Homeschooling in Russland: Die russische Schulfreiheit

Lernen von zu Hause? Oft ein Graus, zeigt sich in der Pandemie. Aber nicht für alle: Ein Besuch bei russischen Ho­me­schoo­le­r*in­nen.

Schüler*innen beie

Feier zum Schuljahresbeginn in Moskau. Eine Schulpflicht gibt es in Russland nicht Foto: Konstantin Kokoshkin/Russian Look/imago

MYTISCHTSCHI taz | Jegor hatte es versucht. Er hatte die Vorbereitungskurse besucht, wie nahezu alle russischen Kinder ein Jahr vor Schulbeginn, hatte Gefallen an der Vorstellung „Schule“ gefunden. Die Enttäuschungen folgten bald: eine nicht bestandene Eingangsprüfung für die erste Klasse, der erste Schulwechsel, der zweite, der dritte, der vierte. Jegors „Ich hasse die Schule“ kam immer häufiger. „Er war vollkommen verloren“, sagt seine Mutter Lara Pokrowskaja heute in ihrem Wohnzimmer in Mytischtschi, einem Vorort von Moskau, wenn sie sich an die Schulzeit ihres Sohnes erinnert.

Rekordverdächtig Knapp 16 Millionen Schü­le­r*in­nen gibt es in Russland. Das sei ein Rekord im Vergleich zu den letzten 10 Jahren, wie Zeitungen im September 2020 vermeldeten. Meist werden die Kinder mit sieben Jahren eingeschult, durchlaufen die vierjährige Grundschule und danach die Mittelschule. Manche wechseln nach Klasse 10 aufs Gymnasium.

Und danach? Die Schü­le­r*in­nen können nach der zehnten Klasse können von der Schule abgehen eine Berufsausbildung anfangen. Meist mit 18 Jahren beginnen viele ein Studium. Dafür müssen sie das landesweite Abitur absolvieren und die Prüfungen an der jeweiligen Universität bestehen. Sind die Noten gut, bekommen sie sogenannte Budgetplätze. Reicht der Notendurchschnitt nicht, gibt es Bezahlplätze. (inn)

Nach aufreibenden Jahren wagte sie schließlich einen Schritt, der ihr zunächst unvorstellbar erschien: Jegor wurde zum Homeschooler, und sie, die ausgebildete Ökonomin samt Psychologiezusatzdiplom, zur Managerin seines Bildungsprozesses. Eine Form, die immer mehr Schü­le­r*in­nen in Russland nutzen. „Semejniki“, also Familienlerner, werden die Kinder genannt, deren Eltern sich für alternatives Lernen einsetzen, weil „Schule, wie sie hier oft gepflegt wird, sinnlos ist“.

Jegor wurde ab der sechsten Klasse ein Semejnik. Er lernte Russisch mit einer Nachhilfelehrerin, Mathematik mit seiner Großmutter, brachte sich selbst Englisch bei. Am Ende jedes Schuljahrs schrieb er die Prüfungen mit, die Schü­le­r*in­nen an staatlichen Schulen jährlich absolvieren müssen – und bestand ausnahmslos. „Es wurde stressfreier“, sagt seine Mutter, die will, dass Eltern-Kind-Beziehungen nicht vom System Schule ins Wanken gebracht werden. Bis zu 200.000 Semejniki soll es in Russland geben, eine handfeste Statistik fehlt jedoch.

Russland hat keine Schulpflicht, im Bildungsgesetz von 1992 wird lediglich auf die Bildungspflicht jedes Kindes verwiesen. Wie es zu dieser Bildung kommt, bleibt den Familien überlassen. Formen des Lernens gibt es zuhauf.

Patriotismusunterricht und einheitliche Geschichtsbücher

Die gängigste ist freilich die staatliche Schule, die immer einengenderen Maßnahmen unterliegt: Patriotismusunterricht, einheitliche Bücher, die die offizielle Sicht auf die Geschichte des Landes als Geschichte der Sieger propagieren, Gesetzesneuerungen, die internationale Kooperationen erschweren. Disziplin, nicht das Hinterfragen von Vorgegebenem, steht hier im Vordergrund.

Privatschulen bieten mehr Wahlmöglichkeiten, sind aber oft mit weiten Wegen verbunden und finanziell nicht für jeden zu packen. Manche Kinder bleiben an der Schule angemeldet, bekommen den Unterrichtsstoff nach Hause und schreiben die Prüfungen im Klassenraum mit. Manche gehen nur zu bestimmten Fächern in die Schule oder an bestimmten Tagen.

