Hass nach Stolpersteine-Post: Sandro Kappe geht wider Willen viral
Sonst kommt der Hamburger CDU-Politiker auf Instagram auf ein paar tausend Klicks. Ein Reel, in dem er Stolpersteine putzt, knackt bald die Million.
Lohnt sich das, habe Sandro Kappe (CDU) seinen Mitarbeiter gefragt. Sollte es wirklich wieder ein Video werden davon, wie er Stolpersteine putzt in Bramfeld, einem Viertel in seinem Wahlkreis im Nordosten Hamburgs, wie er es jedes Jahr im Frühjahr macht, oder reicht diesmal ein Foto?
Der Bürgerschaftsabgeordnete Kappe hat auf Instagram 1.800 Follower. Normalerweise haben seine Videos ein paar tausend Aufrufe. Richtig gut lief zum Beispiel eins aus einem zerfallenden Einkaufszentrum in Steilshoop aus dem März mit 438 Likes.
Seine Videos von sich beim Stolpersteinputzen, die er jedes Jahr um den israelischen Gedenktag Jom haScho’a im April oder vor dem Tag der Befreiung am 8. Mai auf Instagram hochlädt, laufen normalerweise nicht so gut. Das letzte hat 127 Likes und kam nur auf ein paar tausend Aufrufe. Trotzdem entschied sich Kappe dafür, die Stolpersteinaktion auch in diesem Jahr zu filmen. „Nicht aufgrund der Reichweite, sondern des Signals, dass man das macht“, sagt er der taz.
Dass er das gemacht hat und ein Video davon auf Instagram gepostet hat, beschert dem Kommunalpolitiker gerade so viel Aufmerksamkeit, wie er in seiner ganzen Karriere noch nicht erlebt hat. Stand Dienstagabend hat sein Video 985.590 Aufrufe und mehr als 32.400 Likes. Es läuft ungefähr 20 Mal besser als seine sonstigen Posts und knackt, wenn es so weitergeht, bald die Million.
Tausende rechte und antisemitische Kommentare
Der Grund: Unter dem Video haben sich tausende rechte und antisemitische Kommentare gesammelt. Viele hat Kappes Mitarbeiter schon gelöscht. Der taz liegen Screenshots vor. „Gibts auch für ‚Nichtjuden‘ Gedenksteine?“, schrieb steppkapunkt.
„Das ist normal mittlerweile anstatt sich um deutsche zu kümmern machen die Leute irgendwelche Steine für irgendwelche Juden sauber“, schrieb 95.s.g.44. „Der deutsche bückling“, schrieb mr.bartolucci65. Ein Nutzer möchte die Steine zum Schrott bringen, ein anderer will seinen Hund drauf kacken lassen.
Sandro Kappe formuliert es so: Hass und Hetze hätten sich unter seinem Post angesiedelt. Man hört ihm an, dass ihn das mitnimmt. „Also, da muss ich sagen, Hass, Judenhass ist halt offensichtlich für den Algorithmus ein Katalysator. Ich finde das krass“, sagt er.
Er erklärt sich die vielen Klicks damit, wie der Algorithmus von Instagram funktioniert. Dieser belohnt Aufmerksamkeit mit noch mehr Aufmerksamkeit. Wenn unter einem Video besonders kontroverse Kommentare stehen, wird der Inhalt auch deswegen mehr Menschen ausgespielt, und eine Spirale geht los. Der Mechanismus wird schon lange kritisiert.
Empfohlener externer Inhalt
Das erklärt aber nicht alles. Schließlich haben seine Videos aus den Vorjahren nicht so viel Hass ausgelöst. Kappe erklärt sich das mit einem Anstieg des Antisemitismus.
Kappe, 40, gebürtig in Mecklenburg-Vorpommern, ist mit 17 Jahren der CDU beigetreten. Die Alternative wären die Grünen gewesen. Stolpersteine poliert er, seit er vor sechs Jahren in die Hamburger Bürgerschaft gewählt wurde. Er ist klimapolitischer Sprecher der Fraktion. Vorher war er Abgeordneter in der Bezirksversammlung Hamburg-Wandsbek, davor neun Jahre im Regionalausschuss Bramfeld/Steilshoop/Farmsen/Berne.
Sein Wahlkreisbüro liegt in Steilshoop, einem Hochhausviertel im Nordosten Hamburgs. Die Menschen, die hier wohnen, sind tendenziell jünger und ärmer, der Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte ist höher als im Rest der Stadt.
„Viele Muslime“, sagt Kappe und erzählt eine Geschichte, wie ein Mann ihn neulich vor dem Büro angesprochen und die CDU als „Judenpartei“ bezeichnet habe. Krass, fand er das. Auf Kappes Webseite steht über seinen Wahlkreis: „Ein Lebensmittelpunkt, der kulturelle Vielfalt mit regionaler Identität verknüpft – wo man einfach gerne lebt.“
Sandro Kappe, CDU-Bürgerschaftsabgeordneter
Vor ein paar Tagen hat sich der ehemalige Bürgermeister von Hamburg, Ole von Beust (CDU), wegen des Videos bei Kappe gemeldet. Er würde beim nächsten Mal gerne mitmachen, habe er gesagt, sagt Kappe. Das sei schön, aber er „brauche das auch nicht“, sagt Kappe und meint die Aufmerksamkeit.
Er hat bis jetzt weitgehend davon Abstand genommen, die Sache auf Instagram zu kommentieren. Er will nicht den Eindruck vermitteln, dass er sich als Opfer sieht. Die Opfer seien andere: „Die den Hass aushalten müssen, würde ich sagen. Die Leute schreiben ja nicht, ich bin ein Idiot und ich muss verbrannt werden, sondern sie sagen das ja zu anderen Leuten. Und das ist ja eigentlich das Thema.“
Anzeigen will Kappe die Kommentare nicht. Es seien schlicht zu viele, die Staatsanwaltschaft sei ohnehin überlastet und er bezweifle, dass die Urheber bestraft würden.
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