Hohe Spritpreise: Nutzen Tankstellen den Krieg in Iran zur Abzocke?
Über zwei Euro kosten Benzin und Diesel gerade in Deutschland. Die Bundespolitik diskutiert darüber, ob und wie einzugreifen ist.
Die Preise für Diesel und Benzin haben die Marke von 2 Euro pro Liter übersprungen. Zocken Tankenstellen die Autofahrer systematisch ab, seit Öl infolge des Kriegs in Iran am Weltmarkt teurer geworden ist? Die Preise an der Zapfsäule sind mal wieder zum Politikum geworden.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kündigte bereits eine kartellrechtliche Prüfung an. Sie sei in dieser Sache mit dem Bundeskartellamt im Austausch, sagte sie. Unterdessen forderte die Linke von der Regierung bereits „zeitnah ein Ergebnis“. Linken-Fraktionschef Sören Pellmann sagte im Sender ntv, er erwarte ein Resultat „bis Anfang nächster Woche“.
Dass sich – vor allem so kurzfristig – Anhaltspunkte für ein Einschreiten der Kartellbehörden ergeben werden, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte 2022 in der Energiekrise infolge des Ukrainekriegs eine Sektoruntersuchung des Bundeskartellamts zu Raffinerien und Kraftstoffgroßhandel initiiert. Im Februar 2025 wurde sie mit einem umfangreichen Endbericht abgeschlossen.
Die Analyse habe „eine hohe Markttransparenz auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette“ belegt, sagte damals Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Es gab lediglich ein paar Empfehlungen an die Politik hinsichtlich von Details – etwa eine stärkere gesetzliche Regulierung von Preisnotierungen im Mineralölbereich.
Höhere Preise am globalen Rohölmarkt
Wie kommen die Endkundenpreise nun zustande? Am Anfang der Preisbildung steht immer der globale Rohölmarkt mit Angebot und Nachfrage. Dort sind die Notierungen nach dem Beginn des Irankriegs um rund 20 Prozent auf nunmehr 84 Dollar pro Barrel gestiegen.
Die Märkte der einzelnen Mineralölprodukte sind unterdessen auch regional geprägt. In Westeuropa zum Beispiel produzieren die Raffinerien mehr Benzin, aber weniger Diesel, als jeweils nachgefragt wird. Somit sind beim Diesel, anders als beim Benzin, auch Importe des Endprodukts nötig, was diesen Treibstoff aufgrund der gestörten Handelswege in jüngster Zeit besonders verteuert hat.
Für den Einkauf der Tankstellen sind die Produktpreise für Benzin und Diesel relevant. Diese hängen nicht nur vom Rohölpreis, dem Wechselkurs Dollar/Euro und den zuletzt auch gestiegenen Transportkosten der Tanker ab, sondern auch schlicht vom regional verfügbaren Angebot.
Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie teilte auf Anfrage mit, dass der Dieselpreis in Rotterdam „seit Beginn des Nahostkonflikts und der De-facto-Sperrung der Straße von Hormus“ um 26 Cent je Liter oder fast 50 Prozent gestiegen sei. Bei Benzin seien es plus 12 Cent oder 17 Prozent. Die Preise seien „ein Knappheitsindikator in einer geopolitisch schwierigen Situation“.
Tankstellen zahlen jetzt höhere Einkaufspreise
Zu Irritationen führt oft die Tatsache, dass die Tankstellen ihren Sprit im Großhandel zwar häufig auf Basis langfristiger Lieferverträge (sogenannter Termverträge) beschaffen, gleichwohl aber an den kurzfristigen Preisen hängen. Denn der Preis bestimmt sich oft auf Basis eines Index zum Zeitpunkt der Lieferung.
„Die für die deutschen Großhandelsmärkte relevantesten Anbieter von Preisnotierungen sind die zum S&P-Konzern gehörende S&P Global Commodity Insights“, erklärt das Bundeskartellamt. Für Mitteleuropa am wichtigsten sind die ARA-Indices (Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen). Daher müssen auch die Tankstellen oft unmittelbar höhere Einkaufspreise bezahlen, sobald die Rohölpreise steigen.
Unterdessen kam im politischen Berlin neben einer kartellrechtlichen Prüfung auch ein zweites Thema wieder auf – was inzwischen oft passiert, wenn Energiepreise steigen: ein staatlich finanzierter Tankrabatt. Doch anders als im Jahr 2022 nach dem Beginn des Ukrainekriegs soll es einen solchen diesmal nicht geben. „Das steht nicht auf der Agenda“, sagte Wirtschaftsministerin Reiche laut Medienberichten.
Ebenso ablehnend zeigte sich Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) im Bundestag auf die Frage eines AfD-Abgeordneten, ob der Staat angesichts der „horrenden Steigerung der Treibstoffpreise“ nicht die Spritsteuern senken wolle. Sein Vorschlag: „Grundsätzlich ist es am besten, Sie fahren ein batterieelektrisches Auto. Dann sind Sie nicht davon abhängig, wie der Benzinpreis ist.“
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