piwik no script img

Grenze istnicht gleichGrenze

Von Trier aus gesehen ist die deutsche Westgrenze zu Luxemburg eine Grenze der Durchlässigkeit. Ganz anders ist die Situation an der Ostgrenze zu Polen, wo es aller Annäherung zum Trotz stark um Abschottung geht. Eine Erkundung

Blaue Brücke über der Oder: Hier muss rüber, wer vom deutschen Frankfurt ins polnische Słubice will Foto: Julia Zimmermann/laif

Aus Trier und Frankfurt (Oder) Nina Schieben

Es gibt Kindheitserinnerungen, die ihren eigentümlichen Zauber auch dann nicht verlieren, wenn sich die Wahrnehmung verändert. Meine ist diese: Nullerjahre, der Sommerurlaub an der französischen Küste steht an. Ich sitze mit meiner Familie im vollbepackten Auto, meine Schwester und ich hinten auf der Rückbank, meine Eltern vorne. Die Autobahn vor uns ist fast leer, draußen löst sich die Dunkelheit auf; es ist noch Nacht, aber nicht mehr lang. Ich presse mein Gesicht an die Fensterscheibe, in der sich die grellen Lichter vorbeiziehender Autos spiegeln.

Ich bin müde und hellwach gleichzeitig, weil ich auf den Moment warte, in dem in der Autobahnferne die verschwommene Silhouette des großen Schildes auftaucht. Es kommt näher, kommt näher, kommt: Luxembourg. Weiße Schrift, eingekreist von zwölf gelben Sternen, die mich früher an einen Heiligenschein erinnerten. Blauer Hintergrund. Dieser eine Moment, der von einer Sekunde auf die andere vorbei war – für mich eine kurze Sekunde des Kribbelns. Denn hier begann mein Feriengefühl: die Sommerfreiheit. Zum Meer war es noch weit, Frankreich aber schon nah.

Ich bin in Trier aufgewachsen, in dem Städtchen mit der Porta Nigra, Moselwein und dem Geburtshaus von Karl Marx, ganz im Westen von Rheinland-Pfalz. Anders als in meiner kindlich verzerrten Wahrnehmung liegt zwischen Trier und Luxemburg keine Welt, dazwischen liegen lediglich 15 Kilometer und eine Grenze, die sich bis vor Kurzem fast vergessen ließ. Nicht nur, weil Grenzkontrollen zu Luxemburg einer Zeit anzugehören schienen, in der es die umfassende europäische Freizügigkeit noch nicht gab. Sondern auch, weil die Nähe zum luxemburgischen Nachbarn nicht nur eine räumliche war.

Ein Besuch auf der luxemburgischen Seite der Grenze lohnte sich immer, sei es, um das Auto vollzutanken oder um Kaffee zu kaufen. Er lohnte sich auch, um dort zur Arbeit hinzufahren, weil es mehr Geld zu verdienen gab. Und man konnte sich sicher sein, verstanden zu werden, wenn man weiter Deutsch sprach.

Gemeckert wurde selten und wenn, dann über den Feierabendstau, der durch die vielen Pend­le­r*in­nen verursacht wurde. Das waren die Nullerjahre, die Zehnerjahre, und bis heute ist es so geblieben. Auch die Grenzkontrollen, die die deutsche Regierung vor einem guten Jahr wieder eingeführt hat, haben daran nicht viel geändert.

Mit diesen Erfahrungen bin ich aufgewachsen, sie wurden mit mir geteilt: auf der Straße von Nachbarn, am Esstisch von Verwandten. Es sind kollektive Erfahrungen, die diesen Grenzraum prägen und denen man sich als Be­woh­ne­r*in nur schwer entziehen kann. Für mich ist Luxemburg bis heute ein Durchreiseland nach Frankreich. Luxemburg ist mir weder nah, noch ist es mir fern. Doch was mich nicht loslässt, ist diese Beiläufigkeit, diese irritierende Einmütigkeit, mit der die Grenze in den Alltag integriert wird.

