piwik no script img

Geflüchtete in CeutaUringestank, Menschen als Handelsware und Verzweiflung

In Ceuta entlädt sich die Wut auf Spanien. Etliche gestrandete Geflüchtete leben dort von Brot, Bananen und Wasser. Und wissen nicht, wie es weitergeht.

Christian Jakob

Aus Ceuta

Christian Jakob

Elegant gekleidet sind die Wutbürger, ihre Sprache ist es nicht. Eine Hosenanzug-Lady läuft aus der Kundgebung heraus, dem Konvoi von Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska entgegen. „Hijo de Puta“, „Hurensohn“, brüllt sie an die Scheibe, als der Wagen an ihr vorbeifährt. Dann legt die ganze Menge los, Flüche, Beleidigungen, Pfiffe, minutenlang, noch als Grande-Marlaska, beschirmt von der Guardia Civil, längst im Innern des Gebäudes der Regierungsvertretung in Ceuta verschwunden ist.

Drinnen erzählt Grande-Marlaska den Journalist:innen, wie viele Millionen die EU nun zahlen soll, um Spanien bei der Bewältigung der Lage in der Exklave zu helfen, wie viele „Bearbeitungsstraßen“ für das Screening der Migranten, für die Bearbeitung möglicher Asylanträge entstehen sollen. Und dass das Gefühl der Unsicherheit der Menschen in Ceuta „subjektiv“ sei, weil die Kriminalität in der spanischen Exklave seit Jahren abnehme.

Doch die Stimmung ist explosiv, als Grande-Marlaska am Dienstag, dem 41. Tag nach dem großen Grenzdurchbruch, Ceuta besucht. 72.000 Menschen sollen Ende Juli gekommen sein, nach offiziellen Angaben sind noch über 5.000 davon in der Stadt. Hilfsorganisationen schätzen die Zahl auf mindestens 10.000, das erscheint realistisch. Die meisten sind junge Marokkaner.

Überall in Ceuta stehen die Guardia Civil und Militär, sie halten die Mi­gran­t:in­nen von der Innenstadt fern, sind vor den Supermärkten postiert. Die demonstrierenden Einheimischen wollen, dass die Regierung per „Eilantrag in 24 Stunden“ das Migrationsrecht so ändert, dass sie die Mi­gran­t:in­nen sofort, ohne Prüfung, abschieben kann. Die Regierung will indes, wie rechtlich vorgesehen, zuerst mögliche Schutzansprüche prüfen. Doch das wird dauern.

Die Lage ist sehr „kompliziert“

Viele der Mi­gran­t:in­nen hausen entlang des sogenannten Trampolinstrandes westlich der Innenstadt. Tausende Menschen haben sich auf einem schmalen Streifen zwischen Wasser und Straße notdürftig eingerichtet. Vor einem grünen Igluzelt nahe dem Bürgersteig liegt Karim, Mitte dreißig, aus Algerien. Neben ihm spielt eine Gruppe von Männern Karten, andere beobachten die Soldaten, die mit großen Knüppeln in der Hand die Straße entlanglaufen.

„Sehr kompliziert“ sei es alles, „sehr kompliziert“, sagt er und richtet sich auf. In Algerien habe er einen Tabakladen gehabt, aber auch „große Probleme“, es gebe in Afrika „keine Sicherheit“. Über Tanger wollte er nach Spanien, als er Ende Juli auf Facebook las, dass die Grenze nun offen sei. Er sei ein guter Schwimmer, aber die Schreie der Kinder, die an jenem Tag mit der Menge ins Wasser gegangen waren und nicht schwimmen konnten, die höre er jetzt noch immer. „,Helft mir, helft mir’, aber wir konnten nichts tun“, sagt Karim. „Wir haben es alle gesehen, wie sie ertrunken sind.“ Es habe weit mehr als die 82 offiziell angegebenen Toten gegeben, glaubt er.

Die meisten Menschen seien bald nach Marokko zurückgegangen. Gewalt von den spanischen Soldaten haben es keine gegeben. „Wegen Hunger“, sagt Karim. Den hat er jetzt auch. Seit 41 Tagen ist er nun an dem Strand, es gebe nichts außer den Plastiktüten mit Brot, Bananen und Wasser, die das Rote Kreuz jeden Abend verteilt. Drei bis vier Stunden müsse er dafür anstehen. Seine Joggerhandyhülle hat er um den Oberarm geschnallt, aber sie ist leer. Einheimische sammeln am Strand Handys ein und laden sie. Ein zur Hälfte geladener Akku kostet 1 Euro, ein voller 2 Euro. Wer in den Supermarkt wolle, müsse den Soldaten vor der Tür ein Visum zeigen, wer keines habe, werde nicht hereingelassen. „Apartheid wie in Südafrika“, sagt Karim.

