IS-Lager al-Hol in Syrien: Tickende Zeitbombe
Das Lager al-Hol wurde jetzt von der syrischen Regierung geräumt. Dort verschwammen die Grenzen von Opfern und Tätern.
D as Lager al-Hol im Nordosten Syriens, in dem viele Jahre meist Familien und Angehörige von IS-Kämpfern auf unbestimmte Zeit gefangen gehalten worden waren, war schon immer eine Zeitbombe. Jetzt wurde das Lager von den syrischen Behörden geschlossen, nachdem einer unbekannten Anzahl von Insassen zuvor die Flucht gelungen war. Der Rest wurde in den letzten Tagen in anderen Lagern in Syrien untergebracht. Andere wurden freigelassen.
Zuletzt lebten in al-Hol 24.000 Menschen, meist Syrer und Iraker, aber auch 6.000 Ausländer aus 40 Nationen, meist Verwandte jener, die sich einst dem IS angeschlossen hatten. Während der chaotischen Tage der militärischen Auseinandersetzung zwischen den Regierungstruppen und den kurdisch dominierten SDF-Milizen und auch danach, nutzten viele die Gunst der Stunde, sich aus dem Lager abzusetzen. Die Regierung in Damaskus und die SDF-Milizen schoben sich den Schwarzen Peter dafür gegenseitig zu. Die Regierung des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa beklagte, dass ihnen die Lager nicht ordnungsgemäß übergeben wurden. Die kurdischen SDF-Milizen konterten mit Hinweis auf den islamistischen Rebellen-Ursprung der Regierung al-Scharaa und warfen ihr vor, zahlreiche Menschen aus al-Hol freigelassen zu haben.
Doch die Angelegenheit ist alles andres als schwarz-weiß. Dass es keine ordentlichen Gerichtsverfahren und Verurteilungen gab, macht es heute schwer, zu sagen, wer zu Recht und zu Unrecht in al-Hol weggesperrt war. Es verschwammen dort die Grenzen von Opfern und Tätern. Viele der Familien wären in Resozialisierungsprogrammen in ihren Heimatorten ohnehin immer besser aufgehoben gewesen als in diesem Wüstenlager, in der sie von einer Minderheit von Hardcore-IS-Unterstützern unter Druck gesetzt und indoktriniert wurden.
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Die US-dominierte Anti-IS-Allianz hatte einst viele Milliarden Dollar ausgegeben, um den IS militärisch zu bekämpfen und von ihm gehaltenes Territorium im Irak und in Syrien bis 2019 zurückzuerobern, wodurch die Anzahl der Insassen von al-Hol auf ein Vielfaches anschwoll. Aber nachdem das erledigt war, kümmerte sich international kaum jemand mehr um die IS-Restposten: Tausende gefangen genommener IS-Kämpfer und deren Familien. Selbst die eigenen inhaftierten Staatsbürger aus Europa wollte man zum großen Teil nicht zurückholen. Kurzum, im weiteren Kampf gegen den IS mit anderen als militärischen Mitteln waren die Syrer und Iraker auf sich allein gestellt. Der Mantel des Schweigens wurde über die Lager in Nordost-Syrien gelegt, wo die Menschen de facto vor sich hin rotteten und oft noch mehr radikalisiert wurden.
Genau diese internationale Untätigkeit rächt sich jetzt. Die Lager waren immer eine Zeitbombe. Dass sie nun geschlossen werden, hat diese Gefahr zwar nun ihrer physischen GPS-Daten beraubt – entschärft ist diese Zeitbombe deswegen aber noch lange nicht.
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