Humanitäre Katastrophe in Kobane: „Keine warme Kleidung, keine Decken“
In der letzten kurdisch kontrollierten Stadt im Norden Syriens ist die Lage dramatisch. Regierungsblockade erschwert die Versorgung von Vertriebenen.
„Es ist extrem kalt, Heizmaterialien wie Diesel werden immer knapper“, beschreibt Rosif Kno, Anwältin und Bürgerrechtsaktivistin, die Lage in Kobane. „Lebensmittel sind knapp, insbesondere Säuglingsnahrung.“ Die Menschen helfen einander – doch die Vorräte schwinden.
Im Stadtzentrum von Kobane harren UN-Angaben zufolge rund 160.000 Vertriebene aus. Sie sind vor Kämpfen zwischen den kurdischen „Syrischen Demokratischen Kräften“ (SDF) und den Truppen der syrischen Übergangsregierung geflohen. Schulen, Kitas und Gotteshäuser dienen als Notunterkünfte. Menschen berichten der taz, es fehle an Strom, Benzin und Wasser.
„Die Vertriebenen haben keine warme Kleidung, keine Decken“, sagt Kno. „Die Menschen trinken aus Brunnen, was zu Durchfall und Vergiftungen führt.“ In den Notunterkünften fehlten Reinigungsmittel und Hygieneartikel.
Es mangele an Medikamenten, besonders für chronisch Kranke wie Diabetes- oder Herzpatienten. Impfungen für Kleinkinder fänden nicht statt, Fachärzte aller Art fehlten. „Hier gibt es kein Krebszentrum. Krebspatienten können wegen Straßensperren keine Krankenhäuser in Aleppo oder Damaskus erreichen.“
Militärkontrollen auf der Zufahrtsstraße
„Kobane ist weiterhin belagert“, resümiert Kno. Seit dem 30. Januar gilt ein Abkommen zum Rückzug der Streitkräfte aus Stadt und Umland, vereinbart zwischen SDF und Zentralregierung. Doch Anwohner und Medien berichten, dass mit Damaskus affiliierte Kämpfer weiter in Dörfern stationiert seien und Zufahrtsstraßen blockierten. Ein Al-Jazeera-Bericht zeigt Soldaten bei Fahrzeugkontrollen auf der Zufahrtsstraße nach Kobane.
Die NGO „Syrians for Truth and Justice“ (STJ) bestätigt, Kobane sei faktisch vom Rest Syriens isoliert. Die humanitäre Hilfe sei wegen der seit 2016 geltenden Schließung des nahen türkischen Grenzübergangs Mürşitpınar stark eingeschränkt. Gemeinsam mit anderen Organisationen forderte STJ die Türkei am Mittwoch auf, den Übergang zu öffnen.
Am Donnerstag erreichte ein Konvoi mit Wolldecken, Wasser und Hygieneartikeln die Stadt. Der Syrische Rote Halbmond und das Rote Kreuz meldeten Lieferungen mit Konserven, Datteln, Reis und Solarlampen. Am Freitag erreichten 700 Pakete mit medizinischen Hilfsgütern die Stadt, geschickt aus dem türkischen Diyarbakir. Türkische Behörden hatten nach Angaben der „Diyarbakir Solidarity and Protection Platform“ Ende Januar eine ähnliche Hilfslieferung nach Kobane blockiert.
UN-Konvois kommen an – aber zu wenig
In den letzten Wochen brachten zwei UN-Konvois 52 Lkw-Ladungen Hilfsgüter aus anderen Teilen Syriens nach Kobane. Das UN-Nothilfebüro Ocha bestätigte am Dienstag, die Grundversorgung sei „stark beeinträchtigt“.
„Der letzte UN-Konvoi war sehr klein und erreichte nicht einmal zehn Prozent der Vertriebenen“, sagt Abdi Al Ali, Teamleiter der Rettungsleitstelle des Kurdischen Roten Halbmonds in Kobane, der taz. Er arbeite ohne Pause. Es fehle an Unterkünften, manche übernachteten in Parks oder auf der Straße. „Mit einer mobilen Klinik versuchen wir, Geflüchtete zu versorgen.“ Der anhaltende Regen erschwere die Einsätze.
„Es braucht einen nachhaltigen humanitären Korridor“, fordert Al Ali. „Die Belagerung muss aufgehoben werden. Regierungstruppen müssen sich zurückziehen. Internet, Strom und Wasser müssen sofort wiederhergestellt werden.“ Laut Ocha wurde das Stromnetz in Zusammenarbeit mit der Regierung und dem Roten Kreuz zwar repariert. Anwohner berichten aber von anhaltendem Mangel. „Die Versorgung ist zeitweise unterbrochen“, so Al Ali.
„Die Bewegungsfreiheit in und aus der Stadt ist stark eingeschränkt, das Gebiet ist teilweise abgeriegelt“, sagt auch Fewaz Hidir Ahmed, kurdischer Bürgermeister in Kobane, am Telefon. Die Verbindung ist so schlecht, dass er zu Sprachnachrichten wechselt. Kommuniziert werde per Satelliteninternet und Starlink, erzählt er.
Kobane ist die letzte Stadt der einst kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens, die noch unter Kontrolle der SDF steht. Laut Bürgermeister Ahmed führen interne Sicherheitskräfte gemeinsame Patrouillen mit Kräften der Regierung durch. Aber: „Einige Punkte lokaler Abkommen sind weiterhin nicht umgesetzt.“
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