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Homophobie in RusslandSogar Familien zeigen queere Verwandte an

Anfangs war Online-Dating für queere Menschen in Russland vergleichsweise sicher. Neue Gesetze befeuern jedoch Hetze und Denunziation, bis hin zu offener Gewalt.

Die aktive Verfolgung von queeren Menschen in Russland nimmt eine neue Dimension an Foto: Sergei Ilnitsky/EPA/dpa

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DOXA öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Die gesamte Recherche ist hier auf Russisch verfügbar.

In Russland leben mehrere Millionen queere Menschen. Für viele von ihnen ist das Internet oft der einzige Ort, um andere kennenzulernen. Doch in den letzten zehn Jahren ist dieser Raum für sie immer gefährlicher geworden.

Anfang der 2010er Jahre erlebte Online-Dating in Russland noch einen Aufschwung. Plattformen wie Grindr, Hornet oder Tinder ermöglichten es queeren Menschen, offener über ihre Identität zu sprechen und Kontakte zu knüpfen. Gerade weil Begegnungen im öffentlichen Raum oft mit Risiken verbunden waren, bot das Internet vergleichsweise viel Schutz.

Dieser Freiraum schrumpfte jedoch schrittweise. 2013 verabschiedete Russland ein Gesetz gegen angebliche „LGBT-Propaganda“ gegenüber Minderjährigen. 2017 folgten die „tschetschenischen Säuberungsaktionen“, bei denen Hunderte Menschen festgenommen, gefoltert oder getötet wurden. Der tschetschenische Präsident Ramzan Kadyrow leugnete damals sogar die Existenz von Homosexuellen. Dennoch wurde Tschetschenien lange als Ausnahme betrachtet – als regionales Problem, das die großen Städte nicht betreffe.

2020 wurde die Verfassung geändert und die Ehe ausdrücklich als Verbindung zwischen Mann und Frau definiert. Mit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine zogen sich internationale Plattformen wie Badoo, Bumble und später auch Tinder aus Russland zurück.

LGBTQ als „extremistische Organisation“ eingestuft

Im Dezember 2022 weitete ein neues Gesetz das Verbot von „LGBT-Propaganda“ auf alle Altersgruppen aus. Den entscheidenden Einschnitt markierte jedoch der 30. November 2023: An diesem Tag stufte der Oberste Gerichtshof die „internationale LGBT-Bewegung“ als extremistische Organisation ein. Seitdem hat sich die Lage für queere Menschen weiterverschärft – mit Folgen, die über gesellschaftliche Ausgrenzung hinausgehen und bis zu Gewalt und tödlichen Übergriffen reichen.

Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen im digitalen Raum. Laut der LGBTQIA-Organisation „Wychod“ (übersetzt: Ausgang) wurden im Jahr 2025 mindestens 37 Fälle von Erpressung sowie circa 300 Verstöße gegen die Privatsphäre dokumentiert. Trotz dieser Zahlen wurde offenbar nur in einem einzigen Fall ein Strafverfahren eingeleitet.

Gleichzeitig haben sich die Bedrohungsmuster verändert. Sogenannte Lockvogel-Dates – fingierte Treffen, bei denen Menschen gezielt in Fallen gelockt werden – und Erpressung verlagern sich zunehmend ins Internet. Täter drohen nicht mehr nur mit einem Outing, sondern auch mit Strafanzeigen wegen „Extremismus“ oder der Verbreitung von Pornografie, etwa im Zusammenhang mit privaten Bildern. Für Betroffene entsteht so eine besonders prekäre Situation: Gegen Online-Erpressung gibt es faktisch keinen wirksamen rechtlichen Schutz.

Hetze auch auf Telegram

Hinzu kommt eine neue Form digitaler Gewalt. In der Gay-Dating-Szene entstehen Gruppen, in denen ohne Zustimmung Fotos von Menschen veröffentlicht werden. DOXA identifizierte eine solche Gruppe mit mehr als 1.600 Mitgliedern. Dort kursieren Aufnahmen von Unbekannten – fotografiert in Umkleidekabinen, in der Metro oder auf offener Straße.

Auf dem Messengerdienst Telegram entstehen zudem anonyme Dating-Communitys, in denen sich Nutzer gegenseitig vor Betrügern und Gewalttätern warnen wollen. Doch statt verlässlichen Schutz zu bieten, entwickeln sich auch diese Räume häufig zu Plattformen öffentlicher Anprangerung und Hetze.

Maxim ist Administrator eines größeren Dating-Chats in Sankt Petersburg mit mehr als tausend Mitgliedern. In zehn Jahren Erfahrung mit Online-Dating hat er beobachtet, mit welchen Risiken die Nutzer konfrontiert sind. Eine dieser Gefahren sei das Kopieren von Chats: Betrüger erstellen identische Gruppen, um Nutzer zu täuschen. Maxim berichtet von einem Fall, in dem ein Mann seinen Chat kopierte, um gezielt nach Jugendlichen unter 15 Jahren zu suchen.

Zugleich werden staatliche Repressionsinstrumente zunehmend ins Private getragen. Drohungen mit Anzeigen wegen „Propaganda“ oder „Extremismus“ werden laut „Wychod“ heute am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen und sogar innerhalb von Familien eingesetzt. Selbst persönliche Fotos – etwa von Küssen oder Umarmungen – können von Behörden als „Propaganda“ gewertet werden. Besonders häufig greifen Angehörige zu diesem Mittel, um Beziehungen zu unterbinden, die sie ablehnen.

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2 Kommentare

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  • Das ist ja durchaus in vielen totalitären Systemen an der Tagesordnung - wie wir in der eigenen Vergangenheit hüben und drüben studieren können.

  • Es geht in diesem Land seit Jahren um die Zerschlagung aller unabhängigen politischen und zivilgesellschaftlichen Strukturen.