Horrorfilm „Obsession“: In die Leere staunen
Ein verhängnisvoller Wunsch nach Liebe setzt in „Obsession“ eine Gewaltspirale in Gang. Der echte Diskussionsstoff liegt im Hype um den Indie-Horror-Film.
Ausgerechnet zwei mit Minimalbudgets produzierte Indie-Horrorfilme dominieren den Kinosommer. Obendrein stammen sie von zwei Regisseuren, die vor allem als Youtuber bekannt waren. Und, man höre und staune: Die Gen Z scheint sich „Backrooms“ und „Obsession“ lieber zuzuwenden als dem neuen „Star Wars“-Film.
Die Schlagzeilen überschlagen sich, wenn von diesen Filmen die Rede ist, die schon als neues „Barbenheimer“ gehandelt werden. Der triumphale Ton, mit dem darüber berichtet wird, hat natürlich seinen Charme. Schließlich besitzt die Vorstellung, dass ein Underdog-Kino den saturierten Franchisegrößen die Schau stiehlt, etwas Befriedigendes.
Man kann sich allerdings darüber wundern, dass hier etwas grundlegend Neues am Werk sein soll – das nicht auch mit Strategie zu tun hat. Die Hype-Produktion via Tiktok und andere Social-Media-Plattformen mag stärker vom Wohlwollen der Nutzer abhängen, ist deshalb aber noch längst kein Zufall.
„Obsession – Du sollst mich lieben“. Regie: Curry Barker. Mit Michael Johnston, Inde Navarrette u.a. USA 2025, 109 Min.
Man erinnere sich: Bereits seit einigen Sommern versuchen hippe Studios wie A24 und NEON kleine Horrorfilme wie „Longlegs“ und „Cuckoo“ durch raffinierte Social-Media-Kampagnen zu Hypes zu stilisieren. Teils stammen sie wie „Bring Her Back“ ebenfalls aus der Youtube-Sphäre.
Mechanismen der Aufmerksamkeit
Die Zusammenarbeit passt zum Nimbus des Handgemachten, des Authentischen und des aufregend Andersartigen, mit dem die Studios werben. „Obsession“ aus dem Hause Focus Films treibt dieses Modell nun freilich auf die Spitze: Mit Produktionskosten von gerade einmal 750.000 Dollar und einem Einspielergebnis von bereits über 200 Millionen Dollar ist der Film der bislang spektakulärste Erfolg dieser Entwicklung.
Beeindruckend klingt das selbstverständlich. Doch ist das bereits Grund zur Euphorie – oder zunächst nur der Beleg dafür, dass inzwischen auch kleinere Studios die Mechanismen der Aufmerksamkeit beherrschen?
Erfreulich wäre das vor allem, wenn dies dem müden Franchisekino etwas Reizvolleres entgegensetzt. Gerade aber zeichnet sich nicht nur die Fähigkeit ab, Hypes zu kreieren, sondern dass diese um etwas kreisen, das seinerseits wenig Substanz besitzt. Zumindest „Obsession“ bildet da dieses Jahr keine Ausnahme.
Vorweg: Was Regisseur und Drehbuchautor Curry Barker mit begrenzten Mitteln an Effekten realisiert, ist bemerkenswert. Es sieht durchaus überzeugend aus, wenn ein Gesicht mit einem Ziegelstein zur grotesken Unkenntlichkeit deformiert wird. Auch simple Rückspul-Effekte erfüllen ihren Zweck.
Die Antwort, weshalb man sich dem Spektakel über eine Spielzeit von fast zwei Stunden aussetzen sollte, bleibt „Obsession“ aber schuldig. Eine überzeugende Geschichte, gar interessante Gedanken, werden nicht geboten.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Obsession“
Abfolge von Schockmomenten
Dabei wäre die Prämisse tragfähig: Bear (Michael Johnston) ist seit Jahren unglücklich in Nikki (Inde Navarrette) verliebt. Nach einer weiteren Zurückweisung macht er Gebrauch eines „One Wish Willow“, eines magischen Weidenzweiges. Sein Wunsch: Nikki möge ihn mehr lieben als alles andere auf der Welt.
Was folgt, wird als erwartbare Abfolge von Schockmomenten inszeniert – narrative Plausibilität wird darüber zur Nebensache. Nikki entwickelt eine Obsession, die sich ins Grausame steigert: Sie nässt sich ein, wenn er fort ist. Sie schreit und schlägt wild um sich, wenn er sie nicht mit „Liebesbekundungen“ überschüttet – und tötet schließlich sogar.
Man muss gar nicht erst die philosophische Frage bemühen, ob sich hier noch irgendeine Form von pervertierter Liebe artikuliert oder ob Baker schon den Wunsch seines Protagonisten falsch formuliert hat, um diese Eskalationsspirale lostreten zu dürfen. Selbst innerhalb der eigenen Logik wirkt vieles beliebig: Sie serviert die geliebte Katze als Lunch-Paket – warum? Wohl weil es krass ist.
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Wenn in der Berichterstattung nun von der Verarbeitung „Gen Z“-spezifischer Themen wie Dating-Angst die Rede ist, um den Erfolg des Filmes zu erklären, entpuppt sich das als geschicktes Framing. Auch das Werben mit Zeitgeistigem gehört schon des Längeren zum Indie-Horror-Sommer. Sollte 2026 sich nun lediglich durch das schiere Ausmaß des Hypes auszeichnen, dann ist der Übergang vollzogen – vom vermeintlichen Gegenentwurf zur Kopie der Blockbuster-Logik: Größer. Lauter. Mehr.
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