Griechisches Flüchtlingscamp Moria: Das Problem heißt Lager

Die Zivilgesellschaft macht sich für Menschen in Moria stark. Gut so. Doch die Evakuierung dieses Lagers ist nicht die alleinige Lösung.

Menschen in Schutzkleidung

Wir kennen die Bilder aus Moria: Hier zwei Menschen in Schutzkleidung Foto: Elias Marcou/reuters

Lesbos war vielen Menschen lange höchstens als Ferienziel bekannt. Seit einiger Zeit ist das anders. Die griechische Insel ist heute vor allem ein Synonym für das auf ihr von der EU betriebene Lager. Es ist ein großer Erfolg der Zivilgesellschaft, dass sie Moria als Symbol für die Entrechtung von Flüchtlingen ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat. Hunderttausende haben sich in den letzten Wochen der damit verbundenen Forderung angeschlossen, das Lager oder wenigstens die Kinder dort zu evakuieren – mit Transparenten von ihren Balkonen, im Netz, mit Demonstrationen, in Interviews. Und es ist zu hoffen, dass diese Appelle schnell Gehör finden.

In der Diskussion ist aber der Charakter von Moria als Symbol für ein ganzes System von Lagern verloren gegangen. Sie wird in den letzten Tagen teils geführt, als sei Moria der alleinige Schlüssel zur Rettung von Europas Seele – wird es evakuiert, ist alles wieder gut. Moria ist aber nur ein Lager unter vielen. Es ist nicht einzigartig im Ausmaß der Entrechtung der Insassen.

Wenn es um den Grad an Gewalt geht, müssten wohl die Lager in Libyen als Erstes evakuiert werden, denn hier gibt es Folter, Erschießung, Versklavung, systematische Vergewaltigung.

Wenn es um die Vermeidung einer massenhaften Verbreitung des Corona­virus geht, müssten wohl italienische und deutsche Lager ebenso dringend evakuiert werden. Denn in diesen ist die Wahrscheinlichkeit für einen Ausbruch womöglich höher, teils ist dort die Erkrankung auch schon aufgetreten, wie etwa in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt.

Wenn es um Grundversorgung geht – Essen, Trinken, Ärzte –, wären sicherlich Lager in Nordsyrien oder Afrika genauso nötig zu evakuieren.

Moria als Schaufenster

Man muss das Elend in Moria nicht selbst gesehen haben, um eine solche Priorisierung des Leids nach quasitechnischen Gesichtspunkten für unvertretbar zu halten. Daraus aber folgt: Das Problem heißt nicht Moria. Das Problem heißt Lager.

Moria ist eine Art Schaufenster, das Zivilgesellschaft und Medien aufgebaut haben und das einen Einblick in die Realität der Lager ermöglicht. Das ist völlig legitim und aus Kampagnensicht richtig – man kann nicht alle Lager gleichzeitig skandalisieren. In Moria sind derzeit die Aussichten am besten, mit politischem Druck eine Verbesserung der Lage der Menschen zu erzielen.

Aber jetzt, wo diese Kampagne so viel Fahrt aufgenommen hat, hat sich die Diskussion auf Moria verengt und es droht darüber aus dem Blick zu geraten, dass Lager eine Normalität geworden sind, um mit Menschen umzugehen, die man nicht haben will. Alles, was man aus Moria erfährt, ist in dem Konzept der Lager angelegt, oft genug real manifestiert und vielerorts auch noch schlimmer als dort. Viele Staaten, nicht nur in Europa, haben sich politisch entschieden, mit Lagern und Internierung Flüchtlinge abzuschrecken.

Deshalb darf die – gute – Kampagne zur Rettung der Menschen aus Moria nicht zu einer Situation führen, in der die Politik am Ende an der Frage gemessen wird, ob sie 300 Kinder aus Moria rettet. Denn solange sich sonst nichts ändert, sitzen schon drei Tage später die nächsten 300 Kinder in derselben Situation – und die Verantwortlichen verweisen auf ihr Zugeständnis eines Rettungsflugs.

Lager sind auch ohne Corona oft grauenhafte, traumatisierende Orte. Corona zeigt das nur noch deutlicher. Die Zivilgesellschaft, die sich jetzt so sehr für die Menschen in Moria einsetzt, sollte das nicht vergessen.

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