Geschlechtsangleichung in der Praxis: Ein Penis nach dem anderen

Sofia Koskeridou ist Epithetikerin. Sie baut Penisse für Menschen, die einen brauchen. Vor allem trans Männer gehören zu ihren Patienten.

Eine Frau im weißen Kittel arbeitet eine Penis-Prothese

Sofia Koskeridou an ihrem Arbeitsplatz in Norderstedt Foto: Miguel Ferraz

Ob der Penis so geworden ist, wie ihr Patient sich das vorgestellt hat, erkennt Sofia Koskeridou an den Augen. Sie sucht im Blick der Männer nach Freude, Erleichterung, Stolz. Dann weiß sie, dass das Körperteil, das sie hergestellt hat, richtig sitzt, richtig aussieht und sich richtig anfühlt.

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Sofia Koskeridou ist Epithetikerin. Eigentlich mit Schwerpunkt auf dem Gesicht. Viele Jahre lang stellte die 55-Jährige aus medizinischem Silikon Nasen, Ohren oder Augenlider her für Menschen, denen beispielsweise ein Tumor im Gesicht entfernt worden war oder die Unfälle erlitten hatten. Wo plastische Chirurgie an ihre Grenzen stieß, übernahm sie.

Bis 2013. Da bekommt sie eine E-Mail, in der ein junger Mann sie fragt, ob sie ein Abenteuer eingehen wolle. „Da habe ich natürlich erst mal gedacht: Bei was für einem Portal habe ich mich da versehentlich angemeldet?“, sagt sie per Videochat und zieht an ihrer Zigarette. Sie spricht mit leichtem griechischem Akzent, in den Neunzigern zog sie von Thessaloniki nach Hamburg.

Doch Sofia Koskeridou ist ein neugieriger Mensch, sie will wissen, was dieser Mann von ihr möchte. Er erzählt ihr, dass er trans sei, sich gegen eine geschlechtsangleichende Operation entschieden habe und eine Epithetikerin suche, die mit ihm gemeinsam einen künstlichen Penis entwickelt. Koskeridou hat Lust und trifft sich immer wieder mit ihm, mehr als zwei Jahre.

Zwei Patienten am Tag, mehr geht nicht

Dass die Tüftelei an dem Genital so lange dauerte, liegt daran, dass eine Penis-Epithese mehr Funktionen braucht und widerstandsfähiger sein muss als beispielsweise eine Ohrmuschel. Menschen müssen mit der Epithese pinkeln können, sie ist konstanter Bewegung ausgesetzt und sitzt an einer schlecht durchlüfteten, zu Schweiß neigenden Stelle. Die meisten Männer wollen sie in zweifacher Ausfertigung – schlaff und erigiert. Das dauert. Sofia Koskeridou und der Mann, der ihr eine E-Mail schrieb, sind zufrieden mit dem Ergebnis. Sogar ein Orgasmus ist mit dem erigierten Modell möglich. Wie, will Koskeridou nicht verraten, die Technik soll geheim bleiben. Der Mann empfiehlt sie weiter. Und Koskeridou macht kurz darauf nichts anderes mehr als Penisse.

Sie ist nicht die einzige Epithetikerin in Deutschland, die Penisse herstellt, aber sie ist wohl die bekannteste. Sofia Koskeridou hat Patienten aus ganz Deutschland und aus ein paar Nachbarländern. Überwiegend behandelt sie trans Männer, es kommen aber auch Menschen mit angeborenen Fehlbildungen oder Beeinträchtigungen beispielsweise nach einer Krebserkrankung zu ihr. Ihr jüngster Patient war ein Jahr alt, ihr ältester 75. Nicht alle trans Männer wollen die Epithese anstelle einer Operation. Manche haben sie teilweise hinter sich und sind nicht zufrieden mit dem Ergebnis.

Im Schnitt hat Koskeridou zwei Patienten am Tag. Mehr geht nicht, weil die Termine sehr zeitaufwendig sind. Das erste Treffen ist zum Kennenlernen. Sie zeigt dann, was alles geht. Und es geht fast alles. „Beschnitten, unbeschnitten, halb beschnitten, die Größe, die Dicke, die Farbe, die Adern, die Gefäße, alles.“

Ihre Patienten, sie nennt sie „ihre Jungs“, müssen einiges entscheiden. Manche haben ganz genaue Vorstellungen oder bringen gleich ein Foto ihres Wunschpenis mit. Manche überfordert die Tatsache, dass sie ihr eigenes Körperteil designen dürfen. Sie setzt sich mit ihnen dann in die Sofaecke und reicht verschiedene Exemplare rum. Oft sind Eltern oder Geschwister, Freun­d*in­nen oder Part­ne­r*in­nen dabei. „Besonders Väter und Brüder nehmen da alles besonders unter die Lupe“, sagt Koskeridou. Einige ihrer Patienten fragen sie auch nach ihrer persönlichen Meinung zur Optik. „Ich gebe da gerne meinen Senf dazu!“, sagt sie und lacht. Den Männern dabei zu helfen, die Epithese zu gestalten, macht Koskeridou Spaß. „Die Menschen, die zu mir kommen, haben oft so einen langen Leidensweg hinter sich. Wie toll ist es, sich seinen eigenen Penis auszusuchen?“

„So eine coole und entspannte Art“

Tate Burmeister ist einer von Sofia Koskeridous Jungs. Er ist 20 Jahre alt und trans, Anfang Januar 2020 war er das erste Mal bei ihr in Norderstedt bei Hamburg. Er und seine Freundin sind aus Leipzig angereist, der Wecker klingelte an dem Tag um drei Uhr morgens. Von Koskeridou hörte Burmeister zum ersten Mal, als er sich in einer Hamburger Klinik Brüste und Gebärmutter entfernen ließ. Die Eingriffe setzten ihm körperlich und psychisch stärker zu, als er erwartet hatte. An eine geschlechtsangleichende Operation wollte er nicht mal denken. Alles so lassen, wie es ist, war für ihn aber auch keine Option. Sein Arzt zeigte ihm verschiedene Penis-Epithesen, die von Koskeridou gefielen ihm am besten.