Vor vier Jahren bin ich zum Studieren nach Frankfurt an der Oder gezogen, ganz im Osten von Brandenburg. Den deutsch-luxemburgischen Grenzraum hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre hinter mir gelassen – ja, ich hatte ihn nahezu vergessen. Er holte mich erst wieder ein, als ich das erste Mal an der Oder entlang lief und auf mein Handy eine Roaming-SMS geschickt bekam: Willkommen in Polen. Ich hätte die Benachrichtigung ignorieren, sie mit einem Klick löschen können. In meinem Kopf aber war die Grenze nun da, ohne dass ich sie gesucht hätte – anders als in meiner Kindheit, in der der Grenzübergang durch ein Straßenschild vermittelt wurde und das Warten auf diesen einen Moment fast schon spielerischer Art war.

Weit weg ist Polen tatsächlich nicht. Man muss nur die Stadtbrücke mit den blauen Stahlbögen überqueren, um auf die andere Seite der Oder ins polnische Städtchen Słubice zu gelangen. Ohne die Benachrichtigung auf meinem Handy hätte ich wahrscheinlich auf ein anderes Zeichen warten müssen, um mir die Grenze zu vergegenwärtigen.

Oder doch nicht? Denn während meines Spaziergangs beschlich mich ein Gefühl, das mir auf eigenartige Weise seltsam vertraut vorkam: das Gefühl, in der räumlichen Peripherie zu sein. Weit weg. Ein Gefühl, das ich aus Trier kannte und das in Frankfurt wieder auftauchte – und das gar nicht so unbegründet ist, wie es im ersten Moment scheinen mag.

Grenzräume sind Randzonen und Zwischenräume, in denen etwas aufhört und etwas anderes beginnt; in denen sich ein Davor und ein Danach, Bekanntes und Unbekanntes streifen, reiben, berühren. Grenzen sind nicht gleich Grenzen. Es gibt Landgrenzen, Seegrenzen, Binnengrenzen, Außengrenzen. Obergrenzen. Grenzen grenzen ein, doch vor allem grenzen sie aus.

Je häufiger ich danach durch Frankfurt spazierte, desto öfter begab ich mich gedanklich zurück zum Grenzraum meiner Kindheit. Ich suchte nach Parallelen, die greifbarer waren als dieses diffuse Randgefühl. Doch je länger ich suchte, desto mehr bekam ich den Eindruck, dass der deutsch-luxemburgische und der deutsch-polnische Grenzraum sehr verschieden sind.

Denn denke ich an meine Herkunftsregion zurück, sind da die rund 50.000 Be­rufs­pend­le­r*in­nen aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland, die täglich die Grenze nach Luxemburg passieren. Der monatliche Mindestlohn in Luxemburg ist der höchste in der EU, die Besteuerung ist gering, und das Land lockt mit seiner Mehrsprachigkeit. Zudem ist das Großherzogtum unter dem wohl bekanntesten luxemburgischen Politiker Jean-Claude Juncker zu einem der wichtigsten Finanzplätze der EU aufgestiegen – und zur Steueroase für ausländische Großunternehmen.

Anders sieht das im deutsch-polnischen Grenzraum aus: Grenz­gän­ge­r*in­nen aus Polen sehen sich häufiger dem Verdacht ausgesetzt, mit irregulärer Migration oder Kriminalität in Verbindung zu stehen – meistens dann, wenn sie als nicht europäisch und nicht weiß gelesen werden. Polens Ostgrenze ist eine der EU-Außengrenzen, über die Mi­gran­t*in­nen aus Drittstaaten überhaupt erst nach Europa gelangen.

Hinter Luxemburg hingegen komm keine EU-Außengrenze, sondern erst noch der Riese Frankreich – die sogenannte irreguläre Migration wird hier folglich als Thema der südlichen und östlichen europäischen Ränder verhandelt, im Sinne einer Abgrenzung und Selbstvergewisserung: doch nicht hier bei uns!

Als Deutschland im September 2024 die Grenzkontrollen zu Luxemburg wieder einführte, war man davon auf luxemburgischer Seite so wenig begeistert, dass das Großherzogtum im vergangenen Jahr zwei Mal bei der EU-Kommission Einspruch erhoben hat – jedoch erfolglos. Der Geist von Schengen gehe verloren, lautete die Begründung des luxemburgischen Innenministers Léon Gloden, der zudem die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme unter Verweis auf die rückläufigen Zahlen irregulärer Einreisen infrage stellte. Grundsätzlich gegen Grenzkontrollen ist Gloden, Mitglied der Christlich Sozialen Volkspartei, allerdings nicht: Sie sollten sich seiner Ansicht nach nur besser auf die EU-Außengrenzen beschränken, um dem erklärten Ziel tatsächlich näherzukommen.

Vielleicht fühlt man sich in der deutsch-luxemburgischen Grenzregion auch deswegen der europäischen Freizügigkeit verpflichtet, weil Schengen, also der Ort, an dem im Jahr 1985 mit dem schrittweisen Abbau der Personenkontrollen der Weg für die Freizügigkeit geebnet wurde, selbst ein Grenzort ist: gelegen im Großherzogtum, grenzt er an das französische Lothringen und an das Saarland. Wie es die Ironie – oder der Zynismus – der Geschichte will: Zwischenzeitlich war dieser Ort selbst von Kontrollen betroffen.

Grenzerfahrung

Nach ein paar Jahrzehnten verhältnismäßiger Unsichtbarkeit rücken die Grenzen wieder stärker ins Bewusstsein. Die deutschen wie auch jene der EU: An vielen wird wieder kontrolliert, Menschen wortwörtlich aus dem Verkehr gezogen und die Unterschiede betont zwischen drüben und hier. In lockerer Folge schauen

wir uns um an solchen Bruchstellen und an Orten, wo Deutschland zu Ende geht.

Deutsch-luxemburgische Grenze

Etwas über 130 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Deutschland und Luxemburg, die größtenteils entlang der Flüsse Mosel, Sauer und Our verläuft. Festgelegt wurde sie bereits im Jahr 1815, als Luxemburg beim Wiener Kongress an

den Deutschen Bund angeschlossen wurde. Bis das Großherzogtum Ende des

19. Jahrhunderts seine volle Souveränität erlangte, stand es unter dem Einfluss seiner großen Nachbarn. Der zeigt sich bis heute im Alltag: In Luxemburg sind Deutsch und Französisch neben Lëtzebuergesch Amtssprachen, letztere ist übrigens moselfränkischen Ursprungs. Im 20. Jahrhundert erlitt Luxemburg deutsche Besatzung und NS-Terror, Zwangsrekrutierungen und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Die Verbindung zu Deutschland ist historisch also eng, aber auch von Gewalt gekennzeichnet. Nach 1945 kittete die europäische Integration das Verhältnis der beiden Länder: Montanunion, Schengen, Maastricht. Heute ist die Grenzregion vor allem durch die rund 50.000 Pendler*innen aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland geprägt, die in Luxemburg arbeiten.

Deutsch-polnische Grenze

460 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Deutschland und Polen, die entlang der Oder und Lausitzer Neiße verläuft. Festgelegt nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten, wurde sie 1950 von der DDR und der Volksrepublik Polen als Staatsgrenze anerkannt und fortan als Friedens- und Freundschaftsgrenze propagiert. Für die Menschen jedoch war sie lange Zeit nur schwer passierbar,

mit Ausnahme des visa- und passfreien Verkehrs zwischen 1972 und 1980. Auf Grundlage des Grenzvertrags von 1990 konnten sich die Bewohner*innen beiderseits der Flüsse als Nachbar*innen begegnen, ebenso wie sich die Regierungen der wiedervereinigten Bundesrepublik und Polens annäherten. Etwas später öffnete sich auch das westliche Europa für seinen östlichen Nachbarn: Mit der sogenannten EU-Osterweiterung trat Polen 2004 der Europäischen Union bei, drei Jahre später dem Schengenraum. Seit dem „Sommer der Migration“ 2015 wird Polens Ostgrenze, eine der EU-Außengrenzen, in Deutschland zunehmend als Einlasstor für sogenannte irreguläre Migration wahrgenommen. Seither wurden von deutscher Seite mehrfach Kontrollen an der Grenze zu Polen eingeführt.

