Geschichtsträchtiger Ort bei Berlin: Die FDJ-Schule verfällt
An den Bogensee baute Goebbels eine Villa; die DDR schickte FDJler zur Fortbildung. Berlin hat keine Idee für das heute zugewachsene Gelände.
Skulpturen und Gebäude wurden während des 21-jährigen Leerstands Opfer von Vandalismus. Darum will die Berliner Immobilienmanagement GmbH BIM, die es verwaltet, es am liebsten verstecken. Sprecherin Johanna Steinke macht kein Geheimnis daraus, dass sie sich nicht freut, wenn die taz darüber berichtet. Medienberichte hätten in den letzten Jahren immer wieder Besucher angelockt, und das hätte zu mehr Schäden an den Bauten auf dem 140.000 Quadratmeter großen Grundstück geführt.
Doch der Schaden durch Vandalismus ist keinesfalls der gesamte Schaden an den denkmalgeschützten Gebäuden aus zwei verschiedenen Zeitabschnitten: Viel mehr Zerstörung richtet die Natur an. Dicht an der Goebbels-Villa wachsen Bäume, eine Eiche ist seit Jahren mit dem Geländer verwachsen. Von den Stalinbauten bröckelt der Putz, Regen dringt ein und Bäume wachsen in der Dachrinne. Während frisch gemähte Rasenflächen von Grünflächenpflege zeugen, hat seit Jahren niemand etwas gegen die Vegetation an den denkmalgeschützten Gebäuden selbst unternommen.
Hohe Betriebskosten
Eine Viertelmillion Euro gibt Berlin jährlich für Betriebskosten aus, zählt Johanna Steinke von der BIM auf: Hausmeister, Grünflächenpflege und Heizung beispielsweise. Hinzu kamen 2019 für Sicherungsarbeiten 1,4 Millionen Euro. Nicht genug, um die Substanz zu erhalten, kritisiert Irmgard Zündorf vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Der Historikerin, die eine Onlineausstellung zur Geschichte vom Bogensee vorbereitet, blutet das Herz, wenn sie vor Ort ist. „In der Goebbels-Villa wurden nach 1990 in zentralen Räumen die Parkettfußböden herausgerissen und durch Fliesen ersetzt. In der FDJ-Hochschule fanden in den 1990er Jahren Modernisierungsarbeiten statt, die den Charakter überbauten.“ Für die Historikerin steht fest: „Hier muss schnell Geld in die Hand genommen werden, um das historische Erbe zu erhalten.“
Der Besitz 1914 gelangte der Bogensee einschließlich der angrenzenden Waldgebiete im Besitz der Stadt Berlin. 1936 schenkte Berlin den See sowie 496 Hektar Wald an ihren damaligen Gauleiter und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels auf Lebenszeit. Er errichtete dort seinen Landsitz und empfing Prominente aus der Filmbranche wie Zarah Leander. Als Berlin bombardiert wurde, verlegte Goebbels den Wohnsitz seiner Familie und seinen Arbeitssitz an den Bogensee. Bewacht von einer SS-Einheit führte er von dort die Geschäfte des Propagandaministeriums und diktierte seine Leitartikel für die Wochenzeitung Das Reich. Hier schrieb er sein für die Nachwelt gedachtes Tagebuch.
In der DDR Nach einer provisorischen Nutzung als Lazarett nach Kriegsende ließ Erich Honecker dort die Jugendhochschule der FDJ errichten. Zukünftige Jugendfunktionäre sowie Studierende aus aller Welt hörten dort in der Regel ein Jahr lang Marxismus-Leninismus, Soziale Arbeit, Jugendpolitik, Wirtschaft und EDV. Die gigantischen Hochschulgebäude und die Studentenwohnheime für 500 Studenten im stalinistischen Zuckerbäckerstil mitten im Wald entstanden nach Planungen des Architekten Hermann Henselmann, der auch an der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) beteiligt war.
Nach der Wende 1990 fiel das Gelände wieder an das Land Berlin. In den 1990er Jahren nutzte es kurzzeitig die Deutsche Bank, danach bis 1999 der Internationale Bund für Sozialarbeit als Seminargelände. Ein Raum der Goebbels-Villa wurde zeitweise als Kneipe genutzt. Seit der Jahrtausendwende steht es leer. (mai)
Ganz andere Vorstellungen hat der SPD-Finanzpolitiker Sven Heinemann. „Wir müssen mit dem Land Brandenburg sprechen, auch mit dem Denkmalschutz, ob wir die Gebäude nicht abreißen und das Grundstück renaturieren können“, sagt er der taz. 21 Jahre lang hätte sich kein Investor gefunden, und Heinemann sieht auch jetzt keinen Bedarf. Die Ruinen hingegen würden das Land Berlin viel Geld kosten.
Johanna Steinke von der BIM formuliert es weniger drastisch: Die Größe der Gebäude und der Denkmalschutz machen eine Verwertung zu einer Herausforderung, sagt sie. Verkaufsverhandlungen scheiterten immer wieder. 2014 endete ein weltweites Bieterverfahren ohne Ergebnis. Seit 2015 sind Berlins Finanzpolitiker generell davon abgekommen, Immobilien und Liegenschaften im Landesbesitz zu verkaufen, seitdem sind Vermietung, Verpachtung oder Erbbaurecht angesagt. Im Falle des Bogensees sei das besonders geboten, so Steinke. Denn Berlin will verhindern, dass Anhänger des Nationalsozialismus die Goebbels-Villa als Pilgerstätte nutzen.
Keine Akademie, keine Idee
Das letzte ernsthafte Angebot scheiterte vor zwei Monaten: Eine von Bewohnern umliegender Gemeinden gegründete „Akademie Bogensee GmbH“, die hier Bildungseinrichtungen ansiedeln und Gebäude touristisch nutzen wollte, konnte die BIM nicht von der wirtschaftlichen Tragfähigkeit ihres Konzepts überzeugen.
Aber scheitert die Verwertung nicht auch, weil Berlin sich dem zwiespältigen historischen Erbe nicht stellt? Kann man am Bogensee etwas Neues bauen, ohne die Geschichte mit einzubeziehen? 2007 erklärte der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Kulturausschuss, es gebe „kein Bestreben des Landes Berlin, irgendeine Gedenk- und Dokumentationsstätte zu installieren“. Bis heute bietet niemand Führungen am Bogensee an. Die BIM will das nicht, denn das würde Besucher anlocken, die sie nicht haben will.
Dabei platzt Berlin aus allen Nähten. Neue Schulstandorte ist zu finden ist eine Herausforderung. Warum nicht eine Internatsschule vor den Toren der Stadt? Oder ein Standort einer Hochschule? Oder eine Kureinrichtung? Die BIM denkt in eine andere Richtung. Sie sucht derzeit das Gespräch mit der Gemeinde Wandlitz, ob die sich hier Wohnungsbau vorstellen könnte. Doch dazu müsste Brandenburg nicht nur das Planungsrecht ändern, sondern auch Schneisen für Zufahrtsstraßen in den Wald schlagen. Das ist wohl eher unwahrscheinlich.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Müntefering und die K-Frage bei der SPD
Pistorius statt Scholz!
Urteil nach Tötung eines Geflüchteten
Gericht findet mal wieder keine Beweise für Rassismus
Aktienpaket-Vorschlag
Die CDU möchte allen Kindern ETFs zum Geburtstag schenken
Unterwanderung der Bauernproteste
Alles, was rechts ist
Waffen für die Ukraine
Bidens Taktik, Scholz’ Chance
Rentner beleidigt Habeck
Beleidigung hat Grenzen