Grüner Janosch Dahmen über Pandemie: „Es gab keine Reserven“

Der Grünen-Politiker und Arzt im Gespräch über die Lehren aus Corona und die Zukunft der Intensivstationen in deutschen Krankenhäusern.

Hand eines Krankenhauspatienten , am Finger ein Gerät zur Überwachung

Patient auf einer Intensivstation wird automatisch überwacht Foto: Jochen Tack/imago

taz am wochenende: Herr Dahmen, für die Kontaktbeschränkungen wegen Corona wurden vor allem zwei Argumente angeführt: die Gefahr des exponentiellen Wachstums der Infektionen und die drohende Überlastung des Gesundheitssystems. War Letzteres auch selbstverschuldet, weil wir auf eine solche Situation schlecht vorbereitet waren?

Janosch Dahmen: Wir mussten in der Pandemie schmerzhaft lernen, welche Folgen eine starke Ökonomisierung der Krankenhäuser hat. Wir betreiben im Alltag ein System, dass sich nur unter Volllast rechnet. An manchen Stellen gibt es keine Reserven. Wenn dann eine schwere Krise kommt, gerät die Versorgung sehr schnell an ihre Grenze.

Ein besonderes Nadelöhr sind die Betten auf den Intensivstationen der Krankenhäuser. Haben wir davon zu wenige, um auf einen Notfall wie Corona richtig reagieren zu können?

Janosch Dahmen ist Notfallmediziner und hat unter anderem beim Berliner Rettungdienst Corona-Patient:innen behandelt und Einsätze koordiniert. Ende 2020 rückte er für die Grünen in den Bundestag nach und ist Mitglied im Gesundheitsauschuss.

Auf dem Papier stehen große Kapazitäten. Für die Notlage sind sie aber teilweise nicht geeignet. Wir haben zwar viele Intensivbetten, doch vor allem in kleinen Krankenhäusern fehlt es beispielsweise an ausreichend qualifiziertem Personal, aber auch spezieller Ausstattung wie etwa ECMO-Geräten, die das Blut schwerkranker Corona-Patient:innen außerhalb des Körpers mit Sauerstoff anreichern. Auch in größeren medizinischen Zentren haben wir einen Mangel an hochspezialisierten Versorgungsmöglichkeiten. Insbesondere brauchen wir mehr in der Intensivmedizin ausgebildetes Personal.

Gegenwärtig gibt es in hiesigen Krankenhäusern knapp 23.000 Intensivbetten mit Personal plus 10.000 in Reserve, für die bei Bedarf Pfle­ge­r:in­nen und Ärz­t:in­nen woanders abgezogen werden müssen. Hätten wir beispielsweise 60.000 Intensivbetten, würde die Belastungsgrenze später erreicht. Könnten dann Beschränkungen, etwa eine Ausgangssperre, zumindest einige Wochen hinausgezögert werden?

Der Shutdown und die anderen Schutzmaßnahmen dienten ja nicht nur dazu, das Gesundheitssystem vor der Überlastung zu schützen. Sie sollten auch eine große Zahl lebenslang erkrankter Menschen und die Todesfälle verringern. Gleichwohl gehört es sicherlich zu den Lehren der Pandemie, dass eine angemessene Notfallreserve den Zeitpunkt hinausschiebt, an dem nicht mehr alle Menschen bestmöglich versorgt werden können. Künftig brauchen wir eine bessere Vorbereitung und mehr Vorhaltung von Personal für Katastrophenfälle. Die Feuerwehr bezahlen wir ja auch nicht nach der Zahl der Brände im Alltag, sondern statten sie präventiv so aus, dass sie in großen Krisen gut funktioniert.

Wie viele Intensivbetten sind nötig?

Neben den 23.000 vorhandenen Betten sollte eine echte Reserve mit 10.000 Plätzen zur Verfügung stehen.

So ist es doch heute schon.

Nein, das sieht nur so aus. Wie es wirklich ist, wissen wir nicht. In der Intensivmedizin fehlt eine genaue Definition, was unterschiedliche Kategorien von Versorgungseinheiten sind. Wir brauchen dringend eine einheitliche Klassifizierung, Einstufung und Ausweitung der Datengrundlage im Intensivregister, wie die Betten und das Personal der Stationen tagesaktuell ausgestattet sind.

Offenbar gibt es hierzulande keine vernünftige Krankenhausplanung. Auch die Intensivmedizin scheint sich urwüchsig entwickelt zu haben. Ist das ein Grund dafür, dass die Versorgung heute zu schlecht ist?

Absolut. Die Krankenhauslandschaft orientiert sich nicht an den Bedürfnissen der Kranken, sondern überwiegend an historisch gewachsenen Strukturen. Es fehlt an Einheitlichkeit, klaren Vorgaben und Standards in der Krankenhausplanung. Die Bundesländer haben formal die Planungshoheit, doch sie können und wollen sich nicht gegen lokale Interessen und die Betreiber durchsetzen. Schlecht ausgestattete Häuser, die oft nicht nur wirtschaftliche sondern auch qualitative Defizite haben, werden am Leben erhalten. Und neue dort, wo dies erforderlich wäre, kaum gebaut, auch weil die Länder seit Jahren die Investitionsmittel nicht bereitstellen.

