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Grenzen der SolidaritätKein Frauentag ohne Clara Zetkin

Sie war eine Vorkämpferin für Frauenrechte, wetterte jedoch gegen die „Frauenrechtlerei“. Der Internationale Frauentag verdankt sich Clara Zetkin.

Sah sich selbst als „internationale Sozialistin“: Clara Zetkin in einem Foto von 1897 Foto: ADN/dpa/picture alliance

Clara Zetkin gerecht zu werden, ist kein leichtes Unterfangen. Bis heute hat sie nicht den ihr gebührenden Platz in der Geschichte gefunden. In der DDR idealisiert, wurde sie in der alten BRD totgeschwiegen oder verfemt. Auch das wiedervereinigte Deutschland tut sich bis heute schwer mit ihr. Trotzdem gibt es an Klara Josephine Eißner, als die sie 1857 im sächsischen Wiederau geboren wurde, kein Vorbeikommen. Schon gar nicht am 8. März. Schließlich ging die Initiative für den Internationalen Frauentag von ihr aus.

Sie war eine Vorkämpferin für Frauenrechte, wetterte jedoch inbrünstig gegen die „Frauenrechtlerei“. Sich als Feministin zu bezeichnen, wäre ihr aufgrund ihrer Ablehnung der bürgerlichen Frauenbewegung nie in den Sinn gekommen. Sie selbst zog die Bezeichnung „internationale Sozialistin“ vor. Obwohl aus einem bürgerlichen Elternhaus stammend und nie in einer Fabrik arbeitend, gilt sie als Begründerin der proletarischen Frauenbewegung.

Als auf der von ihr geleiteten Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen auf ihren Vorschlag der Internationale Frauentag beschlossen wurde, hatte Zetkin bereits ein bewegtes politischen Leben hinter sich. Begonnen hatte es 1878 in Leipzig mit dem Eintritt in die SPD, die damals noch Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) hieß.

Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht

Clara Zetkin

1882 zieht die junge Lehrerin zu ihrem damaligen Lebensgefährten, einem aus Sachsen ausgewiesenen russischen Exilanten, nach Paris und nimmt dessen Nachnamen an. Im Juli 1989 nimmt sie in Paris am Gründungskongress der Zweiten Internationalen teil – als eine von nur fünf Frauen unter 400 Teilnehmenden. Die 32-Jährige hält eine vielbeachtete Rede. „Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht“, lautet einer ihrer Kernsätze.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

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An der bürgerlichen Frauenbewegung kritisierte Zetkin deren Beschränkung auf den Kampf für die rechtliche Gleichstellung, was nur ein privilegierter Kampf „gegen den Mann ihrer Klasse“ sei. Die Not des Proletariats, dem Zetkin sich solidarisch verbunden fühlte, würde für sie hingegen keine relevante Rolle spielen.

Sophie Fichtner und Stefan Hunglinger blicken in die Kamera, daneben steht: Reingehen – Die Geschichten der Woche
Foto: taz
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Einen zentralen Grund für die im Vergleich zur Männerarbeit noch wesentlich schlechtere Entlohnung der Fabrikarbeiterinnen sah Zetkin in deren geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad.

Voraussetzung dafür, dass die Organisierung der Arbeiterinnen gelingen kann, sei jedoch, dass die Arbeiter ihr sexistischen Verhalten ablegen müssten, war Zetkin überzeugt: „Die Arbeiter müssen aufhören, in der Arbeiterin in erster Linie eine Frau zu sehen, der man, je nachdem sie jung, hübsch, sympathisch, heiter oder es nicht ist, den Hof macht und der gegenüber man sich eventuell je nach dem Grade der eigenen Bildung oder Unbildung Rohheiten und Zudringlichkeiten erlaubt.“

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