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Gustav Seibts „Sommer mit Goethe“Das Aufjuchzen des Klassikers

„Safer Sex“ und „Zeitmaschine“ heißen Kapitel im Goethe-Buch des Literaturkritikers Gustav Seibt. Ein schöner Einstieg ins kulturelle Gedächtnis.

Das Juno-Zimmer im Goethehaus am Frauenplan in Weimar. Die Göttin Juno gilt als die Schützerin der Ehe Foto: Jan Bauer/picture alliance

Es ist dann doch ein wenig schneller gegangen, als der Autor das vorgeschlagen hat. Handgestoppte 5:36,02 Minuten hat der Rezensent für die Lektüre des ersten Kapitels von Gustav Seibts „Ein Sommer mit Goethe“ gebraucht. Er hätte sich viel mehr Zeit nehmen müssen. 30 Minuten solle man jedem Kapitel widmen, so schlägt es der Autor vor, der auf doch recht eigentümliche Weise den Versuch unternimmt, den Li­te­ra­tur­freun­d:in­nen im Land den deutschen Großschriftsteller, der vielen so fremd geworden ist, wieder ein wenig näherzubringen.

Goethe also. Muss das sein? Keineswegs. Es sei keine Schande, Goethe nicht gelesen zu haben. Gleich im ersten Satz seines Reiseführers durch die Gedankenwelt des Dichters stellt Seibt das klar. Aber schade sei es eben, wenn man es nicht tue. Na dann!

Los geht es mit der Ballade „Der Schatzgräber“, die wahrscheinlich schon lange keine Schü­le­r:in­nen mehr auswendig lernen müssen. Das mag lange anders gewesen sein. Zu ihrem Glück, denn mit ihren fünf Strophen zu je acht Zeilen sei sie „kurz für ein erzählendes Gedicht“, wie Seibt meint. Und zugänglich sei das Stück noch dazu, weil es so prägnant auf den Punkt bringe, worum es geht. „Tages Arbeit! Abends Gäste!/Saure Wochen! Frohe Feste!“

Das Buch

Gustav Seibt: „Ein Sommer mit Goethe“. C.H. Beck, München 2026, 272 Seiten, 25 Euro

Da hat der Meister kurz und bündig so eben mal die heute in Verruf geratene Work-Life-Balance besungen. „Kürze“, so ist das Auftaktkapitel überschrieben. Die habe Goethe meisterhaft beherrscht, der junge wie der alte. Und Goethe, der sein Leben lang Freude an der Spruchdichtung gehabt habe, sei doch immer auf der Suche gewesen, „etwas Kontextunanbängiges, dauerhaft Gültiges zu schaffen und in Natur und Kunst zu finden, anwendbare Faustformeln“. Faustformeln, welch wunderbares Wort in einem Reklamebuch für Goethe.

Faust als Lehrmeister

Faust, genau. Der darf natürlich nicht fehlen. Der Tragödie erster Teil ebenso wenig wie der zweite. Seibt steckt die Le­se­r:in­nen in eine Zeitmaschine, so der Titel eines Kapitels. Es geht nicht nur in die Jahre 1825 bis 1831, in denen Goethe den Faust zwo vollendet hat. Viel weiter zurück geht es – in die Antike unter anderem, aus der Goethe Helena aufbrechen lässt, auf dass sie 2.000 Jahre später auf einer Ritterburg lande.

Das ist aber noch lange nicht die große Kunst. Eine literarische Figur in der Handlung um ein paar Jahrtausende zu versetzen ist gar nichts gegen die sprachlichen Zeitsprünge, zu denen Goethe angesetzt hat. Gerade höre es sich noch wie eine Parodie an, „wie ein ins Deutsche übersetzter Euripides“, was Helena zu ihren Gatten Menelaus sagt: „Gegrüßet seid mir, der eh’rnen Pforte Flügel ihr / Durch euer gastlich ladendes Weiteröffnen einst / Geschahs daß mir, erwählt aus vielen, Menelas / In Bräutigams-Gestalt entgegenleuchtete.“ Doch auf der Ritterburg dann beherrsche sie es bald dank Faust als Lehrmeister, sich den Mitteln der mittelalterlichen Versepik zu bedienen, und vervollständigt brav die von Faust angespielten Sätze mit den richtigen Reimen.

Es bereitet Seibt ein diebisches Vergnügen, seine Entdeckungen auszubreiten

Es bereitet Seibt ein diebisches Vergnügen, das ist nur allzu offensichtlich, diese Entdeckungen für diejenigen aufzubereiten, die sich daranmachen wollen, Goethe neu oder endlich mal zu entdecken. Und wer seinen Euripides parat hat, die griechischen Tragödienfiguren kennt, wer weiß, was es mit Baucis auf sich hat, und mehr als nur eine vage Erinnerung an Ovids Metamorphosen hat, der wird bestimmt auch seine Freude haben, auch wenn er vielleicht nicht gleich so euphorisch wird wie Seibt, wenn der an einer Stelle jubelt: „Was für eine Geistesoperation!“.

Mitten im Atheismusstreit

Aber leicht macht es Seibt seinen Le­se­r:in­nen gewiss nicht. Wer seinen Sommer mit Goethe erleben will, muss sich auf intellektuelle Herausforderungen gefasst machen. Und so können aus den fünf Minuten reiner Lesezeit schnell mal mehr werden als die von Seibt ins Spiel gebrachte halbe Stunde. Mal eben nachschlagen, wer gleich wieder dieser Sulpiz Boisserée war, dem Goethe so viele Briefe geschrieben hat. Ja, richtig, der gelehrte Kunstsammler und Architekturhistoriker war einer derjenigen, die angeregt haben, am unvollendeten Kölner Dom endlich weiterzubauen.