Andere melden sich an einer Onlineschule an, haben dort eigene Men­to­r*in­nen oder schauen sich Unterrichtsstoff per Video an. Manche sind nirgendwo angemeldet und leben das Unschooling, das Freilernerprinzip: Das Kind entscheidet, was und wie es lernen will. Einen Lehrplan haben sie, anders als die Homeschooler*innen, nicht.

Manche Eltern organisieren sich in Gruppen, unterrichten die Kinder selbst oder stellen Nach­hil­fe­leh­re­r*in­nen an. Die Mittelstufenprüfung und das Abitur können die Ho­me­schoo­le­r*in­nen extern ablegen. So sucht sich jede Familie aus dem Baukasten von Bildungsangeboten das für sich Passende aus.

Kein Quatschen in der Pause

Jegor ist heute 19. Er arbeitet als Programmierer für ein Start-up und sagt: „Schule ist eine einzige Pflichterfüllung, der einzelne Mensch spielt dabei keine Rolle.“ Seine elfjährige Schwester Sascha stellt sich Schule als „Uniform, viele Hausaufgaben und seltsam schmeckendes Essen in der Kantine“ vor. „Quatschen mit Freundinnen in der Pause fände ich aber toll“, sagt sie.

Eine Schule hat sie nie besucht, sie nimmt den Stoff zu Hause durch, hat ein bis zwei Mal die Woche Russisch, Mathematik, Englisch, tanzt seit sieben Jahren und trainiert Eiskunstlauf. Die Abschlussprüfungen der vierten Klasse habe sie „gerade erst bestanden“, wie sie einer Nachbarin im Treppenhaus selbstbewusst erzählt. „Das Lernen aber geht jetzt noch weiter.“

Dass Hausunterricht in den vergangenen Jahren in Russland in Mode gekommen ist, liegt laut Ex­per­t*in­nen an mehr Wissen über kindliche Entwicklung in der Gesellschaft. Eltern hinterfragen ihre eigene sowjetische Erziehung, die zu großen Teilen auf Beschämung und Schuld setzte, wollen, dass ihr Kind eine Wahl hat, und orientieren sich an den Bedürfnissen des Kindes. Homeschooling ist für sie eine Lebensphilosophie.

„Wir nutzen diese Freiheit, solange sie uns vom Staat gelassen wird“, sagt Alexandra Iwlijewa, eine 32-jährige Juristin, die nun auch Kindergärtnerin ist – im eigenen Kindergarten. Als ihre Tochter Alissa drei Jahre alt war, machte sie sich auf die Suche nach der passenden Einrichtung – und fand keine in der Nähe. Die Familie hat genug Auskommen, wohnt in einer der Villensiedlungen im Moskauer Nobelviertel Rubljowka.

Konzepte, die auf Zwang hinauslaufen

Iwlijewa studierte in Harvard, schätzt, wie sie betont, die Freiheit in der Wissenschaft und im Leben. Ihr Kind sollte „Raum für sich haben, eine glückliche Kindheit“. Sie störe das sowjetische nado (man muss) – Konzepte, die auf Zwang hinauslaufen. „Man muss“ beim Eintritt in die Schule fließend lesen können, „man muss“ das Bild so ausmalen, wie es die Erzieherin vorgegeben habe, „man muss, man muss, man muss“. „Aber für wen ist das denn ein nado? Für die Kinder sicher nicht“, sagt Iwlijewa.

Vergangenes Jahr startete sie etwas, was geradezu revolutionär ist in einem Land, in dem manche Er­zie­he­r*in­nen – ohne damit einen Skandal auszulösen – Kinder bis heute in die Ecke stellen oder ihnen die Arme nach hinten drehen, um das Mittagessen in sie hineinzulöffeln: Sie gründete den landesweit ersten reinen Spielkindergarten. Für viele in Russland ist das eine grässliche Vorstellung: „Aber da lernen sie ja nichts!“

Ihr Sadik-Scharik, der „Kugel-Kindergarten“ in der Siedlung Maloje Sarejewo, 30 Kilometer vom Moskauer Stadtzentrum entfernt, ist schon durch seine kugelartige Form auffällig. Zwölf Kinder besuchen das zweistöckige Gebäude, bis zu sechs Er­zie­he­r*in­nen kümmern sich um sie. 80.000 Rubel im Monat zahlen die Eltern für die Betreuung von 9.30 bis 18.30 Uhr (umgerechnet knapp 900 Euro).

