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HVV-Aktion zum Tag der Zivilcourage Ein Gag, aber kein so guter

Kaija Kutter

Kommentar von

Kaija Kutter

Um für Zivilcourage zu werben, will der Hamburger Verkehrsverbund nur Fahrgästen mit „Haltung“ Zugang gewähren. Doch die geht das Unternehmen nichts an.

D er Hamburger Verkehrsverbund (HVV) hat sich wieder etwas ausgedacht, um das Sicherheitsgefühl seiner Fahrgäste zu fördern. Pünktlich zum Tag der Zivilcourage am 19. September schmücken die Eingänge von fünf Bahnhöfen rote Schriftstreifen, auf denen steht „Zugang zum HVV nur mit Haltung und Hilfsbereitschaft“.

HVV-Geschäftsführerin Anna-Theresa Korbut erklärt, diese roten Linien sollen an die typische Fahrgastinformation „Zugang nur mit gültiger Fahrkarte“ erinnern. „Die rote Linie soll eine Grenze gegen Gleichgültigkeit markieren.“ Der HVV wolle damit alle Gäste einladen, „im entscheidenden Moment hinzusehen und Mitmenschen nicht allein zu lassen“.

So weit, so gut. Korbut sprach im Hamburger Abendblatt davon, dass die Verkehrmittel zwar objektiv sicher seien. Doch subjektiv gebe es immer wieder Personen, die sich noch nicht ganz sicher fühlen. „Da sind wir dran“. Dabei gebe es unterschiedliche Anliegen, die einen fürchteten sich bei Dunkelheit auf dem Heimweg, Andere störten sich an bettelnden Menschen. Es gehe nicht nur um Gefahrensituationen, sondern um Achtsamkeit und ein „gutes Miteinander“, erklärte die HVV-Chefin. Die Menschen seien oft nur an ihren Handys und bekämen kaum etwas mit. „Deshalb wollen wir dazu anregen, mit offenen Augen im öffentlichen Nahverkehr unterwegs zu sein.“

Auch Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) warb in einem Video für die roten Linien. „Haltung und Hilfsbereitschaft beginnt schon viel früher, als viele von euch auf den ersten Blick denken“, duzte er seine Zuhörer. „Das beginnt bei einem Blickkontakt, bei der Frage, ob man Menschen ansprechen kann oder vielleicht auch mal aus einer Situation helfen kann. Wenn ihr das macht, dann seid ihr schon füreinander da.“

Die rote Linie soll eine Grenze gegen Gleichgültigkeit markieren

Anna-Theresa Korbut, HVV-Geschäftsführerin

Doch diese Kampagne ist seltsam. Sicher ist es sinnvoll, für Zivilcourage zu werben. Auch die auf HHV.de publizierten Hinweise für Krisensituationen wie Blickkontakt halten, gezieltes freundliches Ansprechen und im Zweifel den Notruf oder die 110 zu drücken, um zu helfen, ohne sich selbst zu gefährden, sind wichtig.

Etwas zu bemüht scheinen die Appelle an Hilfsbereitschaft im Allgemeinen. Würden sich alle permanent angrinsen und anlächeln, könnte so eine Fahrt in der U-Bahn auch anstrengend sein. In einem Massenverkehrsmittel ist gegenseitiges Nicht-Angucken eine gesunde Reaktion. Und wie bitte soll dem Fahrgast geholfen werden, der sich am Bettler stört? Wo doch der Bettler auch gerade mit seiner Frage nach Kleingeld nur um Hilfe bittet.

Kritisch wird es, wenn hier der Begriff „Haltung“ verwandt wird. Der ist politisch belegt. Es gilt oft „Haltung zu zeigen“ für viele Dinge, zum Beispiel gegen rechts. Aber die Haltung der Fahrgäste sollte deren Privatsache sein. Auch Reaktionäre haben das Recht, in Bus und Bahn zu sitzen. Denn der HVV ist ein öffentliches Unternehmen, sein Beförderungsangebot ein Teil der Daseinsvorsoge. Es hätte gereicht, wenn der HVV von seinen Fahrgästen Respekt und Hilfsbereitschaft eingefordert hätte, statt so schwammig zu werden.

Und dass diese roten Linien den echten Kontroll-Linien zum Verwechseln ähnlich sehen, ist ein Gag, aber kein guter. Denn die Linien erzeugen auch Angst. Das „Zugang nur“ darauf bedeutet im echten Leben, dass Menschen, die diese Linien ohne Fahrkarte passieren und bei einer Kontrolle erwischt werden, 60 Euro zahlen müssen und eine Strafanzeige wegen Beförderungserschleichung riskieren.

Verwunderlich eigentlich, dass diese Aktion nur an den Bahnhöfen Jungfernstieg, Dammtor, Landungsbrücken, Sternschanze und Altona gezeigt wird, also an touristischen und akademisch geprägten Orten. Vielleicht, weil man dort eben Fahrgäste mit Haltung vermutet.

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Kaija Kutter

Kaija Kutter Redakteurin taz-Hamburg

Jahrgang 1964, seit 1992 Redakteurin der taz am Standort Hamburg für Bildung und Soziales. Schwerpunkte Schulpolitik, Jugendhilfe, Familienpolitik und Alltagsthemen.
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