HipHop in Zeitlupe: Die Farbe Lila
HipHop, Hustensaft, Herzinfarkt. Wie der ultra-verlangsamte Sound von Rap aus Houston und dem Produzenten DJ Screw zum Phänomen wurde. Eine Klangreise.
Es ist ein sonniger Vormittag Mitte Februar in Houston. Hunderte Autos rollen im Slalom durch den Norden der texanischen Millionenstadt. Giftgrün, feuerrot, himmelblau, orange, weiß – ihre Metallic-Lackierungen glänzen wie flüssiges Plastik. An den Reifen der aufgemotzten Schlitten sind Pylonen-förmige Drahtspeichen angebracht, sogenannte „Elbows“, die mehrere Zentimeter über die Spannbreite der Reifen hinausragen.
Die Wagen fahren selbstgefällig langsam, fette Subbässe wabern aus den Boxen, die in den Kofferräumen der Pkws untergebracht sind, weil sie zu groß für das Armaturenbrett sind. In Houston wird so ein Autokorso „Slab Ride“ genannt. Heute zollen die Fahrer ihrem Helden, dem DJ Michael „5000“ Watts Tribut, einer Schlüsselfigur des Houston-Rap, der Ende Januar gestorben ist. Wer verstehen will, warum hier Hunderte Autos in Zeitlupe durch die Stadt zuckeln, muss den Rapsound verstehen, der in Houston erfunden wurde.
Er heißt „Chopped & Screwed“. Es ist Downtempo-HipHop, sein Beat ist so zäh wie Superzeitlupe. Wie Sirup, der sich durch ein Getränk zieht. Stimmen werden zerdehnt, Beats zerhackt, einzelne Passagen wiederholt, ganze Songs durch Slowmotion neu zusammengesetzt. Der Bass brummt dabei tief und dicht. Die Songs klingen wie von einer Kassette, die vom Rekorder gefressen wird. Ein Sound so hypnotisch wie psychedelisch – und er kommt aus dem Südteil Houstons.
Lance Scott Walker: „DJ Screw. A Life in Slow Revolution“. University of Texas Press, Austin, 312 Seiten, ca 30 Euro
Mutters Platten zerkratzen
Dort begann Anfang der 1990er ein junger DJ namens Robert Earl Davis Jr., Musik radikal zu verlangsamen. Mit 13 hatte er den Tanzfilm „Breakin“ (1984) gesehen und war mehr vom DJ Chris „The Glove“ Taylor als von den Tänzern fasziniert. Zu Hause zerkratzte er die Platten seiner Mutter beim Scratchen. „Stop screwing my records“, soll Roberts Mom gerufen haben. Der Name blieb ihm erhalten: DJ Screw.
Auch in der Schule fiel DJ Screw bald auf. Während andere dem Unterricht folgten, schraubte er Kassetten auseinander, deren Musik er nicht mochte – oder zerstörte sie gleich ganz und hat sie „gescrewed“ (dt. gefickt): „Was glaubst du, wer du bist – DJ Screw oder was?“, soll Freund und Mitschüler Shorty Mac gespottet haben. Erst war der Spitzname ein Witz, bald wurde DJ Screw aber zur Marke. Davis nahm das nur zu gerne an und begründete damit seine Identität.
DJ Screw experimentierte mit Kassetten, ließ Platten ultralangsam laufen, zerlegte Samples und setzte sie neu zusammen: die „Chopped & Screwed“-Technik. Später wurde sie sich auch von anderen lokalen DJs wie „5000“ Watts angeeignet. „Screw Tapes“, sogenannte DIY-Mixtapes, meist waren darauf verlangsamte Versionen aktueller Tracks von Snoop Dogg und Dr. Dre zu hören. Auch Popsongs wie „In The Air Tonight“ von Phil Collins, oder „White Horse“ der dänischen Discoband Laid Back verwandelte DJ Screw in düstere Klangmolasse. „Ich habe zu Hause beim Mischen rumgespielt als ich high war. Wenn man bekifft ist, bewegt man sich nicht wild herum“, erklärte DJ Screw. Außerdem fand er, klang die Musik einfach besser in Zeitlupe.
Von den Screw-Tapes sollen im Laufe der Jahre rund Tausend entstanden sein, offiziell gelistet sind 355. Für 10 Dollar pro Stück verkaufte Screw sie zunächst ambulant von seinem Zuhause. „3-N-Da-Morning“ (1991) gilt als erstes der legendären Screw-Tapes. Menschen standen bald Schlange, die Polizei vermutete zunächst florierenden Drogenhandel. Tatsächlich waren Screw-Tapes nur die begehrteste Ware im Houstoner Musikuntergrund.
Mit der Zeit wurden die Tapes zur musikalischen Basis für lokale Rapper. Houstoner Untergrundhelden wie Z-Ro, Big Hawk und Fat Pat fanden hier ihr Publikum. Um die Screw-Tape-Bewegung gründete sich das Kollektiv Screwed Up Clique.
Musik von und für Nachbarn
„Er ermöglichte Menschen eine Karriere, die ohne seine Screw-Tapes vielleicht nie Rapper geworden wären. Bewohner verschiedener Viertel Houstons erkannten den Slang und die Stimmen von Menschen, die sie persönlich kannten. Das gab der Stadt Kraft und tut es noch heute“, sagt DJ-Screw-Biograf Lance Scott Walker der taz.
Dabei hatte Houston bereits vorher eine lebendige Rapszene. Schon Ende der 1980er baute das Label Rap-A-Lot Lokalhelden zu US-HipHop-Stars auf. Die Crew Geto Boys landete 1991 mit „Mind Playing Tricks on Me“ einen Klassiker über Paranoia und psychische Abgründe des Straßenlebens. Der Song erhielt Goldstatus für mehr als eine halbe Million verkaufter Einheiten – seine Musik klang aber noch nicht nach dem Sound, den Houston wenige Jahre später definieren sollte.
Der nächste Impuls kam aus dem Norden. 1997 gründete Michael „5000“ Watts das Label Swishahouse – als Antwort auf die Screw-Tapes im Süden der Stadt. Die im Norden so gut wie verpönt waren – öffentlich zumindest. Der Durchbruch folgte 2004 mit „Still Tippin“ von Mike Jones, Slim Thug und Paul Wall.
Produzent Salih Williams, ein Cousin von DJ Screw, griff für den Beat zu den Streichern aus Rossinis „Wilhelm-Tell-Ouvertüre“ in der Einspielung der Süddeutschen Philharmornie unter Dirigent Alfred Schulz. Unter das Sample legte er ein reduziertes Old-School-Drumpattern. Alles wurde drastisch verlangsamt, bis der Track schwer, schleppend, aber nie behäbig klang. Der Song verkaufte sich millionenfach, Houston war plötzlich Zentrum der US-Rapwelt.
HipHop-Sound aus der Stadt der NASA schlug wie ein Komet in die internationale Rapszene ein. Seine Flugbahn hatte er bereits in den frühen Neunzigern aufgenommen, doch erst jetzt ist er weltweit sichtbar. Und anders als ein Komet zerstörte er nichts – er zerfiel in unzählige Splitter, die sich über die globale HipHop-Landschaft verteilen. Der Hamburger Rapper Samy Deluxe nannte sein Mixtape „Big Boss Of The Nauf“ (2006) – eine Anspielung auf Slim Thugs Selbstbezeichnung „Big Boss Of The North“.
Texanische Quacksalber
2011 veröffentlichte Superstar A$AP Rocky sein Debütmixtape „Live. Love“. A$AP reimt sogar darüber, wie sehr er inspiriert ist vom hypnotischen Houston-Sound: „Influenced by Houston, hear it in my music“, heißt es im Song „Palace“. Auch die Albumtitel „Purple Reign“ (2016) und „Dirty Sprite“ (2011) des Rappers Future aus Atlanta verweisen auf die lilafarbenen Codein-Hustensäfte, die in Houston durch verschreibungsfreudige Ärzte und die Rapper der Screwed Up Clique populär wurden.
Selbst Berliner Rapper wie Nizi greifen die Modedroge noch immer auf. Und die Grillz – goldene, silberne oder platine Zahnschmuckaufsätze – wurden durch Houstoner Rapper in den Nullerjahren zum globalen Trend. Inzwischen trägt sogar ein Berliner Hauptdarsteller wie Lars Eidinger den aufdringlichen Gebissschmuck.
Screw-Sound hatte jedoch eine düster Begleitmusik. Codeinhaltiger Hustensaft, „Lean“ genannt, war in Teilen der Houstoner Rapszene weit verbreitet. Die verlangsamte Ästhetik wurde oft als akustisches Abbild des Codein-Rausches gedeutet. DJ Screw selbst widersprach zwar, doch sein exzessiver Lebensstil forderte seinen Preis. 2000 starb er mit nur 29 Jahren an einem Herzinfarkt. Ebenso Michael „5000“ Watts mit 52.
Während der Slab Ride durch Houstons Straßen rollt, vibriert aus den Boxen noch immer der „Chopped & Screwed“-Sound, den DJ Screw einst erfand. Houston hat den Rap nicht beschleunigt. Es hat ihn verlangsamt und genau darin liegt sein Vermächtnis.
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