Doch auch abseits der Differenz zwischen Binnen- und Außengrenze kann Polen, anders als das stinkreiche Luxemburg, gegenüber Deutschland nicht mit einem höheren Mindestlohn oder mit der Bequemlichkeit einer geteilten Amtssprache trumpfen – und fällt daher als begehrter Arbeitsmarkt für deutsche Grenz­be­woh­ne­r*in­nen eher weg. Stattdessen sind es fast wie selbstverständlich Pol*innen, die nach Deutschland zur Arbeit pendeln, in Deutschland ihren Wohnsitz haben und die deutsche Sprache lernen.

Polnische Staats­bür­ge­r*in­nen sind noch immer die zweitgrößte Gruppe ausländischer Fachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung war die Nettozuwanderung polnischer Staatsangehöriger im Jahr 2024 jedoch erstmals rückläufig, seit der deutscher Arbeitsmarkt für diese Gruppe im Jahr 2011 vollständig geöffnet wurde. Als Gründe geben die befragten Po­l*in­nen am häufigsten die wirtschaftliche und politische Lage hierzulande an.

Anders als den deutsch-luxemburgischen Grenzraum kenne ich den deutsch-polnischen nicht aus meiner Kindheit. Ich habe die Stadt nur kurz ohne Grenzkontrollen kennengelernt, da diese bereits stichprobenmäßig im Oktober 2023 von deutscher Seite eingeführt wurden.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt brauchte es in Frankfurt keinen elektronischen Hinweis mehr, dass die Grenze in unmittelbarer Nähe ist. Es traten andere, nur schwer zu übersehende Zeichen auf, die darauf hindeuteten, dass irgendwer oder irgendetwas unter Kontrolle steht: Polizist*innen, die am Ausgang des Frankfurter Bahnhofs standen und die rein- und rausgehenden Pas­san­t*in­nen musterten. Polizist*innen, die sich im Zug durch die schmalen Gänge zwischen den Sitzen schoben und die Blicke dabei nach links und rechts schweifen ließen. Po­li­zis­t*in­nen auf der deutschen Seite der Oderbrücke, mit Warnwesten und roten Kellen ausgestattet: Manche der aus Polen kommenden Autos und Fußgängerinnen wurden vorbeigelassen, andere angehalten. Etwas später, als die Kon­trollmaßnahmen intensiviert wurden, kam ein großes weißes Kuppelzelt am deutschen Grenzübergang hinzu.

Das sind Erfahrungen, die ich als Beobachterin dieses Raumes und des Grenzspektakels mache. Doch ich möchte mit Menschen sprechen, die bereits lange in diesem Grenzraum leben und von dessen Wandel erzählen können. Bei meiner Recherche stoße ich auf die deutsch-polnische Seniorenakademie, die zur Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) gehört. Über den Verein wird mir ein Kontakt zu dem Soziologen Krzysztof Wojciechowski, 69, hergestellt. Wojciechowski ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von Warschau nach Frankfurt gezogen, um am Aufbau der Europa-Universität Viadrina mitzuwirken.

Wir treffen uns am eiskalten Dreikönigstag im polnischen Słubice im Collegium Polonicum, einem Campus der Viadrina-Universität. Wojciechowski hat den Treffpunkt vorgeschlagen, um mir das dort beheimatete „Archiv für menschliche Schicksale“ zu zeigen. Dort sind die dokumentierten Lebensgeschichten von Be­woh­ne­r*in­nen der deutsch-polnischen Grenzregion aufbewahrt, die er mit einem Projektteam seit 2004 sammelt.

