piwik no script img

Grüne Männchen

Die Grünen haben ein Männer-Manifest vorgelegt. Besser wäre, sie würden einfach gute Politik für junge Menschen machen. Dann klappt‘s auch mit den Jungs

Von Jean Dumler

Das Männermanifest der Grünen macht gerade im Netz die Runde. Zunächst lag es nur dem Spiegel vor, dann veröffentlichte der Focus es in Gänze. Unterzeichnet von neun Männern und vier Frauen, darunter die Parteivorsitzende Franziska Brantner sowie Ricarda Lang, kreist es inhaltlich um die Frage, was Männlichkeit abseits von Gewalt, Dominanz oder Unterdrückung bedeuten könne. Der Text möchte zu einem offenen Brainstorming einladen und ein Vakuum füllen, wobei nach solchen Phrasen in dem Manifest unklar bleibt, womit genau. This does not smell like teen ­spirit.

Schaut man sich die Wählerwanderung der 18- bis 24-Jährigen an, also derjenigen, die 2021 noch den Grünen und der FDP ihre Stimme gegeben haben, dann sieht man, dass junge Frauen jetzt eher links und junge Männer eher rechts wählen. Der Grund dafür ist, dass die Parteien ihre Versprechen, sich für bessere Bildung, Digitalisierung und junge Themen einzusetzen, nicht eingelöst haben und auch jetzt in der Opposition zu wenig Haltung spürbar ist. Geschweige denn, dass sie der jungen Generation in Zeiten des sozialen Abbaus, der Jugendarbeitslosigkeit und von Kriegen eine Orientierung geben können. Gesellschaftliche Unsicherheiten führen zusätzlich dazu, dass sich Menschen an dem festhalten, was ihnen Halt gibt: Nation, Religion oder eben das Geschlecht. Was soll also ein Teenager, der versucht, ein guter Mann zu werden, machen? Parteichef Felix Banaszak versuchte sich im Playboy an einer Definition: „Du kannst im Fitnessstudio pumpen gehen oder dir die Fingernägel lackieren. Alles fein, der zentrale Punkt ist doch: Sei kein Arschloch!“

Wie die Gegenseite das Thema Männlichkeit bespielt, kann man seit vergangener Woche in einem Videointerview von The Pioneer mit dem AfD-Politiker Maximilian Krah sehen. Dort konnte der Politiker und SS-Versteher, gegen den wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und Geldwäsche im Zusammenhang mit chinesischen Zahlungen ermittelt wird, ausführlich die Social-Media-Strategie seiner Tiktok-Polemik „Echte Männer sind rechts“ ausrollen.

Denn Krah gibt dem jungen Mann schon seit Jahren eine simple Orientierung: Sport machen, anecken, Verantwortung übernehmen. „Dann klappt es mit der Freundin.“ Bei The ­Pio­neer betont er noch einmal, dass ihm „AMG-Erkans lieber sind als Soja-Sörens“. Krah schafft es, mit Life-Coaching-Tipps, einen Zugang zum Feed junger Männer zu finden, und spricht sogar junge Männer mit Migrationshintergrund an. Dabei hat die AfD, wie ein Blick auf ihr Wahlprogramm zeigt, jungen Männern (und auch Frauen) absolut gar nichts zu bieten.

Das brauchen sie anscheinend auch nicht, wenn jetzt in diesem Fall die Grünen es ihnen leicht machen und mit ihrem Manifest versuchen, Krah zu kopieren. Dabei liegen sie aber hinter der AfD zurück. Und Orientierung im Leben geben sie dem „jungen Mann“, den sie zurückgewinnen wollen, auch noch nicht.

Wer als junger Mann merkt, dass er durch die Allgegenwärtigkeit pornografischer Inhalte im Internet ein ungesundes Verhältnis zu Frauen entwickelt und eine zerstörerische Pornosucht hat, findet im deutschsprachigen liberal-grünen Kosmos keine Exitstrategie aus der fapping culture, sondern landet in seinem Feed unweigerlich bei christlich- oder muslimisch-fundamentalistischen Content-Creatorn oder eben bei Krah, der auf Tiktok väterlich rät: „Schau keine Pornos.“ Jeder junge Mann, der sich für Fitness und gesunde Ernährung interessiert, landet eher auf Accounts, die einen schleichend in die rechte Manosphere abdriften lassen und ein seltsames Frauen- und Weltbild vermitteln wollen. Stichwort: gesunde Gottesnahrung.

Junge Menschen wünschen sich Politiker:innen, die Konzepte einbringen

In ihrem Manifest thematisieren die Grünen, dass Männer häufiger Suizid begehen und seltener über mentale Krisen reden. Doch als junger Mann kann man keine kostenlosen Therapieplätze herbeizaubern, die Politik aber schon eher. Jetzt kann man sogar zuschauen, wie CDU/CSU und SPD im Schnelldurchlauf an der Psychotherapie sparen wollen. Dass die Grünen mit einem Eilantrag beim Verfassungsgericht gegen die Gesundheitsreform vorgingen, ist ein Punkt, mit dem sie bei jungen Wäh­le­r:in­nen hätten punkten können, falls sie dort Erfolg gehabt hätten.

Junge Menschen wünschen sich keine Politiker:innen, die sich wie ein alt gewordener Lasse Halisch verhalten, sondern solche, die Konzepte einbringen und in den Ämtern, die sie haben, nicht zulassen, dass die Zukunft der Jugend kaputtgespart wird; die solide Oppositionsarbeit leisten und Orientierung geben. Dann wird es auch was mit dem Brainstormen über Männlichkeit.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen