Graphic Novel „Der Araber von morgen“: Multikultur für Anfänger

Riad Sattouf erzählt eine Kindheit zwischen Europa und dem Nahen Osten – mit subversivem Witz gegen Antisemitismus und das Patriarchat

Landkarte von Franekreich mit Rennes und Bild der Großeltern auf dem sofa

Szene aus Riad Sattouf, Der Araber von morgen, Band 5 Foto: Penguin Verlag

Der kindliche Blick kann entwaffnend sein. Gerade durch die Perspektive des Zeichners. Der kindliche Blick ist zunächst von purer Neugier getrieben. Er verengt (oder weitet) sich erst mit Summe seiner zeitlich und räumlich getätigten Erfahrungen. Kindheit und Jugend sind universell, die Verhältnisse, in denen sie verbracht werden, sie sind es nicht. Der Comicautor Riad Sattouf lädt das Publikum ein, ihn auf eine arabisch-europäische Kindheitsreise zu begleiten. Und ihm folgt dabei eine große Leserschaft.

Zwei Millionen Exemplare hat Riad Sattouf seit 2014 von den ersten vier Bänden seines „Der Araber von morgen“ in Frankreich verkauft. In 22 Sprachen erscheint seine große Graphic-Novel-Entwicklungsgeschichte. Er habe Le­­se­r:in­nen im Blick, die sonst eher keine Comics anschauen, sagt Sattouf. Das ist ihm also gelungen. Die abend- und morgenländische Odyssee einer Familie, dargestellt aus der Perspektive des Kindes, fasziniert.

Die Bände 1 bis 5 von Riad Sattoufs „Der Araber von morgen“ erscheinen in der Übersetzung von Andreas Platthaus bei Penguin/Random House. Sie haben zwischen 180 und 280 Seiten und kosten je Band zwischen 24 und 26 Euro. Mit dem sechsten Band soll die Serie nächstes Jahr abgeschlossen sein. Im Verlag Reprodukt Berlin sind zudem in jährlicher Fortsetzung von Riad Sattouf „Esthers Tagebücher“ erhältlich.

Sattouf erzählt von den immer merkwürdigeren Schrullen eines vom Panarabismus zum Panislamismus konvertierenden Vaters. Von den Auseinandersetzungen seiner europäischen Mutter mit dem patriarchalen Gestus des Vaters – und dem Versuch, als Kind dabei nicht auf der Strecke zu bleiben.

Kritiker in Frankreich haben Sattoufs Erzählstil mit dem von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé verglichen. Diese entwickelten ab Ende der 1950er Jahre die Comicserie „Der kleine Nick“. Und revolutionierten damit den Erzählstil und die Haltung gegenüber kindlicher Wahrnehmung weit über das Comicgenre und Frankreich hinaus. „Der kleine Nick“ arbeitet mit kindlichem Humor gegen eine oft allzu vernünftige und unhinterfragbare Logik der Erwachsenenwelt. Amüsante generationelle Missverständnisse und die Leichtigkeit der Satire contra die Schwere bleiern erscheinender Themen oder Zustände.

„Sattouf, Saudoof, Strohdoof“

Mit ebensolchen Kinderaugen erzählt Riad Sattouf, geboren 1978 in Paris, von den Parodoxien seiner Kindheit im Nahen Osten und in Frankreich. Als Kind muss Riad herausfinden, welchen anderen er in Rennes besser ausweicht – „Sattouf, Saudoof, Strohdoof“. Oder, warum sein Vater nicht will, dass er ein „Schwuli“ (ein Künstler) wird. Oder, welches Mädchen ihn, Riad, so mag, wie er ist. Oder, warum er, wie in einer Szene in Band 5 dargestellt, von Skins in Rennes verhauen wird, deren Chef ihm aber arabisch zu sein scheint, und warum die alle Kappen tragen und HipHop hören.

Oder, wer von seinen Cousins im syrischen Ter Maaleh ihn verteidigen und mit ihm spielen würde. Dort galt der kleine Riad in den 1980ern wegen seiner helleren Haare als „Jude“, dem man bei jeder sich bietenden Gelegenheit nachstellte.

Strichzeichnung des kleinen Riad, mit Haartolle und Stock in der Hand

Der kleine Riad Foto: Sattouf/Penguin Verlag

Sattoufs Eltern hatten sich beim Studium an der Universität Sorbonne in Paris kennengelernt. Sie, eine bildungshungrige Aufsteigerin aus der Bretagne, er, ein angehender Akademiker aus dem ländlich geprägten Gebiet Syriens nahe Homs. Die Stadt Homs war 2010/11 eine Hochburg der Opposition gegen das Assad-Regime. Im Bürgerkrieg wurde sie schwer bombardiert, viele getötet oder vertrieben.

