Geld in Liebesbeziehungen: Es ist kompliziert

Warum tun sich selbst aufgeklärte Männer schwer damit, wenn eine Frau mehr verdient als sie? Eine Annäherung

Schwarz-weiß Bild: Pärchen spaziert auf der Straße

Ein Paar. Was die beiden verdienen, wissen wir nicht Foto: Gustafsson/imago

Eines Abends, als Tobias gerade kocht, geselle ich mich zu ihm. Vorsichtig frage ich: „Tobi, ist es dir eigentlich unangenehm, dass ich mehr verdiene als du?“ Zwei Monate zuvor habe ich diesen Artikel vorgeschlagen. Ich wollte wissen: Warum tun sich auch Männer, die sich als liberal bezeichnen, schwer damit, wenn eine Frau mehr verdient als sie?

Ich dachte dabei an meine Beziehung mit Tobias. Wir sind seit vier Jahren ein Paar, leben seit drei Jahren zusammen und sind eigentlich sehr glücklich miteinander. Wir haben denselben Humor, können uns stundenlang unterhalten, haben das gleiche Bedürfnis nach Nähe und Ruhe und lassen der anderen Person ihren Freiraum. Happily ever after scheint zum Greifen nahe. Doch es gibt ein Streitthema: Geld.

Denn ich verdiene deutlich mehr als er. Der Unterschied zwischen unseren Nettoverdiensten beträgt etwa 1.000 Euro. Ich arbeite Vollzeit als Referentin in einer Bildungsinitia­tive und schreibe gelegentlich journalistische Texte. Tobias ist Informatikstudent und arbeitet in Teilzeit als Softwareentwickler. Geld ist ein explosives Thema für uns: Sei es, dass ich gerne umziehen würde und er sich aus Kostengründen sträubt; sei es bei der Urlaubsplanung, wenn ich keine Lust auf Couchsurfing habe; sei es, dass ich unsere Waschmaschine in einem Geschäft kaufen will statt auf eBay-Kleinanzeigen oder dass ich nachts nach dem Feiern auch gern mit dem Taxi statt mit der U-Bahn nach Hause fahren möchte.

Ich schlage etwas vor, Tobias winkt ab. Ich biete ihm an, ihn einzuladen oder mehr zu bezahlen, er möchte nicht. Ich fühle mich eingeschränkt, er fühlt sich missverstanden – und dann geht der Streit los. Es fühlt sich an wie ein Ungleichgewicht. Und diese Situation wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern. Tobias hat schon früh deutlich gemacht, dass er niemals Vollzeit arbeiten will. Eine Entscheidung, die ich unterstütze, die mich aber auch verunsichert: Werden wir auf ewig weiterstreiten?

So viel Frust und Wut

Letztes Jahr eskalierte der Streit über die Waschmaschine so sehr, dass ich eine Trennung befürchtete. Dabei war einfach nur die Maschine kaputt. Ich bot Tobias an, dass wir uns die Kosten für die teurere Maschine teilen, er weniger zahlt und ich ihn im Falle unserer Trennung auszahle. Er bestand auf dem günstigeren Modell und verwies darauf, dass er Verlust macht: Er zahlt die gleiche Summe, doch dann gehört ihm die Waschmaschine nicht. Ich fühlte mich, als würde er mir Steine in den Weg legen, und rechnete ihm vor, dass bei ihm noch die Kosten für den Transport hinzukämen und unsere Zeit, die wir aufwenden müssten. Irgendwann schaukelte sich die Diskussion zu einem Schreiduell hoch. So viel Frust und Wut. Und das alles wegen einer Waschmaschine.

Es ist nicht außergewöhnlich, wenn sich Paare über Geld streiten. Doch hinter unseren Streiten steckte etwas anderes. Ich bin mit wenig Geld aufgewachsen und musste gerade im Studium manchmal jeden Cent dreimal umdrehen, um mir meine Miete leisten zu können. Damals hat mich Tobias sogar finanziell unterstützt. Auch in den Jahren zuvor waren meine Ex-Freunde alle finanziell bessergestellt als ich. Für mich war das nie ein Problem: Wenn der Partner mehr Geld zur Verfügung hatte, ließ ich mich einladen. Er bezahlte dann eben mehr für den Urlaub oder mehr Miete. Ich selbst beteiligte mich, zahlte nur die Flüge und nicht das Hotel. Alles im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Ich hätte nie verlangt, dass mein Partner alles bezahlt. Aber genauso wenig hätte ich das abgelehnt.

Doch warum will das nicht gelingen, wenn sich die Rollen umkehren? Liegt es daran, dass sich Tobias als Mann nicht von mir als Frau einladen lassen will? Eine Studie der britischen Universität Bath belegt: Wenn eine Frau mehr verdient als ihr Mann, fühlt er sich gestresst. Am wohlsten fühlen sich Männer, wenn eine Frau bis zu 40 Prozent des Familieneinkommens beiträgt. Die Autorin der Studie sieht zwei Gründe für diesen Stress: die Befürchtung einer Machtverschiebung in der Beziehung und das gesellschaftliche Rollenbild.

