Holocaust-Gedenken in Deutschland: Als Propaganda missbraucht

Den Holocaust propagandistisch für die Tagespolitik zu missbrauchen, beleidigt nicht nur die Opfer. Es zielt auf eine Umdeutung der Geschichte ab.

Boris Roessler

Gefährliche Entwicklung: Sogenannte Coronakritiker mit „Judenstern“ als Zeichen ihrer angeblichen Unterdrückung Foto: Boris Roessler/dpa

Es ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen, seit die Bundesrepublik Deutschland immer am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945, den Holocaust-Gedenktag begeht. Der Tag ist mittlerweile mit Ritualen wie den Reden im Bundestag etabliert. Aber auch viele nichtstaatliche und kleinere Initiativen auf regionaler Ebene erinnern am 27. Januar an das Menschheitsverbrechen des unvergleichlichen Massenmords an Juden, an Sinti, Roma und weitere Opfern. Das ist gut so. Aber es ist nicht gut genug.

Denn der Streit über die Deutung des Holocaust hat sich keineswegs abgeschwächt, sondern lediglich verändert. Die Zahl derer, die den Mord leugnen, ist glücklicherweise verschwindend gering und ihr Einfluss noch geringer. Die Relativierung des Massenmords ist dagegen geradezu in Mode gekommen. Die Opfer werden für aktuelle eigene Interessen funktionalisiert.

Das ist perfide, weil sie sich nicht wehren können. Es ist aber auch eine brandgefährliche Entwicklung, wenn sich sogenannte Coronakritiker in die Tradition von Anne Frank stellen, wenn sie sich zum Zeichen ihrer angeblichen Unterdrückung „Judensterne“ anheften oder wenn Rechtspopulisten glauben, kundtun zu können, sie seien die wahren Nachfolger der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944.

Der Versuch, den Holocaust als Propagandamittel für die Tagespolitik zu missbrauchen, beleidigt nicht nur die Opfer. Er zielt auf eine Umdeutung der historischen Ereignisse ab. Denn diese Art der Relativierung lässt nicht nur den Eindruck zurück, die vorgeblich Unterdrückten von heute seien ihrer Grundrechte beraubt. Sie kann auch so interpretiert werden, als sei der Holocaust gar nicht so furchtbar, als sei es ein Ereignis unter vielen gewesen, dem man folglich kein großes Gewicht beimessen müsste.

Diese falsche Historisierung der Ereignisse zwischen 1933 und 1945 bedroht die Gesellschaft mehr als alle NPD-Fahnenträger. Sich ihr entgegenzustellen, ist eine Aufgabe, die nicht nur bei einem Gedenktag im Jahr gefordert ist, sondern täglich und überall.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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