Riad Sattouf sagt, dass er bei Ausbruch des Kriegs in Syrien Verwandten aus der bei Homs gelegenen Kleinstadt Ter Maaleh flüchten half. Danach ging er an die Umsetzung des „Arabers von morgen“, um autobiografisch von seiner Kindheit erzählen. Von 2004 bis 2014 hatte er zuvor für die Zeitschrift Charlie Hebdo wöchentlich den Comic „La vie secrète des jeunes“ gezeichnet. Also bevor Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 von Islamisten in Paris überfallen wurde.

Entführter Bruder

Im syrischen Ter Maaleh spielen wesentliche Passagen der ersten vier Bände des „Arabers von morgen“. Der nun erschienene fünfte behandelt eine längere Phase in Frankreich. Die Eltern haben sich mal wieder getrennt. Mit seinen Brüdern und der Mutter lebt Riad in Rennes, wo der allmählich Pubertierende die Schule besucht. Die Situation ist dramatisch. Riads Vater war kurz in Frankreich aufgetaucht. Nach einer vorgetäuschten Wandlung zum laizistischen Kinder- und Frauenversteher hat er den jüngsten Bruder Fadi nach Syrien entführt. „Ein Sohn gehört zu seinem Vater.“ Aus Fadi soll ein guter Muslim werden.

Auch das französische Außenministerium kann da nicht helfen. Zwischen all dem Schlamassel versucht Riad sein eigenes Leben zu leben, sich selbst zu entdecken. Und hofft schwer, dass in der Schule niemand von all den fami­liären Peinlichkeiten erfährt. Zudem hält er seine Nase für zu groß, und seine widerspenstigen Haare verbergen auch nur schlecht einen Eierkopf. Ihn plagen ganz allgemein gewisse Selbstzweifel: „Ich riss die Augen auf, um nicht hinterhältig auszusehen.“

Der zwischen Vater und Mutter hartnäckig ausgetragene Kulturkampf um patriarchale Haltungen hat auch bei Riad Spuren hinterlassen. Sein Vater wollte sich nie wirklich auf das Abenteuer Frankreich einlassen. Umgekehrt ist für die Frau und die Kinder das Leben in Ter Maaleh eine wirkliche Zumutung.

Um mögliche Misserfolge in Frankreich von vornherein zu vermeiden, erklärte Riads Vater ganz Frankreich zum Hort von Rassismus und westlicher Verderbnis. Nicht ohne dass der Zeichner das staunende Kind in Szenen immer wieder beobachten lässt, wie sein Vater selber voller vulgärer Vorurteile und Anzüglichkeiten steckt.

Dumme Franzosen

Erzogen im Geiste der panarabischen Baath-Partei, aufgewachsen in der rabiaten Assad-Diktatur, lacht Vater Sattouf über die dummen Franzosen und die ihm unterlegen erscheinenden Einwanderer aus (Schwarz-)Afrika. Seine eigenen Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Eu­ro­päe­r:in­nen kompensiert er mit der Überhöhung der islamisch-arabischen Welt.

„Der Araber von morgen“ spielt, der Titel verrät es bereits, mit den Stereotypen des Panarabismus. Riads Vater träumte wie viele Postkoloniale von einem geeinten arabischen Weltreich. Mit dieser Mischung aus Islam, sowjetischer Planwirtschaft, arabischer Clanstruktur und völkischer Folklore wollte man es dem gleichermaßen bewunderten wie verhassten Westen einst so richtig zeigen.

So ging es, am Anfang dieser Entwicklungsgeschichte und wie in Band 1 dargestellt, für den kleinen Riad zunächst von Frankreich in das Libyen des Muammar al-Gaddafi. Keine Stellung in Frankreich schien dem Vater gut genug, doch fluchtartig ging es aus Libyen zurück nach Frankreich. Und weiter nach Syrien.

Es folgen Missverständnis auf Missverständnis, bis schon das Poster eines Kunstgemäldes in der Wohnung in Ter Maaleh für Riads Vater nicht mehr zumutbar erscheint. Den Überfall des Iraks auf Kuwait bejubelt er – „Saddam ist ein Genie“ –, ganz so wie der reak­tio­näre Teil der Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen seinerzeit schon die Raketenangriffe auf Israel feierte.

Die Flucht vor dem Araber von gestern gestaltet sich schwierig. Er zeigt sich zwar ebenfalls mit der Zeit etwas mitgenommen. Doch auch resistent – und bleibt erst einmal mit im Gepäck.

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