Wie kann sich das ändern?

Der Bund sollte künftig Vorgaben machen dürfen und im Gegenzug selbst auch investieren, um die notwendige Qualität für alle zu gewährleisten. Ein Fokus muss dabei sein, dass uns auf dem Land oft Notfall-Stützpunkte fehlen, die dezentral die Erstbehandlung oder Notfallabklärung wohnortnah sicherstellen. Für die spezialisierte weitere Versorgung brauchen wir außerdem absehbar ein gewisses Maß an Zentralisierung in großen Häusern.

Seit Jahrzehnten wird versucht, die Kosten im Gesundheitswesen zu drücken. Die Zahl der Kliniken sinkt. Viele werden privatisiert oder schließen. Im Vergleich zu früher verbringen Pa­ti­en­t:in­nen heute weniger Zeit auf der Station. Verschlechtert diese Politik die Versorgung im Alltag – und auch in Katastrophenfällen?

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Das Gesundheitssystem krankt an Ökonomisierung. Dieser Kurs, der vor allem auf die CDU zurückgeht, hat zur Verschlechterung der Versorgung wie auch der Arbeitsbedingungen geführt. Wir brauchen das Gesundheitssystem zur Daseinsvorsorge für die Bevölkerung, nicht zur Erwirtschaftung hoher Dividenden für Unternehmen.

War das System in der Coronazeit an der Belastungsgrenze?

Ja. Das Pflegepersonal arbeitete vorher im Alltag schon unter Volllast. Reserven für eine Krise gab es nicht. Das war so, als wenn die Feuerwehr zu einem Großbrand mit drei Löschfahrzeugen ausrückt, anstatt mit der nötigen Zahl. Viele Pflegekräfte arbeiten an der Grenze zum Burn-out. Dieser Zustand hielt während der drei Corona-Wellen an. Zwischendurch wurden verschobene Operationen nachgeholt. Für die Pfle­ge­r:in­nen gibt es einfach keine Erholungsphase.

Seit August 2020 ist die Zahl der Intensivbetten in Deutschland um etwa 5.000 zurückgegangen – anscheinend ein Zeichen für die Überlastung des Pflegepersonals. Was muss sich ändern?

Es sollten mehr Leute ausgebildet und eingestellt werden. Die Wochenarbeitszeit muss sinken und die Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden. Das kann der Bund durchsetzen, indem er die Vorgaben für den Betreuungsschlüssel pro Behandlungsfall ändert. Die Beschäftigten würden weniger an Wochenenden und Feiertagen arbeiten müssen, sie könnten ihr Privatleben wieder planen, das Gefühl des Ausgeliefertseins nähme ab. Und trotzdem müsste man wohl auch das Fachpersonal in größeren Kliniken bündeln.

Eine Zentralisierung. Weniger, aber größere Intensivstationen?

Pflegepersonal ist knapp, und wird es wohl auch bleiben. Deshalb wäre es besser, die vorhandenen Kräfte eher auf großen Stationen einzusetzen, als ein bisschen, aber stets zu wenig Personal in vielen kleinen Krankenhäusern. Ein größerer Personalpool kann mehr Flexibilität und damit weniger Belastung der einzelnen Pflegekräfte ermöglichen. Im Übrigen können zentrale Einrichtungen die Pa­ti­en­t:in­nen beispielsweise besser mit hochspezialisierten Therapieverfahren wie etwa einer ECMO versorgen als kleine Häuser, die damit überfordert wären.

In der Intensivmedizin schlagen Sie eine Abkehr von den sogenannten Fallpauschalen vor. Warum sind die hinderlich?

Heute bekommen die Kliniken für bestimmte Behandlungen bestimmte Geldbeträge von den Krankenkassen. Je mehr Patient:innen, je kürzer die Liegezeit, je weniger Personaleinsatz, desto mehr verdient der Betreiber. Das ist keine gute Lösung, weder für die Kranken, noch für das Personal. Für die Intensiv- und Notfallmedizin brauchen wir eine Abkehr vom System der Fallpauschalen. Stattdessen sollten wir notwendige Kapazitäten, Ausstattung und Versorgungsqualität definieren, die für den Notfall vorgehalten und unabhängig von Behandlungen auch finanziert werden. Allenfalls beim Materialverbrauch machen Fallpauschalen in diesem Bereich weiter Sinn.

Das wird dann allerdings teurer als heute.

Eine solche Reform produziert nicht nur Mehrkosten. Vorhandene Mittel würden auch effektiver eingesetzt und die Pa­ti­en­t:in­nen vor allem besser versorgt.

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