Die Polizei würde sie „mal in Ruhe lassen, mal angreifen, wie es ihnen passt“, sagt er. Viele der Männer hier seien mittlerweile krank. „Es ist eine Katastrophe.“ Für Minderjährige und Familien hat die Regierung in einem völlig heruntergekommenen Industriegebiet im Schatten der Grenzzäune ein Aufnahmelager eingerichtet. Dort sieht es kaum besser aus als am Strand. An den Straßen dort haben Menschen mit Decken, alten Möbeln und Planen Unterstände errichtet. Die Sonne heizt den Beton auf, heiße Schwaden von Uringestank steigen auf. Einige der Mi­gran­t:in­nen haben mit Kisten kleine Stände aufgebaut, manche verkaufen Kekse.

Die Gerüchte kochen hoch, immer wieder gibt es Gewalt

Am Mittag besucht Grande-Marlaska das provisorische Lager im Innern zweier Hallen, das rund 400 Plätze bietet. Hier wird er nicht mit Flüchen, sondern mit Applaus begrüßt. Die Menschen hoffen, dass die Regierung sie aufs Festland bringt. Das spanische Fernsehen schneidet die Bilder vom Beifall der Mi­gran­t:in­nen später direkt mit jenen des Wutausbruchs der demonstrierenden Einheimischen zusammen. Immer wieder gibt es in Ceuta Gewalt. Die Gerüchte kochen hoch. Am Dienstag begann das Schuljahr und es hieß, die Mi­gran­t:in­nen drängten in Schulen ein, belegten Sporthallen, es gebe Vergewaltigungen, die Kinder könnten nicht zur Schule gehen. Die Regierung wies dies zurück.

Mi­gran­t:in­nen erzählen von Angriffen durch Soldaten und durch die – oft marokkanisch-stämmige – lokale Polizei. Einige schildern, wie ihnen Handys abgenommen und zerstört wurden. Andere berichten, dass immer wieder Motorradfahrer absichtlich mit hoher Geschwindigkeit durch die Menschenmenge am Strand fahren. Der Bürgermeister Juan Jesús Vivas, seit 2001 im Amt, spricht in offiziellen Statements von der „dunkelsten Stunde in der Geschichte der Stadt“ und einer „Invasion“. Das ist mittlerweile die offizielle Sprachregelung in der Stadt. Die Situation wird dabei mit der Existenz der Exklave als spanisches Gebiet verknüpft.

Überall in der Stadt tragen Menschen schwarze T-Shirts mit der Aufschrift „Una caballa no se rinde“, frei übersetzt soll das heißen, dass ein Ceutí nie aufgibt. In vielen Lokalen hat das gesamte Personal diese Shirts an. Auch an den Häusern hängen Transparente, dass Ceuta „nicht verkauft“ werde. Es wird unterstellt, Marokko schicke die Migranten, um die Lage so weit zu chaotisieren, dass Spanien sich zurückzieht. Die Rechtsextremen befeuern diese Befürchtung mit voller Kraft. Überall hängen Plakate, in denen Ceuta gedankt wird, weil es „das spanische Volk vereint“ habe – im Kampf gegen die Migrant:innen, den Islam, den linken Regierungschef Pedro Sánchez und die expansiven marokkanischen Gelüste zur Übernahme der beiden Exklaven Ceuta und Melilla.

Ein Visum für die Reichen, den Armen bleibt nur der Strand

In den kommenden Tagen soll das Zeltlager auf einer Brache am Hafen hinter dem Mercedes-Autohaus fertig sein. Dorthin sollen die Menschen für die Dauer der Asylprüfung umgesiedelt werden. Nach Angaben der Regierung in Madrid soll so „in wenigen Wochen“ alles geregelt sein. Die Stadtregierung ist strikt gegen das Lager. Auf das Festland bringen will die Regierung die Menschen aber auf keinen Fall. Dabei ist sie laut dem neuen EU-Asylpakt Geas dazu verpflichtet das Screening an einem „geeigneten und angemessenen Ort“ durchzuführen – den sie aber bisher einzurichten nicht für nötig gehalten hat.

Der Algerier Karim berichtet am Strand, er sei dreimal zum lokalen Polizeikommissariat gegangen, um sich für einen Asylantrag zu registrieren, dreimal habe man ihn weggeschickt. „Sie wollen uns nicht registrieren, wir sind zu viele. Sie sagen, ich solle mir einen Anwalt nehmen.“ Wenn er ein Visum bekäme, würde er gern in Spanien leben und als Fahrer dort arbeiten, sagt er. Aber das Visum sei „für die Reichen, die einen Anwalt bezahlen können. Für die Armen ist das hier“, sagt er und nickt Richtung Strand. Dass die Regierung die Menschen nun in das Zeltlager bringen wolle, gefällt ihm. „Da kann es nur besser sein als hier.“

Ein Geschäft, das seien die Menschen hier, sagt Karim. Marokko habe auf jeden Fall die Grenze geöffnet, um Druck auf Spanien zu machen, glaubt er. „Die Soldaten haben uns nicht gehindert, die haben uns geholfen.“ Die Tür sei mit Absicht aufgemacht worden. „Wir sind eine Handelsware zwischen den Staaten, Marokko erpresst Spanien mit uns.“ Und die Europäer gaben sie auf. Doch er werde nicht zurückgehen. „Ich kann nicht“, sagt er. „Ich brauche nur einen Anwalt.“

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare