Hashtag #alpinedivorce: Das Patriarchat in der Wildnis
Unter dem Hashtag #alpinedivorce berichten Frauen, wie sie von ihren Partnern am Berg zurückgelassen wurden. Der Begriff ist verharmlosend.
E ine Frau erzählt, wie ihr Partner plötzlich losrannte, um als Erster auf dem Gipfel zu sein. Eine andere, wie ihr Mann sie anschrie, weil sie beim Wandern nicht mehr konnte. Eine dritte berichtet davon, wie sie verletzt zurückgelassen wurde und Panikattacken ertragen musste.
Aktuell häufen sich in den sozialen Medien Berichte von Frauen, die beim Wandern und Bergsteigen von ihren männlichen Begleitern allein zurückgelassen wurden. Auslöser für diese Flut an teilweise sehr emotionalen Erfahrungsberichten ist der Fall von Kerstin G., für die eine solche Situation tödlich endete. Sie erfror vor über einem Jahr beim Besteigen des Großglockners, nachdem ihr Partner ohne sie weiter den Berg bestiegen hatte. Im Februar wurde er von einem österreichischen Gericht wegen grob fahrlässiger Tötung für schuldig befunden.
Während die einen bezweifeln, dass er wirklich für den Tod seiner Freundin verantwortlich gemacht werden kann, fordern andere eine höhere Strafe. Folgt man dem Hashtag #alpinedivorce, bekommt man das Gefühl, Männer ließen ihre Tourenpartnerinnen häufiger in der Wildnis allein. Als hätte das System. Darum hat das Phänomen einen Namen bekommen – nur leider keinen guten: alpine divorce, auf Deutsch „alpine Scheidung“.
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Der Begriff geht auf die gleichnamige Kurzgeschichte von Robert Barr aus dem Jahr 1893 zurück, in der ein Mann seine Ehefrau in den Bergen in den Tod stößt, um sie loszuwerden. Wer auf die Idee kam, dieses staubige Stück Literatur aus dem vorletzten Jahrhundert auszugraben, ist nicht bekannt.
Toxische Männlichkeit in ihrer sportlichsten Form
Klar ist aber, dass sein Titel nicht der realen Gewalt gerecht wird, von der manche Frauen erzählen. Eine Scheidung kann auch einvernehmlich, ganz ohne Trauma ablaufen. Mit der sogenannten alpinen Scheidung haben wir es aber mit einer extrem egoistischen Form patriarchaler Gewalt in der westlichen Welt zu tun, die einen angemessenen Namen braucht.
Ich wohne in Oberbayern. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich auf das Kaisergebirge. In unserem WG-Keller lagert ein Haufen an Bergsteigequipment. Ich weiß, wie es sich anfühlt, in einem Gelände, in dem dich ein falscher Schritt in den Tod stürzen könnte, auf die Expertise und die Erfahrung einer anderen Person angewiesen zu sein. Und ich finde: Alpine divorce ist eine sprachliche Verharmlosung. Es ist dasselbe Muster, nach dem Femizide blumig als Beziehungsdramen bezeichnet werden und nicht als das, was sie eigentlich sind: die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind.
Im Alpinsport sterben mehr Männer als Frauen. So waren im Jahr 2024 87 Prozent der österreichischen Todesfälle am Berg männlich. Laut Studien sind Männer risikoaffiner und wettbewerbsorientierter, das könnten Gründe dafür sein. Es ist toxische Männlichkeit in ihrer sportlichsten Form. Damit hätten wir auch schon das Fundament, auf dem die Gewalt, der Frauen in den Bergen ausgesetzt sind, gedeiht.
Eine viel passendere Bezeichnung für die traumatischen Erfahrungen wäre also: toxischer Alpinismus. Die Frauen, die ihm zum Opfer fielen, wirken oft fit und wie erfahrene Bergsteigerinnen. Doch vom eigenen Partner bei Nacht, im Schnee und erschöpft am Fels des höchsten Gipfels Österreichs zurückgelassen zu werden, darauf kann sich kein Mensch vorbereiten.
Darum verstehe ich jede Person, die ab jetzt keine Lust mehr hat, mit Männern in die Berge zu gehen. Vielleicht wird der Berg dann auch mehr zu einem feministischen Raum. Einem Ort, an dem wir zwar nie ganz sicher vor dem Wetter, dem Fels und der Tiefe sein werden, aber – in weiblicher Begleitung – wenigstens vor den fahrlässigen Entscheidungen mancher Männer.
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