Hamburger Veranstalter über Clubsterben: „Ich sehe das kämpferisch, sonst wäre ich nur am Weinen“
Seit 30 Jahren kämpft der Club Hafenklang ums Überleben. Trotz wenig Kulturförderung und Palästina-Boykotten gibt er auch kleinen Bands eine Bühne.
Foto: Silke Heyer / IMAGO
taz: Herr Lengefeld, was ist das Geheimrezept dafür, als Club 30 Jahre in einer Großstadt zu überleben, in der die Clubszene ständig ums Überleben kämpft?
Thomas Lengefeld: Geheimrezept? Das hat viel mit ungesunder Selbstausbeutung zu tun gehabt. Vor circa 25 Jahren, also von 1996 bis Anfang der Nullerjahre, hat keiner Geld bekommen. Dann wurde der Hafenklang Kultur e.V. gegründet und der hat die Gastronomie-Konzession für den Laden bekommen. Dann haben wir haben halt die Kultur über die Gastronomie finanziert. Und die letzten Jahre zu überleben, hat nur durch Crowdfunding, Einsparungen und Unterstützung durch die Kulturbehörde funktioniert. Also ich sehe das immer eher kämpferisch und als Herausforderung, sonst wäre ich ständig am Weinen.
taz: Was unterscheidet das Hafenklang von anderen Clubs?
Lengefeld: Unser frei kuratiertes Booking. In Hamburg gibt es zwei bis drei Clubs, die das noch machen, uns und die Stubnitz, zum Teil das Knust. Also aus betriebswirtschaftlicher Sicht müssten wir das sofort stoppen und uns von den großen Agenturen als Showcase-Bühnen von der Industrie anmieten lassen.
taz: Was ist für das 30-jährige Jubiläum geplant?
Lengefeld: Ich habe beim Bezirksamt Altona einfach mal stumpf eine Straßensperrung beantragt für ein Open Air. Ich hätte nie damit gerechnet, dass die das genehmigen. Haben sie aber. Jetzt machen wir vor der eigenen Haustür am Hafen ein eigenes Programm und zusätzlich die ganze Woche ab dem 24. Juli Clubprogramm mit Konzerten und Partys.
taz: Wie wird das finanziert, das Hafenklang hat doch eigentlich kein Geld?
Lengefeld: Wir haben die Stadt ein bisschen unter Druck gesetzt mit einem Flugblatt, das wir Anfang 2025 beim Club Award verteilt haben. Dort haben wir der Branche mal vorgerechnet, was hier so schiefläuft mit dem Hamburger Kulturetat. Und dass solche Industriemessen wie das Reeperbahnfestival mit 220 Euro pro Ticket Steuergeld bezuschusst werden, bei uns hingegen waren es gerade mal 30 Cent. Die Behörde für Kultur und Medien hat dann angeboten, uns bei einem Event, dem Jubiläum, mit 50.000 Euro zu unterstützen.
Hafenklang-Jubiläumsfestival ab Fr, 24. Juli, mit Partys, Konzerten und Wrestling; Open-Air am 1. und 2. August vor dem Hafenklang, Große Elbstraße 84, Hamburg
taz: Das Hafenklang stand zuletzt wegen der Debatten um Israel und Palästina stark im Fokus, worum ging es?
Lengefeld: Also eigentlich will ich darüber nicht mehr reden, weil es einfach nervt. Es gab von unserer Seite ein Statement zu der Debatte und dem ist im Grunde wenig hinzuzufügen. Wir waren so sehr im Fokus der Presse, weil es natürlich irgendwie geil zu verkaufen ist, dass die Linke sich zerfleischt.
taz: Dann betrachten wir es übergeordnet: Ist es eine Gefahr für Clubs, dass internationale politische Debatten in der lokalen Kulturszene und den Clubs ausgefochten werden?
Lengefeld: Ja! Hafenklang, Berghain und About Blank in Berlin und Conne Island in Leipzig gelten deswegen auf einmal weltweit als zionistische Brutstätten. Weil sie das Existenzrecht Israels nicht in Frage stellen oder weil Internet-Trolls sich einen Reim aus Hörensagen basteln. Wir stehen auf schwarzen Listen und Bands wird gesagt, sie sollen nicht bei uns spielen, ihre Karriere wäre dann vorbei. So ein Quatsch. Kulturboykotte verachte ich. Kulturboykott ist halt einfach durchzusetzen im Vergleich zu Wirtschaftsboykotten. Also für uns war es einfach krass teuer. Und der Debatte oder den sterbenden Kindern war kein Stück geholfen.
taz: Hat sich die finanzielle Lage auf das Booking ausgewirkt?
Lengefeld: Wir müssen teilweise Veranstaltungen absagen, wenn die Ticketverkäufe zu schlecht sind. Somit sind Newcomer-Shows und Nischenmusik kaum noch möglich und der Kulturauftrag ist gefährdet. Wie und wo soll Neues entstehen?
taz: Aber das Hafenklang bucht Newcomer:innen trotzdem?
Lengefeld: Nur auf ausgelatschten Mainstream-Pfaden zu laufen oder Dienstleister für die Musikindustrie zu sein ist öde und irgendwie auch zielverfehlt. Um das, wofür das Hafenklang steht, auch in Zukunft weiter leben zu können, braucht es allerdings zwingend Drittmittel von außen. So wie jedes Theater oder Oper auch niemals aus eigenen wirtschaftlichen Mitteln existieren könnte. Wir gehen im Moment den Weg in die Gemeinnützigkeit. Finden wir nicht genügend Gemeinschaft, wird es bald dunkel am Fischmarkt.
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