Als Tate Burmeister und seine Freundin Koskeridous Institut wenige Monate später betreten, ist er nervös. Sie haben vorab vereinbart, dass Koskeridou beim ersten Termin einen Abdruck seines Intimbereichs nehmen wird, damit sie beim nächsten Mal schon ein Wachsmodell der späteren Epithese hat. Sein Bammel verfliegt in dem Moment, als sie ihm die Tür aufmacht. „Sofia hat einfach so eine coole und entspannte Art.“ Koskeridou duzt ihre Patienten, fängt im Gespräch Sätze häufig mit Vornamen an: „Tate, du hast verschiedene Möglichkeiten …“, „Tate, wichtig dabei ist, dass …“

Unterschiedlich aussehende Penis-Prothesen

Die meisten Patienten wollen ihren Penis in zwei Zuständen: erigiert und schlaff Foto: Miguel Ferraz

Sie baut gleich zu Beginn Nähe und Vertrautheit auf, denn Patient und Epithetikerin erleben gemeinsam Situationen, in denen Unverkrampftheit wichtig ist. Im Stehen zu pinkeln sollte mit der Epithese funktionieren, und damit das hinhaut, übt Koskeridou mit ihren Jungs. „Man stellt sich also vor die Toilette und versucht sich zu entspannen“, erzählt Tate Burmeister. „Und Sofia schaut, ob es so läuft, wie es laufen sollte.“ Viele Menschen haben schüchterne Blasen, ihnen fällt es schon schwer, vor Vertrauten aufs Klo zu gehen. Mit einer Person, die man zuvor erst einmal getroffen hat, muss die Atmosphäre im Badezimmer also auf Anhieb stimmen.

Sofia Koskeridou fertigt nicht nur die Epithese an, sie hilft auch beim Papierkram. Penis-Epithesen stehen mittlerweile im Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen, die Kosten werden theoretisch also erstattet. Bis die Bewilligung kommt, müssen viele ihrer Patienten jedoch mehrere Anträge stellen.

„Manchmal laufen die Tränen“

So auch Tate Burmeister. Er reichte die Personenstandsänderung, die Operationsberichte, den Kostenvoranschlag, die Bescheinigung eines Endokrinologen und das obligatorische „Motivationsschreiben“ ein. Abgelehnt – es bestehe keine medizinische Notwendigkeit. Meistens sehe die Krankenkasse irgendwann ein, dass das Gegenteil der Fall sei, spätestens nach Androhung einer Klage: „Sicher ist: Trans Männer brauchen einen langen Atem, so ist das leider immer noch.“

Einer dieser Augenblicke, in denen sich die Anspannung löst, ist, wenn ihre Patienten das erste Mal die fertige Epithese anprobieren. „Manchmal laufen die Tränen, manchmal wird laut gelacht, manchmal ist komplette Stille“, sagt Sofia Koskeridou. Bisweilen ist da auch Wehmut, besonders bei den Älteren. Sie betrauern einen kurzen Moment all die Jahre, die sie – möglicherweise ungeoutet – haben verstreichen lassen. Bei fast allen beobachtet Koskeridou eine veränderte Körperhaltung. Die Schultern werden straffer, der Gang aufrechter und breitbeiniger. „Die stehen dann plötzlich ihren Mann. Dieser Unterschied, wenn sie kommen und wenn sie wieder weggehen, das kann man nicht beschreiben.“

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Sie erklärt bei diesem letzten Treffen auch, wie der Kleber anzuwenden ist, wie man die Epithese reinigt und wie man Schäden durch die Harnsäure vorbeugt. „Das gibt’s von mir aber auch noch mal schriftlich, weil ich genau weiß, die sind so überwältigt, die hören nur die Hälfte von dem, was ich sage.“

Sich wieder vollständig fühlen

Koskeridou hat früh gelernt, was es bedeutet, wenn ein Körperteil, das einen definiert, fehlt oder nicht so funktioniert, wie es sollte. Ihre Schwester kämpfte jahrzehntelang gegen Brustkrebs. „Sie war so ein richtiges Weib, eine griechische Göttin“, sagt sie. Irgendwann musste die Brust amputiert werden, der operative Aufbau danach funktionierte nicht. Die Schwester bat Sofia Koskeridou, die damals als Zahntechnikermeisterin arbeitete, ihr eine künstliche Brust anzufertigen. Koskeridou ließ sich zur Epithetikerin umschulen, doch ihre Schwester starb noch während der Ausbildung.

Menschen dabei zu helfen, sich wieder vollständig zu fühlen, ist seitdem ihr Ansporn. Tate Burmeister hat auf Sofia Koskeridous Augen geachtet, als er sich bei ihr für die Epithese bedankte: „Ich hab ihr gesagt, dass ich total glücklich damit bin und ich sie sehr gut gelungen finde. Da hat man an ihrem Blick richtig gesehen, wie stolz sie ist auf ihre Arbeit. Das war ein cooler Moment.“

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