Gen-Z-Proteste: „Überall wird zu wenig in Bildung investiert“
„Gen Z regelt“ protestiert bundesweit gegen ein marodes Bildungssystem. Bildungsgewerkschafterin Felicia Kompio erklärt, woran es Schulen und Unis mangelt.
Foto: Malte Steinmüller
taz: Frau Kompio, fast 10.000 Menschen haben sich für den Berliner Jugendprotest von „Gen Z regelt“ angekündigt. Bundesweit sind es fast 160.000. Im Positionspapier der Initiative steht ganz oben die Forderung nach mehr Geld für Bildung. Sind die Probleme so groß an deutschen Schulen und Universitäten?
Felicia Kompio: Ganz klares Ja. Wir hinken Jahrzehnte hinterher, was die finanzielle Ausstattung unserer Bildungslandschaft betrifft. Da passiert viel zu wenig. Doch in der Öffentlichkeit bekommt das Thema nur Aufmerksamkeit, wenn wieder eine Pisa-Studie zeigt, wie schlecht Deutschland international abschneidet. Dahinter stecken tiefe strukturelle Probleme, die angegangen werden müssen.
taz: Was sind das für Probleme?
Kompio: In vielen Bundesländern werden die Gebäude nicht vernünftig instand gehalten. Auch Lehrkräftemangel herrscht fast überall. Und dann sind Schulen viel zu selten mit Sozialarbeiter*innen ausgestattet. An den Universitäten sieht es nicht anders aus. Da sehen wir an verschiedenen Standorten Kürzungsprogramme, marode Gebäude und schlechte Karriereperspektiven in der Nachwuchswissenschaft.
taz: Die Ausgaben für Bildung tragen zum Großteil die Bundesländer und Kommunen. Sind die Probleme in Deutschland trotzdem ähnlich?
Kompio: Nein, denn konkret hängen die Probleme von den öffentlichen Haushalten der Bundesländer und Kommunen ab. Durch den föderalen Aufbau der Bundesrepublik unterscheiden sich darüber hinaus auch die Schulstrukturen. Wenn ich aber mit Kolleg*innen aus anderen Bundesländern spreche, sagt niemand: „Bei uns läuft es gut“. Denn überall in Deutschland wird zu wenig in Bildung investiert.
taz: An welchen Stellen hakt es speziell an den Berliner Schulen?
Kompio: Hier sehen wir ganz akut das Problem des Lehrkräftemangels. Letztes Jahr veröffentlichte die Universität Göttingen eine repräsentative Studie zur Arbeitszeit der Berliner Lehrkräfte. Berliner Lehrerkräfte leisten durschnittlich 121 unbezahlte Überstunden pro Jahr. Damit gleichen sie den Mangel zwar aus, können das aber nicht ewig aushalten.
taz: Ist denn der Mangel an Lehrkräften in den letzten Jahren nicht gesunken?
Kompio: Ja, aber nur, weil die Bildungssenatorin den Bedarf kleingerechnet hat. Die gestiegene Lehrkräfte-Zahl liegt vor allem darin begründet, dass Referendar*innen öfter selbstständig unterrichten müssen. Die sind aber nicht vollständig ausgebildet. Es befinden sich also nicht wesentlich mehr Lehrkräfte im System.
taz: Und wie sieht es mit den Gebäuden aus? Das Land Berlin investiert seit 2016 mehr als eine Milliarde Euro jährlich im Rahmen der „Schulbauoffensive“. Was halten Sie davon?
Kompio: Das bewerten wir auch positiv. Die Initiative hat ja bereits die Vorgängerregierung aufgelegt, und die jetzige hat sie weitergeführt. Es ist auf jeden Fall eine gute Entwicklung, dass der Sanierungsstau bei den Gebäuden endlich abgebaut wird.
taz: Die Schüler*innen auf den Schulblockaden sagen aber, dass sie teilweise in maroden Gebäuden lernen.
Kompio: Auch mir erzählen Lehrkräfte und Schüler*innen von kaputter Infrastruktur. Das Problem ist längst nicht gelöst. Trotzdem bewerten wir die Initiative als positiv, weil, diese Probleme endlich adressiert werden.
taz: Schauen wir auf die Universitäten. In Berlin müssen sie seit letztem Jahr massiv kürzen. Was genau passiert da?
Kompio: Der Senat hat die Hochschulverträge einseitig aufgekündigt und im Grunde den Vertrag gebrochen. Die politische Aussage lautete: Der Hochschulsektor soll um zehn Prozent schrumpfen. Das stellen wir als Zielsetzung infrage, weil die Wissenschaft auch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für Berlin darstellt.
taz: Und wie werden sich die Kürzungen auf das Studieren auswirken?
Kompio: Die Hochschulleitungen haben sehr wenig Zeit, um die Kürzungen umzusetzen. Deshalb müssen sie überall zusammenstreichen, wo sich etwas ergibt, auch an Professuren. Und dadurch werden viele Studiengänge eingeschränkt werden, was das Hochschulniveau verschlechtern wird.
taz: Auf einer Schulblockade in Berlin stand auch eine Person in GEW-Weste. Werden Sie als Gewerkschaft auch auf der Gen-Z-Demonstration in Berlin vertreten sein?
Kompio: Als Gewerkschaft werden wir nicht vertreten sein. Trotzdem solidarisieren wir uns mit der Schülerschaft und den Studierenden und unterstützen explizit ihre Forderungen. Den jungen Menschen steht eine gute Bildung zu. Es ist sehr zu begrüßen, dass sie politisch aktiv werden. Deshalb halte ich die Gewaltdebatte im Vorhinein für hochproblematisch, die diverse Politiker*innen zum zentralen Diskussionspunkt erklären.
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