Und wenn sich die Le­se­r:in­nen gerade fragen mögen, was es wohl mit dem Atheismusstreit auf sich hatte, der 1789 an der Universität Jena unweit von Goethes Weimar ausgetragen wurde, können sie in das Thema einsteigen und sich fragen, wie die Denker jener Zeit sich darüber unterhalten haben mögen, ob es eine moralische Weltordnung ohne den Glauben an die Existenz Gottes geben kann. Oder sie blättern einfach weiter zu Kapiteln mit Titeln wie „Freiheit“, „No Sympathy For The Devil“ oder „Safer Sex“.

Vielleicht geht es da ja ein wenig leichter zu und man kommt ohne Blitzbesuche bei Wikipedia aus. Fußnoten gibt es nämlich nicht im Buch, auch kein Glossar. Vielleicht wollte man niemanden verschrecken mit kleinstgedruckten Nebentexten oder einem angehängten Lexikon zur Sommerlektüre über Goethe.

Vielleicht aber geht Seibt davon aus, dass irgendwie schon bekannt sein muss, wer Goethes nimmermüder Gesprächspartner Eckermann war, welche Rolle jener Winckelmann gespielt hat, über den die Deutschen ihre Liebe zur klassischen Antike entdeckt haben, und welche Gedanken den Philosophen Johann Gottlieb Fichte wohl zu einem der bedeutendsten Vertreter des Idealismus gemacht haben.

Seekrank vor Sizilien

Idealismus? Es schadet der Lektüre gewiss nicht, wenn man kurz mal in diese Denkrichtung abbiegt. Ja, Seibts Goethesommer ist alles andere als ein leicht zugängliches Leseerlebnis. Was soll man auch anderes erwarten von diesem humanistisch gebildeten Großkritiker, der bis 1996 neun Jahre lang das Literaturressort der Frankfurter Allgemeinen geleitet hat und seit 2001 für die Süddeutsche Zeitung schreibt. Wer das Buch nicht nur gelesen, sondern durchgearbeitet hat, wer mit Seibts Begeisterung mitzugehen in der Lage ist, wird einen bildungsbürgerlichen Vollrausch erleben. Um Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ geht es natürlich auch bei Seibt und um dessen Geburt als Bildungsbürger auf dem Theater. Passt doch.

Alle, die nicht ganz so tief einsteigen möchten in Goethes Gedanken, können auch auf ihre Kosten kommen. Sie wissen am Ende, dass der Dichterfürst vor Sizilien seekrank wurde, dass er nicht allzu streng nachkontrolliert hat, was seine Sekretäre von seinen diktierten Worten zu Papier gebracht haben, oder dass er vielleicht nie mehr so richtig glücklich war, seit er im Jahre 1788 Rom über die Milvische Brücke verlassen hat. Kein „Aufjuchzen“ mehr. So ist das Kapitel überschrieben, das Goethes Definition von Lebensfreude zusammenfasst.

Und wer wirklich nicht viel über Goethe weiß, der wird vielleicht doch schon einmal vom Werther gehört haben. Der sei für Goethe kein Roman über die Liebe gewesen, weiß Seibt, sondern einer über Selbstmord. Wieder was gelernt. „Über allen Gipfeln / Ist Ruh’“, das kennt man doch auch. „Evergreen“ heißt das Kapitel, das Seibt dem Gedicht widmet, jenem „zarten Gebilde“, wie er es nennt, zu dem Goethe selbst lange nicht so wirklich stehen wollte. Heute sei es nicht umzubringen, man erkennt es noch auf dem verstimmtesten Klavier wieder.

Tief im kulturellen Gedächtnis verankert

50 Tage lang würde der Sommer dauern, würde man jeden Tag ein Kapitel Seibt lesen. Das geht doch. Heinrich Lee, jener „Grüne Heinrich“ aus Gottfried Kellers Bildungsroman, hat alle 40 Bände der Goethe-Ausgabe an 40 aufeinanderfolgenden Tagen verschlungen, als er sie nach einem Spaziergang im Haus vorgefunden hat. Alle 40 Bände der letzten von Goethe höchstselbst redigierten Werkausgabe, der „Ausgabe letzter Hand“, wie sie der Dichter selbst nannte – ein Irrsinn! Mit diesem endet Seibts Sommer.

Dessen 50 Kapitel sind im Vergleich alles andere als wahnsinnig. Die sind zu bewältigen, und auch wenn das ganz sicher nicht für einen wirklich tiefen Einblick in das Werk des Dichterfürsten reicht, kann die Lektüre glücklich machen. Am Ende hat man immerhin einen ersten Einblick in fast all die Werke, deren Namen tief im kulturellen Gedächtnis des Landes verankert sind und die doch kaum noch gelesen werden. „Torquato Tasso“, „Clavigo“, der „West-östliche Divan“ und jede Menge mehr.

Man muss sich nach der Lektüre ja nicht gleich der ehrwürdigen, bereits 1885 gegründeten Goethe-Gesellschaft anschließen, deren Beirat Seibt angehört. Aber als kleine Goe­thea­ne­r:in­nen werden sich durchaus all diejenigen bezeichnen können, die bis zum Ende Spaß an diesem auf beste Weise fordernden Bildungserlebnis hatten.

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