank lebt in Wiesbaden.

Schon klar, dass uns heute Überwachungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, für die noch in den Achtzigerjahren der Geheimdienst eines mittelgroßen Landes gemordet hätte. Eben deswegen lasse ich die Finger davon. Wenn ich etwas über mich läse, das mir nicht gefällt und vielleicht sogar falsch ist, würde ich mich ärgern und eingreifen wollen. Dann hinge ich bereits am Haken.

Schlimmer wäre nur, würde mir gefallen, was „das Netz“ angeblich über mich weiß. Dann hinge ich ebenfalls am Haken. Also lasse ich es, aus Gründen der psychischen Hygiene. Das ist die kurze Erklärung.

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Die ausführlichere Erklärung beginnt mit einem sardonischen Dreisatz, den Douglas Adams einmal über unser Verhältnis zum technologischen Fortschritt aufgestellt hat: „Erstens: Alles, was es schon gab, als du geboren wurdest, ist ganz normal. Zweitens: Alles, was bis zu deinem 30. Lebensjahr erfunden wird, ist unglaublich aufregend und mit etwas Glück kannst du deine Karriere darauf aufbauen. Drittens: Alles, was danach erfunden wird, widerspricht der natürlichen Ordnung und bedeutet das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen – bis sich nach etwa zehn Jahren allmählich herausstellt, dass es eigentlich doch ganz in Ordnung ist“.

Der Doppelgänger als Figur des Horrors

Wäre der Schriftsteller (Per Anhalter durch die Galaxis) nicht schon 2001 gestorben, also vor dem iPhone und dem Aufstieg „sozialer Medien“, hätte er sich den Satz nach dem Gedankenstrich vermutlich gespart. Vielleicht liegt es auch an mir selbst, weil ich mein dreißigstes Lebensjahr bereits hinter mir habe. Aber zu den fragwürdigsten Innovationen unserer Zeit gehört der Avatar – also mein „digitaler Doppelgänger“ im Netz.

Es ist noch nicht allzu lange her, nachzulesen beispielsweise bei Daphne du Maurier (Der Sündenbock) oder E. T. A. Hoffmann (Der Sandmann), da war der Doppelgänger noch Horror auf Augenhöhe mit dem Zombie oder dem Vampir. Je besser aber der Avatar das wahre Leben imitiert, desto bedrohlicher wirkt er. Ein Paradox, das der japanische Ingenieur Masahiro Mori mit seinem Begriff des „uncanny valley“ zu beschreiben versucht hat. Demnach liegt zwischen dem Menschen und dem nur Menschenähnlichen ein „unheimliches Tal“, das nicht zu überbrücken und nur mit Schrecken zu durchqueren ist. Normalerweise stiftet Vertrauen, was uns ähnlich ist – hier kippt es ins Verstörende.

Wer jemals in die toten Augen des Avatars geblickt hat, mit dem Mark Zuckerberg für die virtuelle Besiedlung seiner digitalen Dystopie namens „Metaverse“ geworben hat, kennt diesen epistemologischen Effekt.

Die Spur und der Profit

Folgenreicher als Spielereien mit einem virtuellen Avatar ist der gespenstische „Abdruck“, besser: der feine Sprühnebel an Informationen, den unsere Existenz im Internet hinterlässt. Er stellt uns nicht nur vor ein wahrnehmungstheoretisches, sondern vor ein ontologisches Problem. Denn die Spur dessen, was wir zeitlebens im Internet so getrieben haben, was sich im Internet über uns so alles angesammelt hat mit den Jahren, beansprucht inzwischen den Rang einer Realität aus eigenem Recht. Es stellt die Frage nach dem Sein. Ich bin, was im Netz über mich gespeichert ist.

Das gilt selbst dann, wenn ich dort nur als klandestiner Käufer bei Amazon oder der Deutschen Bahn unterwegs bin – für die Anbieter der entsprechenden Dienstleistungen bleibt mein Avatar rein kundenförmig.

Je mehr ich aber preisgebe, zwangsläufig oder freiwillig, desto länger und schwerer wird die Schleppe an Quatsch, die ich dort hinter mir herziehe, desto detailgetreuer mein Avatar. Und desto größer die Gefahr, dass ich mich selbst mit einem öffentlichen Doppelgänger verwechsele, der sich – ganz von selbst – aus Informationen über mich selbst zusammensetzt. Womit das, was ich für meine Identität halte, endgültig auf eine externe Festplatte ausgelagert, besser: in der Cloud verdampft sein dürfte.

Das bedeutet vielleicht nicht das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Eine anthropologische Herausforderung, denke ich, ist das aber schon.

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