Als Deutschland im September 2024 die Grenzkontrollen zu Luxemburg wieder einführte, war man davon auf luxemburgischer Seite so wenig begeistert, dass das Großherzogtum im vergangenen Jahr zwei Mal bei der EU-Kommission Einspruch erhoben hat

Für unser Treffen überquere ich die Oderbrücke, auf deren blaue Stahlbögen eine dicke weiße Schneeschicht liegt. Schon in der Ferne sehe ich auf dem Brückengeländer weiß-rote Polenflaggen im Wind wehen. Wojciechowski wird mir später erzählen, dass diese von einer rechtsnationalistischen polnischen Bürgerwehr aufgesteckt wurden, deren An­hän­ge­r*in­nen es auf rassifizierte Menschen am Grenzübergang abgesehen haben.

Am Ende der Brücke entdecke ich jemand anderen: den polnischen Grenzschutz. Denn Polen hat als Reaktion auf die deutschen Grenzkontrollen im Sommer 2025 eigene Kontrollen an der Grenze zu Deutschland eingeführt.

Frankfurt und Słubice seien zusammengewachsen, das hätte er sich vor 30 Jahren nicht erträumen können, erzählt Wojciechowski. Bis die deutsch-polnischen Beziehungen als normal wahrgenommen wurden, habe es 20, vielleicht 30 Jahre gedauert.

Als er 1991 durch die westliche polnische Grenzregion fuhr, sei es gewesen, als wäre die Nachkriegszeit dort irgendwie stehengeblieben: demolierte Städte, nach dem Krieg nicht wiederaufgebaut, Armut. Die Grenze ging auf, und die Menschen auf beiden Seiten der Oder waren sich zunächst fremd. In Polen tanken, Zigaretten kaufen, einkaufen – das seien ökonomische Vehikel gewesen, die erste Begegnungen mit der Nachbarseite ermöglichten.

Auf deutscher Seite habe es historisch geprägte Stereotype gegeben, die sich lange hielten. Die Polen seien faul, diebisch, schmutzig. Später dann: Die Polen nehmen uns die Arbeit weg und stehlen unsere Autos. Eine deutsche Kollegin habe zu ihm gesagt: „Du, nach Polen fahr ich nie.“ Die bewusste oder unbewusste Vorstellung sei gewesen, dass hinter der deutschen Grenze irgendeine C-Klasse anfange, erzählt Wojciechowski.

Nach Luxemburg fahren Be­woh­ne­r*in­nen der Grenzregion gerne Foto: Bruno Arbesu/REA/laif

Wenige Tage später sitze ich in der Mensa der Viadrina-Universität mit Eckard Reiß, der 1941 in Frankfurt an der Oder geboren wurde und immer dort geblieben ist. Er ist Mitglied des Historischen Vereins in Frankfurt und kennt die Stadt noch aus einer Zeit, als die Grenze nur mit offizieller Einladung oder für die Arbeit geöffnet war. Damals arbeiteten im Frankfurter Halbleiterwerk Słu­bice­r*in­nen, erzählt Reiß. Nach der Wende habe das Halbleiterwerk dichtmachen müssen, und es habe ohnehin viel Arbeitslosigkeit in der Region gegeben. Viele seien in den Westen abgehauen.

Anders als Krzysztof Wojciechowski hat Eckard Reiß die Euphorie über die europäische Doppelstadt Frankfurt–Słubice, die in den Nullerjahren aufkam, nicht geteilt. Sie sei vor allem eine der Politik gewesen, dem Ottonormalbürger sei das schnurzegal gewesen: „Bewerten will ich das nicht, das ist meine Perspektive.“

Früher war Reiß als Fernmeldemechaniker für Wartungsarbeiten in Słubice, seine Begegnung mit der Nachbarstadt bestehe heute im Tanken, erzählt er. Als jahrelanger Kunde habe er inzwischen eine Rabattkarte. Er lacht. Dann sagt er, dass die Grenzkontrollen auf beiden Seiten gelegentlich zu Staus führen, die vor allem Pend­le­r*in­nen gehörig verärgern.

Ich muss schmunzeln, das kommt mir doch bekannt vor.

Grenzerfahrungen mögen sich im Großen unterschieden. Im Kleinen ähneln sie sich dann doch.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen