Haus der Statistik am Alexanderplatz

Eine revolutionäre Zelle

Das Haus der Statistik zieht Zwischenbilanz – und alle sind begeistert. Sollten die Pioniernutzer bleiben, ensteht hier ein Quartier der anderen Art.

Ein Ort wie ein Herbert-Grönemeyer-Song: Das Haus der Statistik am Alexanderplatz Foto: Stefan Boness/lpon

BERLIN taz | Der erste Gedanke: Hier sind sie also, die letzten Verrückten Berlins. Der zweite Gedanke: Sollte es diesen Leuten tatsächlich gelingen, sich im Haus der Statistik einzunisten – und im Moment sieht es ganz danach aus –, dann könnte hier am Alexanderplatz tatsächlich die letzte revolutionäre Zelle der Stadt entstehen.

Draußen am Alex, dieser Wüste aus Shopping Malls, teuren Apartments und grauen Büros, ist funky November. Aber in der Werkstatt des Hauses der Statistik, im ehemaligen Fahrradladen, schießen derart viele Ideen hin und her, dass es richtig mollig wird. Seit Mai dieses Jahres haben sich im Rohbau, der parallel für Sanierung und Neubau vorbereitet wird, sogenannte Pioniernutzungen breitgemacht – Kreative, die dafür kein Geld bekommen, deren Organisation aber vom Land Berlin unterstützt wird.

An diesem Donnerstagvormittag stellen einige von ihnen vor, was sie geschafft haben und schaffen wollen. Sie sammeln Kunststoff und geben ihn weiter; sie schaffen klimaneutrale Kunstwerke im öffentlichen Raum, die man mitbenutzen, mieten und ausleihen kann. Sie bieten Workshops an, in denen man sich Bälle selber baut, mit denen man anschließend jonglieren lernt.

Anton Schünemann vom Kunstlabor Schlesische 27 berichtet mit roten Wangen vom Haus der Materialisierung, das zum Jahreswechsel entstehen soll, einer Art Zero-Waste-Zen­trum. Er selbst hat Utopien ausprobiert mit Jugendlichen, die es sich nicht mehr leisten können, von zu Hause auszuziehen – ein Röhrenhotel etwa. Karin Ehrle-Host hat Schwierigkeiten, all die tollen Akteure aufzuzählen, die bei ihrem Projekt Lebensmittelpunkt mitmachen, einem offenen Ort, an dem regionale, hochwertige Nahrungsmittel angebaut, gelagert, verarbeitet und verzehrt werden.

Ein Gebäudekomplex mit 46.000 Quadratmetern Nutzfläche ist das Haus der Statistik, direkt an der Karl-Marx-Allee und Otto-Braun-Straße am Alexanderplatz. Ende der Sechziger wird es von der Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik der DDR genutzt, nach der Wende von bundesdeutschen Behörden. 2008 wird es leer gezogen, 2010 soll es einem Neubau weichen.

2015 bringt die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser ein Transparent mit der Aufschrift „Hier entstehen für Berlin Räume für Kunst, Kultur und Soziales“ am Haus an. Im selben Jahr schlägt die Initiative Haus der Statistik vor, das Areal als Zentrum für Geflüchtete, Soziales, Kunst und Kreatives zu nutzen, das Bezirksparlament stimmt zu. 2017 kauft das Land Berlin das Haus der Bundesrepublik ab und will es mit der Initiative entwickeln.

Im Februar 2019 gewinnt ein städtebaulicher Entwurf, der im sanierten Haus der Statistik und mehreren Neubauten ein neues Rathaus für den Bezirk Mitte vorsieht, ein Finanzamt, aber auch mehrere hundert Wohnungen und Flächen für soziale und kulturelle Projekte. Im Mai 2019 beginnen die Pioniernutzungen. (sm)

Zusammen bilden all diese Akteure ein quietschbuntes Patchwork aus Ideen, in dem es im Großen und Ganzen darum geht, diese Stadt anders zu nutzen als anderswo: Ein öffentliches, nichtkommerzielles Labor zu bauen, in dem wir Berliner über Aneignung sprechen können: Darüber, wie wir in Zukunft vernünftig und nachhaltig und selbstbestimmt zusammenleben wollen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde geht es raus aus der Werkstatt, rauf auf den Innenhof. Und man kann sich spontan vorstellen, wie lebendig es hier im Sommer zugegangen sein muss. Zwischen den aufragenden Gebäuden steht so etwas wie ein Autoscooter, eine Art überdachte Bühne, auf der die Nachbarn diskutieren, Tango tanzen, singen, mit Kindern Theater machen konnten und können.

Es geht über knirschende Glasscherben und anderen Bauschutt, dann durch eins der Gebäude, die nicht einmal mehr Fenster haben, über einen hölzernen Steg, der alle Unwegsamkeiten überbrückt, vorbei an jungen Birken, die hier seit zehn Jahren ungestört wachsen.

Dort, wo im Mai noch Löcher in den Wänden klafften, sind große Holzfenster entstanden; hier stehen Sitzbänke und Podeste aus rohem Holz, die von drinnen nach draußen ragen. Dahinter befindet sich eine Küche, in der der Verein Restlos Glücklich für die versammelten Journalisten von Äpfeln bis Zimtschnecken ein reichhaltiges Frühstück aus geretteten Nahrungsmitteln vorbereitet hat. Schade, dass der Gemeinschafts- und Experimentiergarten des Vereins Sunseeker, der aus etwa 15 Hochbeeten in einem betonierten Hinterhof besteht, bereits winterfest gemacht wurde.

Bis das Haus der Statistik saniert und neu bebaut wird, dürfte es noch dauern – bis dahin, so hoffen die derzeitigen Pioniernutzer, werden sie vielleicht weiterhin im Erdgeschoss, vielleicht anderswo im Haus der Statistik immer wieder lauschige Winkel finden, die sie mit viel Engagement und Eigenkapital füllen werden, mit guten, manchmal interessanten, vielleicht manchmal sogar auch ein wenig versponnenen Ideen. Wenn es dann so weit ist, hoffen sie auf günstige Mietverträge. Auch deshalb nennen sie sich Pioniernutzer und nicht Zwischennutzer, die ja wieder raus müssen, wenn die Sanierung abgeschlossen ist.

Das Haus der Statistik ist ein Gegenpart ohne Businessplan

Beim Verlassen des Gebäudes fällt der Blick noch einmal zurück auf das Haus, das fast nur noch wie ein Gerüst wirkt. Ganz oben thront seit Mai der Schriftzug „Allesandersplatz“. Dieses Wort trifft sehr genau, was derzeit im Haus der Statistik geschieht. Es ist ein Gegenpart ohne Businessplan in einer Stadt, in der zunehmend verdrängt wird. Es ist eines der wichtigsten Experimente in Berlin zur Zeit.

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