Humanitäre Hilfe in Syrien: Das Spiel mit dem Hunger

Es gehört zu den bitteren Lehren aus dem Syrienkrieg: Eine Nichtintervention kann noch mörderischer sein als militärisches Eingreifen.

Kinder spielen im Schlamm in einem geflüchteten-Campus in Idlib

Syrische Kinder waten in einem Geflüchtetenlager bei Idlib durch Schlamm Foto: Ghait Alsayes/ap

Wie hilft man Menschen in einem kaputten Land, wo es kaum noch etwas zu essen gibt, die Währung wertlos geworden ist und die einzige funktionierende Institution der staatliche Gewaltapparat ist?

Das UN-Welternährungsprogramm WFP ruft nach mehr Hilfsgeldern für Syrien, wo die Zahl der Not- und Hungerleidenden in jenem Teil der Bevölkerung, der nicht schon getötet oder geflohen ist, immer weiter anschwillt. Aber das WFP arbeitet in Syrien unter der Fuchtel des Regimes: Es entscheidet nicht selbst, wen es beliefern darf, und muss einen Großteil seiner Arbeit sogar über staatliche oder staatsnahe „Hilfswerke“ unter Kontrolle mächtiger Figuren des Assad-Clans abwickeln. Die Menschen in den noch nicht vom Regime zurückeroberten Gebieten sind derweil für autorisierte UN-Hilfen auf einen einzigen Grenzübergang aus der Türkei angewiesen und größtenteils dem nackten Elend überlassen.

Es ist nicht möglich, das Leid der syrischen Bevölkerung zu lindern, solange Assad an der Macht bleibt. Der Diktator hat im Bürgerkrieg jahrelang die eigene Bevölkerung bombardiert und ausgehungert und setzt auch heute humanitäre Hilfe beziehungsweise deren Verweigerung ausschließlich zu taktischen Spielen ein: Wer unterwürfig bleibt, darf essen, wer frei sein will, darf krepieren.

Einen Tag nach dem letzten WFP-Hilfsappell vom 17. Februar veröffentlichte der UN-Menschenrechtsrat einen Bericht über Syrien, der dem Regime Völkermord an der eigenen Bevölkerung vorwirft. In Deutschland werden demnächst die weltweit ersten Gerichtsurteile gegen Folterer des syrischen Regimes erwartet.

Zu den bitteren Lehren aus dem Syrienkrieg gehört die Einsicht, dass militärische Nichtintervention noch viel mörderischer sein kann als militärisches Eingreifen. Dazu kommt: Humanitäre Hilfe kann genauso tödlich sein wir ihr Fehlen. Wer den Menschen in Syrien, egal auf wessen Seite, nicht hilft, nimmt ihren Tod in Kauf. Aber wer Hilfsprogramme alimentiert, ernährt damit eben auch einen Gewalt­apparat, der Menschen tötet. Es gibt keine moralisch einwandfreie Lösung.

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