25 Jahre Weltsozialforum: Der Geist von Porto Alegre
Neben der progressiven Politik steckt auch die postkapitalistische Weltbürgerbewegung in der Krise. Doch es gibt keine Alternative zum Optimismus.
V or 25 Jahren erlebte die globalisierungskritische Bewegung ihre Blütezeit. Unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ wurde Ende Januar 2001 im brasilianischen Porto Alegre das erste Weltsozialforum (WSF) organisiert. Im südbrasilianischen Hochsommer diskutierten Tausende Teilnehmende über kleine und große Alternativen jenseits des Kapitalismus. Der finstere Kontrapunkt folgte ein halbes Jahr später in Genua, wo 300.000 Menschen gegen den G8-Gipfel protestierten. Die italienische Polizei ging mit faschistischen Methoden gegen die Demonstrant:innen vor. Dutzende wurden in Polizeistationen gefoltert, der 23-jährige Carlo Giuliani bezahlte sein Engagement mit dem Leben.
1989, im Jahr des Mauerfalls, prägte der britische Ökonom John Williamson für die Rezepte des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zu Privatisierung oder Handelsliberalisierung das geflügelte Wort vom „Washington-Konsens“. Nach der Implosion der Sowjetunion rief der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama gar das „Ende der Geschichte“ aus. Doch der Widerstand gegen diese schöne neue neoliberale Weltordnung folgte postwendend: Zum Jahresbeginn 1994, als das Nordamerikanische Freihandelsabkommen in Kraft trat, begannen die Zapatistas in Mexiko ihren Aufstand. Subcomandante Marcos erklärte, man strebe eine Welt an, „in die alle Welten hineinpassen.“ Nach den Massenprotesten gegen die Welthandelsorganisation 1999 in Seattle und gegen die Weltbank im Jahr 2000 in Prag wollte man in Porto Alegre die Vernetzung der „Altermondialist:innen“ vorantreiben und medial in die Offensive kommen.
Ausgedacht hatten sich die Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum von Davos der katholische Aktivist Chico Whitaker, der Ex-Unternehmer Oded Grajew und Bernard Cassen von Attac und Le Monde diplomatique. Ihre Wahl fiel auf das von Lula da Silvas Arbeiterpartei PT regierte Porto Alegre, wo ab 1989 der weltweit erste Bürgerhaushalt entwickelt worden war. Stadt- und Landesregierung übernahmen den Löwenanteil der Finanzierung, im Organisationskomitee dominierten brasilianische Landlosensprecher, Mitglieder von NGOs und Gewerkschaften. Vom rechtsliberalen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso wurden sie als „Maschinenstürmer“ verspottet.
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Die meisten der 15.000 Teilnehmer:innen kamen aus Lateinamerika und Europa. Auf dem Campus der katholischen Universität Pontificia Universidade Católica tagten sie in Workshops und folgten hochkarätig besetzten Diskussionen in Hörsälen. Die französische Autorin und Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg Danielle Mitterrand und der Bauernaktivist José Bové aus Frankreich, der chilenische Autor Ariel Dorfman oder der „Deglobalisierer“ Walden Bello von den Philippinen gaben sich die Klinke in die Hand. Im Jugendcamp ging es weniger förmlich zu, und an den Ufern des Guaíba-Flusses trat der Musiker Manu Chao auf, die Autorin Naomi Klein feierte das „Ende vom Ende der Geschichte“. Medialer Höhepunkt war das Live-Streitgespräch zwischen dem philanthropischen Spekulanten George Soros samt zwei UNO-Vertretern sowie fünf Linken aus Porto Alegre. Souverän befürwortete Soros – ähnlich wie Attac – eine Finanztransaktionsteuer zur Finanzierung sozialer Belange. Doch die ist entgegen allen Lippenbekenntnissen bis heute noch nicht eingeführt.
2002, 2003 und 2005 fand das WSF erneut in Südbrasilien statt, 2004 in Mumbai. In jenen Jahren boomten das Forum und das Interesse der Medien an der Multitude von Ökos, Indígenas, Basischrist:innen, NGO-Strippenzieher:innen, Marxist:innen, Anarchisten, Trotzkisten, Feministinnen, Gewerkschaftern, Berufspolitiker:innen, Soziologiedozent:innen, Afroamerikaner:innen, Studierenden und Favela-Aktivist:innen. Linke Staatschefs wie Lula oder Hugo Chávez aus Venezuela kamen ebenso wie engagierte Intellektuelle: Noam Chomsky, Vandana Shiva, Eduardo Galeano, Arundhati Roy.
Wie in einem Brennglas spiegeln sich im WSF die Dilemmata der Linken. Seine Stärke blieb seine horizontale Struktur, das bunte Mit- und Nebeneinander. Dadurch enttäuschte es die Erwartungen all jener, die verbindliche Vorgaben erwarteten. Chávez und andere hätten gerne eine Fünfte Internationale daraus gemacht und damit seinen pluralistischen und basisdemokratischen Anspruch zerstört. Offiziell hatten Regierungen nichts zu sagen, aber in Brasilien blieb der politische und finanziellen Rückhalt durch die Arbeiterpartei unverzichtbar, in Belém 2009 ebenso wie in Salvador da Bahia 2018.
In Lateinamerikas „rosaroter Welle“ kam eine ganze Reihe linker Präsident:innen an die Regierung. Doch die real existierenden sozialdemokratischen oder sozialistischen Regierungen konnten den Raubtierkapitalismus nur sozial und vorübergehend abfedern. Trotz hoher Deviseneinnahmen durch den Rohstoffboom der Nullerjahre blieben Strukturreformen aus, auch deswegen wurden die Progressiven wieder abgewählt. Unter Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro mündete Venezuelas „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ in eine Diktatur. Das indigen inspirierte Buen Vivir (gutes Leben) blieb notwendige Utopie, und mit der rosaroten Welle verlor auch das WSF seine Strahlkraft. Mit Mumbai hatte sich das Forum globalisiert. Autokratenregime kamen als Austragungsort nicht in Betracht, ebenso wenig die USA, wo Visaprobleme für Linke aus aller Welt absehbar waren. Wegen seines internationalistischen Anspruchs wurde es meistens im Globalen Süden ausgerichtet, wo lokale und regionale Gruppen den Ton angaben. Im August tagt es im westafrikanischen Cotonou zum 18. Mal.
Der „Geist von Porto Alegre“ lebt weiter – auf den Straßen von Minneapolis oder Teheran, im Widerstand gegen Kriege, zerstörerische Großprojekte, neoliberale Freihandelsabkommen oder die ultrarechte Gefahr. Seine Kernbotschaft, bei allem Pessimismus der Intelligenz: auf den Optimismus des Willens und der Aktion setzen.
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