piwik no script img

Grundsicherung und MissbrauchsdebatteAktionsplan gegen Sozialbetrug beschlossen

Die Bundesregierung will verstärkt gegen Sozialmissbrauch durch EU-Bürger:innen vorgehen. Aber Aufstockende aus der EU haben es heute schon schwer.

Umfassender Datenaustausch zwischen den Behörden, verstärkte Überprüfung von Schrottimmobilien, Arbeitgeberhaftung bei Scheinbeschäftigung – das sind einige der Punkte im „Aktionsplan gegen Sozialleistungsmissbrauch und Ausbeutung, insbesondere im Zusammenhang mit EU-Zuwanderung“, den die Bundesregierung am Mittwoch im Kabinett beschlossen hat. „Wir ziehen die Hintermänner der organisierten Ausbeutung stärker zur Verantwortung“, sagte Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), die den Aktionsplan zusammen mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) vorstellte.

Der Zehn-Punkte-Plan sieht unter anderem vor, den Datenfluss zwischen Sozial-, Ausländer-, Melde-, Finanz-, Sicherheits- und Baubehörden sowie Kranken- und Pflegekassen zu verstärken und dafür „diskriminierungsfreie KI-gestützte Analysesysteme“ einzusetzen, „um Sozialleistungsmissbrauch zu erkennen“. Künftig sollen auch Arbeitgeber für zu viel gezahlte Sozialleistungen haften, wenn sie eine Beschäftigung nur zum Schein gemeldet haben, damit aufstockende Leistungen bezogen werden können. Kommunen sollen außerdem leichter Zutritt zu baufälligen Immobilien bekommen. Über das Melderecht soll „Überbelegungen“ wirksamer begegnet werden.

Sorge vor Generalverdacht

„Wir befürworten, wenn gegen organisierte Strukturen vorgegangen wird, die die Not von Menschen ausnutzen, aber wir befürchten, dass mit dem Aktionsplan EU-Bürger, die Leistungen vom Jobcenter beziehen, unter Generalverdacht gestellt werden“, sagt Natalia Bugaj-Wolfram, Referentin für Migrationssozialarbeit beim Paritätischen Gesamtverband, der taz. Erfahrungen der Beratungsstellen des Gesamtverbandes zeigen, dass EU-Bürgern, die in Deutschland arbeiten und Leistungen vom Jobcenter für sich und die Familien beantragen, diese Leistungen nicht selten verwehrt werden.

Oft sei es schwierig für die Betroffenen, die erforderlichen Unterlagen beizubringen, erst recht, wenn Sprachbarrieren den Zugang erschweren. „Manche EU-Bürger arbeiten aus Unwissen in prekären Verhältnissen: auf dem Bau, bei Lieferdiensten, in der Gastronomie, nach mündlichen Absprachen und gegen Barentlohnung. Diese Menschen müssen besser über ihre Rechte als Beschäftigte in Deutschland aufgeklärt werden“, sagt Bugaj-Wolfram.

Die Jobcenter arbeiten auch mit „Checklisten“ zur Überprüfung, ob ein tatsächliches Arbeitsverhältnis vorliegt, die sehr viele und sehr differenzierte Angaben und Nachweise verlangen, etwa auch zum Anfahrtsweg zur Arbeit, zum benutzten Pkw, zu den Mitfahrern, zu Lohnabrechnungen, zur Beschaffung des Arbeitswerkzeugs.

Nach dem Freizügigkeitsrecht der EU und der Rechtsprechung haben EU-Bürger:innen ein Recht auf ergänzende Sozialleistungen in Deutschland, wenn sie hier schon länger als drei Monate leben und eine Arbeit mit einer Entlohnung von mehr als 250 Euro im Monat ausüben.

Oft werde die aufstockende Leistung aber vom Jobcenter „mit Verweis auf Paragraf 7 verwehrt“, sagt Harald Thomé vom Selbsthilfeverein Tacheles in Wuppertal. Der Paragraf im Sozialgesetzbuch II erlaubt, die Leistung zu versagen, wenn sich Antragssteller nur zum „Zweck der Arbeitssuche“ in Deutschland aufhalten. Thomé befürchtet, dass der Aktionsplan ein weiterer Schritt hin zu einer Verschärfung sei, „um die Hürden für den Bezug von Sozialleistungen durch EU-Bürger zu erhöhen“.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

3 Kommentare

 / 
  • Il_Leopardo

    Die Behörden sollten auch mal die Eigentümer der Schrottimmobilien unter die Lupe nehmen.

  • Astrid Sehnefeld

    Der Artikel lässt völlig unerwähnt, dass zum Beispiel in Duisburg tausende Bulgaren leben, die dort von ihrer Mafia angesiedelt wurden, einzig mit dem Zweck um Monat für Monat Millionen an Geldern zu kassieren.



    Das ist dermaßen organisiert, dass in Armutssiedlungen in Bulgarien mit richtigen Büros zum Zuzug nach Deutschland geworben wird...



    Die Mafia kassiert dabei nicht nur einen Teil der Sozialgelder von den Menschen ein, sondern kassiert doppelt, indem sie über Strohmänner aberwitzig hohe Mieten sich vom Jobcenter für Wohnungen auszahlen lassen, die oft kein funktionierendes Wasser, Strom oder Heizung mehr haben.



    Unabhängig von dieser nicht hinnehmbaren organisierten Abzocke unseres Staates fallen die Bewohner der Gebäude dann auch noch negativ durch Vermüllung auf. Mit der Folge, dass sich neben der optischen und Geruchsbelästigung riesige Rattenkolonien gebildet haben, die die Gesundheit aller Bewohner, also auch die unschuldiger Nachbarn, gefährden.



    Überdies wurden bei Überprüfungen dann auch noch von 300 gemeldeten Kindern in einem einzigen Haus gerade mal 50 angetroffen...



    Höchste Zeit diese Sümpfe trocken zu legen.



    Die ARD hat das einwandfrei dokumentiert.

  • vieldenker

    Es muss einfach dringend etwas passieren in dem Bereich, auch zum Schutz „echter“ Arbeitsverhältnisse und damit letztlich ganz häufig auch für Menschen mit Migrationshintergrund.