„Ich sehe, wie die Kinder aufblühen, wenn man sie ernst nimmt und ihnen vertraut, und ich wünsche mir, dass ein solches Vorgehen auch immer mehr staatliche Einrichtungen erreicht“, sagt Alexandra Iwlijewa. Noch aber stehe das Kind nicht im Mittelpunkt der Bildungseinrichtungen, sagt Xenia Marsowa von InternetUrok (Internetstunde).

Prinzip Begeisterung

Die Onlineschule profitiert vom rigiden System der Staatlichen – indem sie den Unterricht freier gestaltet. Ab umgerechnet 30 Euro im Monat bietet sie Homeschooler*innen, Unschooler*innen, aber auch Schü­le­r*in­nen der staatlichen Schulen die Möglichkeit, sich Wissen anzueignen. Im eigenen Tempo, zur eigenen Wunschzeit. Hausaufgaben, Prüfungen und Noten gibt es auch bei InternetUrok. „Aber wir orientieren uns am Kind und pflegen die Prinzipien: Staunen, Spaß, Begeisterung, Erfolg“, sagt Xenia Marsowa.

17.500 Schüler sind bei der Onlineschule angemeldet. Es sind Kinder, die in staatlichen Schulen gemobbt wurden, wegen Wettkämpfen oder Auftritten oft unterwegs sind oder aufgrund ihres Handicaps keinen Zugang zu konventionellem Unterricht haben. Es sind auch Kinder aus kleinen Dörfern ohne eine Schule in Laufnähe oder aus überfüllten Großstadtklassen.

Wieder andere haben mit ihren Familien Russland verlassen, sollen aber dennoch den Zugang zur russischen Sprache und zum russischen Unterrichtsstoff erhalten. Auch religiöse Familien, die von staatlichem Einfluss auf ihren Nachwuchs nichts halten, profitieren von Russlands freiem Bildungsgesetz.

„Für Homeschooling muss man bereit sein und darf das Kind keineswegs als sein eigenes Projekt sehen“, sagt Oxana Aprelskaja aus Chimki bei Moskau. Sie sei zunächst zu verbissen an die Aufgabe herangegangen, der Tochter Bildung beizubringen. „Erst einmal muss man mit sich selbst klarkommen, bevor man dem Kind etwas aufhalsen will.“

Für Sascha top, für Dima flop

Zwei Jahre lang habe sie ihrem Mann, der das Kind nicht an einer staatlichen Schule anmelden wollte, „Widerstand geleistet“, wie sie sagt. Dann habe sie Bücher zur kindlichen Entwicklung gelesen, sich mit verschiedenen Schulkonzepten beschäftigt. „Mir ist klar geworden, dass die Schule, wie wir sie kennen, stark entfernt ist vom Leben eines Kindes“, sagt die Journalistin, die heute Online-Lernplattformen für Unis erarbeitet.

Ihre heute 14-jährige Tochter Sascha hat nie eine Schule besucht. Die ersten vier Schuljahre war sie Freilernerin, hatte keinen allzu geregelten Tagesablauf, machte aber die Abschlussprüfungen. Seit der fünften Klasse ist sie an einer Onlineschule angemeldet, stellt sich ihren Stundenplan selbst zusammen, schreibt die Prüfungen, wenn sie bereit dafür ist.

Daneben besucht sie außerschulische Angebote. „Unsere Tochter ist bestens sozialisiert, der Vorwurf, Homeschooler seien unsoziale Wesen, die nie gelernt hätten, mit unterschiedlichen Menschen Konflikte zu lösen, ist fern der Realität“, sagt Aprelskaja. Für Sascha sei diese Form des Lernens „genau die ihre“, für ihren Sohn Dima dagegen „absolut nicht geeignet“, berichtet die Mutter. Der Achtjährige besucht eine Waldorfschule. „Wir brauchen mehr Bildungsprojekte – alternative, klassische –, damit jeder das für sich Passende aussuchen kann“, sagt die 36-Jährige.

Auch Alexandra Iwlijewa vom Kugel-Kindergarten wünscht sich, dass Kinder anders an die Sachen herangehen, als sie es noch selbst gelernt habe. Freier. „Vielleicht ändert sich dann auch das System hier.“ Die Kindergartenzeit von Tochter Alissa geht bald zu Ende. Alexandra Iwlijewa plant nun eine Schule – nach dem Unschoolingprinzip.

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