Hunger in Syrien: Nur noch Brot und Tee
Die Kämpfe in Syrien sind großteils beendet. Doch die Lage der Menschen im Land bleibt dramatisch. Das hängt auch mit der Libanonkrise zusammen.
Foto: Mahmad Kazmooz/imago
Syrien ist weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Bis auf Teile im Norden des Landes, die noch von Rebellen sowie von kurdischen Kräften kontrolliert werden, herrscht das Regime von Präsident Baschar al-Assad mit Hilfe Russlands und Irans wieder über das Land. Doch mit dem Ende eines großen Teils der Kampfhandlungen ist das Elend der Bevölkerung nicht vorüber. Laut einer Studie des UN-Welternährungsprogramms (WFP) hat sich die wirtschaftliche und soziale Lage im letzten Jahr sogar noch verschlechtert.
Eine Rekordzahl von 12,4 Millionen Syrern – 60 Prozent der Bevölkerung – haben Schwierigkeiten, täglich genug Essen auf den Tisch zu bringen. Allein im vergangenen Jahr ist diese Zahl um 4,5 Millionen Menschen gestiegen. Sie gelten im UN-Fachjargon als „food insecure“.
Alarmierend ist auch, dass die Zahl derjenigen, die für ihr Überleben komplett von UN-Nahrungsmittel-Hilfslieferungen abhängig sind, sich im letzten Jahr auf 1,3 Millionen Menschen verdoppelt hat. Weitere 1,8 Millionen Menschen sind in Gefahr, in diese Kategorie abzurutschen.
In den zehn Jahren, die der Syrienkonflikt nun andauert, war die Nahrungsmittelsituation noch nie so angespannt wie heute. „Neben dem militärischen Konflikt ist zum größten Teil die Bankenkrise im benachbarten Libanon für die steigenden Zahlen verantwortlich“, erklärt Corinne Fleischer gegenüber der taz, „dadurch hat sich der Wechselkurs der Syrischen Lira verdreifacht.“ Entsprechend stiegen die Preise für Importprodukte. Die Schweizerin weiß, wovon sie spricht. Bis vor Kurzem leitete sie die Aktivitäten des Welternährungsprogramms in Syrien. Heute ist sie WFP-Regionaldirektorin für den Nahen Osten und Nordafrika.
Geldquellen versiegen
Neben Krieg und Bankenkrise macht vielen Syrern auch die Coronapandemie sowie der Verlust von Arbeit und Einkommen zu schaffen, erläutert Fleischer. Fast 50 Prozent der Menschen in Syrien berichten, dass sie eine oder mehrere Einkommensquellen seit Ausbruch der Pandemie verloren haben. „Läden lagern weniger Nahrungsmittel, weil die Menschen weniger kaufen, das führt dazu, dass weniger produziert wird und noch mehr Menschen ihre Arbeit verlieren.“
In der WFP-Studie heißt es: „Eltern müssen verzweifelte Entscheidungen treffen, selbst weniger zu essen, damit genug für die Kinder vorhanden ist, sich verschulden oder ihr Vieh verkaufen, um genug Geld zur Verfügung zu haben.“ Die Menschen würden weniger essen, ließen Mahlzeiten ausfallen oder kauften nur noch Grundnahrungsmittel, also weder Obst noch Milch oder Fleisch, erläutert Fleischer. „Am Schluss werden die Menschen in Syrien nur noch Brot kaufen und Tee trinken.“
Derweil ist das UN-Welternährungsprogramm in der Region nicht nur für Syrien zuständig. Auch im Jemen ist die Not groß. Insgesamt werden 30 Millionen Menschen in der Region unterstützt. Das Budget jedoch ist angespannt, „denn die meisten Geberländer sind wegen der Pandemie mit Unterstützungszahlungen für ihre eigenen Bevölkerungen beschäftigt“, sagt Fleischer. Für das nächste halbe Jahr benötige ihre Organisation allein 920 Millionen US-Dollar, um die Menschen in Syrien und Jemen über Wasser zu halten.
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