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Macron handelt, Merz laviert Tote brauchen keine Klimapolitik

Die Wälder brennen, die Leute sterben und die Bundesregierung bremst die Energiewende aus. Warum läuft es in Frankreich mit der Politisierung der Klimakrise besser, fragt sich Udo Knapp.

taz FUTURZWEI | „Wir haben uns in die Tiefenzeit der Erde begeben, die fossile Biomasse heraufgeholt, gelernt sie zu verbrennen, um die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten, sie zu kontrollieren. Dazu gehörte auch, die lästigen Feuer zu beseitigen“, erklärt Stephen J. Pyne, amerikanischer Umwelthistoriker und emeritierter Professor der Arizona State University in seinem gerade erschienenen Buch „Undying fire, a fire history of Europe“.

In der FAZ hieß es vergangene Woche: „Wir nehmen etwas aus einer anderen Zeit, hantieren in der Gegenwart damit, sind dann überrascht, wenn unvorhergesehene Dinge passieren.“

Aufklärung, Rationalisierung, Pyrozän

Über Jahrtausende haben die Menschen die Urwälder verbrannt, das Herzstück des Existierens allen Lebens auf der Erde, haben sie durch Kiefern- und andere schnell wachsende, leicht brennbare Nutzholz-Wälder ersetzt. Diese sind, neben den aus der Erde gegrabenen Rohstoffen, die Schmiermittel des Industriezeitalters und seiner Massenproduktion geworden. Aber diese „dunkle Wirkung der Dialektik der Aufklärung, diese Überformung der Natur durch die Zivilisation, deren radikaler Rationalismus führt zu den unkontrollierbarsten Katastrophen von heute“, heißt es in der FAZ weiter.

Über den Autor

Udo Knapp ist Politologe und kommentiert an dieser Stelle regelmäßig das politische Geschehen für unser Magazin taz FUTURZWEI.

Die lästigen Feuer sind zurück. Vom Klimawandel angefacht, brennen die Wälder, schieben sich die Feuerwände durch die leer geräumten Landschaften bis dicht an die weit ins Land hineingewucherten Vorstädte und Stadtwelten heran. Diese Erzählung ist keine apokalyptisch aufgeladene Erfindung ökologischer Fundis. Sie beschreibt die Wirklichkeit des Lebens der Menschen heute.

„Wir sind dabei das Äquivalenz einer Eiszeit zu schaffen, nur mit Feuer. Wir leben im Pyrozän“ (Stephen J. Pyne).

Klimapolitik ist out

Eine Klimapolitik, die diese Zuspitzung der menschengemachten Klimakrise aufhalten könnte, wird weder aus der Gesellschaft heraus, noch aus der Politik ernsthaft vorangebracht. Im Gegenteil: Klimapolitik ist out. Statt langfristig ausgelegtem, ökologischem Umsteuern betreiben alle Parteien eine Politik der Anpassung aller Lebensumstände an das aufgeheizte Klima - vornehmlich mit Beschwichtigungen.

Erkennbar wird das am Gerede über eine flächendeckende Ausstattung des gesamten gesellschaftlichen Lebens mit Klimaanlagen.

Sogar die Grünen rufen nach Staatsprogrammen für diese Anlagen. Die wären für Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime sicher eine Entlastung. Über die gesamte Gesellschaft hinweg, ist eine Rundumversorgung mit Klimaanlagen nicht umsetzbar, selbst wenn ihr Einbau öffentlich subventioniert werden würde - zu teuer und für die Allgemeinheit zu aufwendig. Mit Solarenergie betriebene Wärmepumpen und Klimaanlagen wird es bis auf weiteres nur für die Besserverdienenden geben. Und auch keinen flächendeckenden Einsatz der Wärmepumpen.

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Im heißen Sommeralltag muss jeder selbst sehen, wie er damit zurechtkommt. Wenn nicht, stirbt er halt.

Eine Zunahme der Hitzetoten, Schäden an der öffentlichen Infrastruktur, Ausfälle und Krisen in der Wirtschaft wegen Hitze werden hingenommen. Wärmewende, Verkehrswende, Ausbau der Wind- und anderer regenerativer Energiequellen werden ausgebremst, die Reduzierungsziele für den Co2-Ausstoß werden zurückgefahren, das Verbrenneraus wird aufgeweicht.

Die Klimabewegungen haben keinen wirkmächtigen Zugang mehr in eine breitere politische Öffentlichkeit, auch Fridays for Future nicht. Eine außerparlamentarische Ökobewegung, die mit zivilem Ungehorsam für ihre Ziele eintritt, gibt es auch nicht mehr.

Die Grünen sind keine Ökopartei, was unter den machtpolitischen Rahmenbedingungen nachvollziehbar ist. Sie sind, Stand heute, eine stinknormale, kleine Volkspartei im linksliberalen Milieu. Sie arbeiten ohne viel Spirit und Fantasie mit an der digitalen und KI-Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Gebraucht werden sie, wenn es gut läuft, dazu, einen Durchmarsch der AfD zu absoluten Mehrheiten oder zu Koalitionen mit der CDU aufzuhalten. Den Grünen fehlen auch eine oder mehrere charismatische Führungspersönlichkeiten, die den ökologischen Umbau der Gesellschaft mehrheitsfähig machen könnten.

Macron, der grüne Präsident?

In Frankreich könnte das anders sein. Hier haben die in den letzten Wochen besonders gebeutelten Bürger im Südwesten des Landes in einer beispiellosen Solidaritätskampagne den Kampf gegen das Feuer in ihre eigenen Hände genommen.

Bei offiziell bereits 6.000 Hitzetoten in diesem Jahr „wollen viele von ihnen nicht zusehen, wie ihre Heimat im Flammeninferno untergeht“, schreibt Michaela Wiegel, Frankreich-Korrespondentin der FAZ. Die Rechtspopulisten unter Marine Le Pen lehnen Umweltauflagen jeder Art ab, behindern den Ausbau der regenerativen Energien und vor allem der Windenergie und verlangen den Einbau von Klimaanlagen in Schulen, Krankenhäusern und Altenheimen.

Sie versprechen sogar das Airconditioning in Privathaushalten zu subventionieren, die Linkspopulisten unter Jean-Luc Melenchon folgen dieser Linie. Sie verlangen mehr und größere Löschflugzeuge. Präsident Macron hat dagegen – sogar mit Zustimmung der Vertreter der Gelbwesten – ein Klimaschutzgesetz mit Flugverboten, einer Niedrig-Kohlenstoffstrategie und einem festgelegten Ausstiegskorridor aus der Kohleverstromung verabschiedet.

Pathetisch gefragt: Haben viele Franzosen und ihr Präsident in der Hitze der außer Kontrolle geratenen Feuer verstanden, dass es hohe Zeit ist, in ein Miteinander von Zivilisation und Natur einzusteigen? Abwarten.

Aber mit einer rationalen und aufgeklärten Ökopolitik scheint es sogar möglich zu sein die rechten und linken Populisten zu isolieren. Sehr schade, dass es vergleichbare Ansätze in unserer Republik nicht zu geben scheint.

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