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Grüner Wahlkampf in BerlinSchwammstadt selber machen

Grüne Gullys oder Friedhofparks: In den sechs grün regierten Bezirken werden Klimaanpassung und Hitzeschutz groß geschrieben. Oft aber blockiert der Senat.

Auf die Idee muss man erst mal kommen: Damit bei Starkregen nicht das ganze Wasser in die Kanalisation abfließt, wurden die Gullys am Weddinger Nordufer einfach um eine 20 bis 25 Quadratmeter große Grünfläche erweitert. „Damit halten wir 80 Prozent des Regenwassers zurück“, erklärt Mittes Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Grüne) stolz.

„Grüner Gully“ nennt Remlinger das Projekt. „Das ist nicht nur eine erweiterte Baumscheibe, sondern ein zentrales Element der Schwammstadt“, betont sie. 50 solcher Grünflächen Gullys wird der Bezirk in diesem Jahr fertigstellen. Im nächsten Jahr sollen es 100 sein. Und die Kosten betragen lediglich 7.000 Euro – „ein Schnäppchen“, findet die Bürgermeisterin.

Remlingers Kolleginnen und Kollegen aus den sechs grün regierten Bezirken schauen interessiert und auch etwas neidisch auf das, was da am Nordufer an grünem Stadtumbau geschafft wurde. Auf die Idee mit den grünen Gullys sind sie bislang nicht gekommen. Noch nicht. Denn das Modell, das laut Remlinger Serienreife erreicht hat, soll nun auch in anderen Bezirken Schule machen.

Grüne Klimaschutzprojekte

Grüne Klimaschutzprojekte gibt es auch in anderen Bezirken. In Tempelhof-Schöneberg soll der 130.000 Quadratmeter große Parkfriedhof zu einem Hitzeschutzpark umgestaltet werden, erklärt die grüne Umweltstadträtin Saskia Ellenbeck. „Dass der Friedhof bald umgewidmet wird, ist für uns eine große Chance“, betont sie. Allerdings fehle zur Umgestatung noch eine Million Euro.

In Pankow hat der Bezirk ein Freiraum- und Erholungskonzept entwickelt, das vor allem den Menschen im Norden des größten Berliner Bezirks zugute kommen soll. So werden in Buchholz-Nord, umgeben von Autobahnen und Schienen, zwei Grünbrücken geplant, um einen Biotopverbund herzustellen, so die grüne Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch. Auch drei Windräder sind im Gebiet geplant. „Ich würde mich freuen, wenn eines davon durch eine Bürger-Wind-Genossenschaft entsteht“, sagt sie.

In Friedrichshain-Kreuzberg geht der Umbau des verkehrsberuhigten Lausitzer Platzes weiter. Für den grünen Bürgermeisterkandidaten Thomas Weigelt ist vor allem die Bürgerbeteiligung wichtig. „Wir beteiligen auch Kinder und Jugendliche“, sagt er. Wichtig sei vor allem, den Platz weiter zu entsiegeln und zu beschatten. (wera)

Klimaanpassung und Hitzeschutz in den Bezirken: Das ist das Thema, zu dem der grüne Spitzenkandidat Werner Graf und die grüne Bezirksprominenz am Freitag zum Ortstermin eingeladen haben. „Wir bauen die grüne Stadt von unten auf“, sagt Graf und beklagt sogleich die mangelnde Unterstützung durch den Senat. „Die schwarz-rote Landesregierung hat die Bezirke im Stich gelassen“, kritisiert er.

Mindestens 14.000 Hitzetote hat der Sommer in Deutschland bislang laut dem Robert Koch-Institut gefordert. Betroffen seien vor allem die großen Städte und da vor allem diejenigen, die in unsanierten Wohnungen leben, sagt Graf. Eine grün geführte Landesregierung, kündigt der grüne Spitzenkandidat an, werde mit den Bezirken als Team agieren.

Senat tritt auf die Bremse

Wie sehr der Senat beim Klimaschutz auf die Bremse tritt, zeigt ein Vorhaben aus Charlottenburg-Wilmersdorf. Bislang wird der Preußenpark mit seinen 55.000 Quadratmetern Grünfläche klassisch bewässert. „Im Grunde gießen wir den Park bislang mit Trinkwasser“, sagt die grüne Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch. Damit sich das ändert, hat der Bezirk mit der landeseigenen Berliner Immobilien Management GmbH (BIM) ein „Schwammstadt-Pilotprojekt“ entwickelt.

Am Preußenpark hat auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ihren Sitz, der gerade saniert wird. „Allein auf dem Dach haben wir eine Fläche von einem Hektar“, sagt Bauch. Das Regenwasser, das dort anfällt, soll nun in eine Zisterne abfließen und von dort mit Rohren zum Park geleitet werden. „Das Projekt könnte in ganz Berlin angewandt werden“, findet sie.

Dass es bislang nur ein Modellprojekt ist, liege am Senat, so die Grünen-Politikerin. Eine Förderzusage aus EU-Mitteln liege bereits vor. „Doch die Umweltverwaltung weigert sich, die nötige Co-Finanzierung zur Verfügung zu stellen“, ärgert sie sich. Auch der Versuch, das Projekt beim Sondervermögen des Senats unterzubringen, war bislang nicht erfolgreich. „Dabei fehlt uns nur eine Million“, betont Bauch.

Bahn bezahlt Entsiegelung

Bessere Erfahrungen als mit dem Senat hat der Bezirk Steglitz-Zehlendorf mit der Deutschen Bahn gemacht, berichtet der grüne Umweltstadtrat Urban Aykal. Es geht um den Platz des 4. Juli, eine Hinterlassenschaft der Planungen für die Welthauptstadt Germania, die vor der Wende auch von den Amerikanern als Paradeplatz genutzt wurde.

„Eine riesige versiegelte Fläche in der Größe von vier Fußballfeldern war das“, sagt Stadtrat Aykal und hält zusammen mit Werner Graf ein großformatiges Foto hoch. Inzwischen ist der Platz des 4. Juli entsiegelt, freut er sich und zeigt das „Danach“-Foto. Die Kosten dafür hat die Bahn übernommen – als Ausgleich für den Bau der Dresdner Bahn.

Für den grünen Spitzenkandidaten Werner Graf zeigen Projekte wie die aus Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf, dass die Bezirke das Thema Klimaschutz und Hitzeschutz ernst nehmen. „Es ist faszinierend, wie die Bezirke das alles trotz der Blockaden des Senats schaffen.“

Seine Forderung ist zugleich ein Wahlversprechen: „Wir müssen als Land den Bezirken mehr Freiräume geben, um beim Klimaschutz voranzugehen.“

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