„2020 ist die gesellschaft­liche Vorstellung von Männlichkeit immer noch untrennbar mit Autonomie, Erwerbsarbeit und der Familienernäherrolle verbunden“, sagt Mona Motakef vom Institut für Sozialwissenschaften der HU Berlin am Telefon. „Zwar sollen und wollen Männer sich auch mehr um den Haushalt oder die Kinder kümmern, aber das bedeutet nicht, dass sie weniger arbeiten sollen. Sie sollen die Haupterwerbs­tätigen bleiben, so sind die gesellschaftlichen Vorstellungen.“ Nur bei etwa 7 Prozent der heterosexuellen Paare in Deutschland erwirtschaftet die Frau mindestens 60 Prozent des Einkommens. Die meisten dieser Beziehungen sind unfreiwillig in diese Situation geraten: Der Mann kann zum Beispiel wegen Arbeitslosigkeit oder Krankheit nicht mehr so viel zum Fami­lien­einkommen beitragen.

Wir müssen reden

Das entspricht nicht der Norm, die uns von Kindesbeinen an vermittelt wird: Der Mann geht arbeiten, die Frau kümmert sich um den Rest. Es fehlen Vorbilder, die zeigen: Es ist auch möglich, dass beide Partner gleich viel arbeiten und verdienen oder dass die Frau für Lohn arbeitet und der Mann die Carearbeit leistet. Erschwerend kommt hinzu, dass Berufe, die als typisch weiblich gelten, oft schlecht bezahlt sind. Aber auch in denselben Berufen verdienen Frauen weniger als Männer. Und mit dem Ehegattensplitting fördert der Staat das Eineinhalb-Verdienermodell. All das trägt dazu bei, dass sich das Bild vom Mann als Versorger nicht abschütteln lässt, weder bei den Männern noch bei Frauen. Frauen würden nach außen sogar verheimlichen, dass sie mehr verdienen, sagt Motakef. „Und wenn sie es nicht verheimlichen, dann versuchen sie, es zu entschuldigen.“

Ich habe mich bisher als emanzipierte und fürsorgliche Freundin gesehen. Aber mir wird bewusst, dass auch ich Probleme mit unserer Situa­tion habe. Ich erwische mich dabei, wie ich im familiären Kreis nicht darüber spreche, dass Tobias „nur“ Student ist. Immer wieder habe ich das Gefühl, von meinem Umfeld, gerade von Frauen, bemitleidet zu werden, weil ich keinen „Versorger“ habe. Wenn Tobias erzählt, dass er nur halbtags arbeitet, ernte ich mitleidige Blicke. Vielleicht lasse ich das unbewusst an Tobias aus? Bin ich frustriert?

Eigentlich sind wir privilegiert: Er arbeitet freiwillig Teilzeit, ist gut ausgebildet und könnte jederzeit eine Vollzeitstelle finden. Ich habe eine unbefristete Stelle. Wir haben keine Kinder, und unsere Fixkosten sind recht niedrig, sodass wir auch Geld zur Seite legen können. Doch auch wir haben gesellschaftliche Erwartungen an Beziehungen verinnerlicht. Das macht uns das Leben schwer. Wir müssen reden.

„Ist es dir unangenehm, dass ich mehr Geld verdiene als du?“

„Nö.“

„Warum fällt es dir dann so schwer, von mir Geld anzunehmen?“

Er denkt nach und rührt in der Pfanne.

„Ich habe nicht viel Geld und will immer so leben, dass ich niemals auf einen Job angewiesen bin.“

„Das verstehe ich, und ich möchte auch nicht, dass du für mich mehr Geld ausgibst als nötig. Deswegen will ich ja mehr zahlen und dich einbinden. Aber manchmal würde ich mir schon wünschen, dass es anders wäre.“

Am 8. März ist internationaler Frauenkampftag. Frauen verdienen noch immer weniger als Männer. Wir berichten über Einkommen, Altersarmut und die Frage, was Feminismus bei Finanzfragen bedeutet – in der taz am wochenende vom 7./8. März. Außerdem: Ein Angstforscher erklärt uns die Corona-Panik. Und: Warum soziale Bewegungen Ikonen brauchen, obwohl es ihnen schadet. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Er schweigt. Dann legt er den Pfannenwender zur Seite, dreht den Herd aus, und zum ersten Mal sprechen wir über unsere Beziehung und das Geld. Er will möglichst autonom leben und hat Schwierigkeiten, sich auf mich zu verlassen. Ich erzähle ihm, wie ich mir doch manchmal wünsche, dass er mehr verdient – nicht mehr als ich, aber mehr. Ich würde mir davon erhoffen, dass er entspannter an die Sache herangehen würde und sich leichter auf mich einlassen könnte. Auf seine Frage, ob ich damit klarkäme, wenn er nie mehr verdienen würde, muss ich nachdenken. Dann kann ich mich endlich bewusst entscheiden: Ja.

Ich habe diesen Text mit der Frage begonnen: Was ist Tobias’ Problem? Jetzt weiß ich: Es ist nicht sein Problem, es ist unseres. Wir beide müssen patriarchale Konstrukte in unserem Denken und Handeln erkennen und ihnen gegensteuern. Nur so können wir eine wirklich egalitäre Beziehung führen – egal, wer mehr verdient.

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