Geflüchtete in Ägypten

Vom Mittelmeer an die Ufer des Nils

Wohin mit Geflüchteten, die im Mittelmeer gerettet werden? Ein Besuch bei Menschen in Kairo, die am Rand der Gesellschaft leben.

Frauen und Kinder in Lager für Geflüchtete in Libyen

Alleinerziehende Mütter auf der Flucht haben es besonders schwer Foto: dpa

KAIRO taz | In Europa ist Ägyptens Präsident ein gern gesehener Gast, zuletzt beim Wiener Afrikagipfel im Dezember. Seit Jahren vermarktet Abdel Fattah al-Sisi sein Land erfolgreich als Partner der Europäer im Antiterrorkampf und der Migrationspolitik. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach ihm Anerkennung aus, weil es „de facto keine Migration von Ägypten nach Europa gibt, obwohl dort viele Flüchtlinge leben“.

Auch der österreichische Kanzler Sebastian Kurz erklärte während der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft, dass man mit Ägypten über „eine vertiefte Zusammenarbeit verhandelt, um die illegale Migration einzudämmen“. Seit Ende 2016 fahren auf Druck der EU kaum mehr Flüchtlingsboote von der ägyptischen Küste los, weil diese stärker kontrolliert wird.

Zwar scheint die Diskussion über „Ausschiffungsplattformen“ in Nordafrika vom Tisch, auf die sich die EU-Regierungschefs in einer dramatischen Gipfelnacht in Brüssel im Juni geeinigt hatten. In diese Einrichtungen sollten die auf dem Meer Geretteten gebracht werden. Nun ist hinter den Kulissen die Rede davon, dass die ägyptische Küstenwache auch die benachbarten libyschen Gewässer kontrollieren könnte. Doch die Frage bleibt: Wohin mit den aufgebrachten Flüchtlingen? Zurück nach Libyen, von wo sie gekommen sind? Die verheerenden Verhältnisse in dem Bürgerkriegsland sprechen dagegen. Die Alternative wäre Ägypten.

Im Land am Nil beginnt das Chaos derweil bereits bei den Zahlen. Wie viele Flüchtlinge schon jetzt in Ägypten leben, weiß niemand genau. 240.000 sind bei der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR registriert, vor allem Syrer, Iraker, Sudanesen, Eritreer, Äthiopier und Somalier. Hilfsorganisationen schätzen, dass mindestens 1 Million Flüchtlinge im Land leben. Und die Regierung spricht von 5 Millionen.

30 Dollar im Monat für vier Kinder

Flüchtlingslager gibt es in Ägypten keine. Die meisten Flüchtlinge leben in den Armenvierteln Kairos. Die UNO ist für ihre Registrierung und Versorgung zuständig. Doch beim UNHCR in Ägypten herrscht Geldmangel. Weniger als 60 Prozent des geforderten Budgets seien im vergangenen Jahr gedeckt gewesen, sagt die UNHCR-Sprecherin Christine Beshay in Kairo. „Wir würden gerne alle Flüchtlinge, die in Not sind, unterstützen, aber wir müssen auswählen und Prioritäten setzen.“

Was das bedeutet, weiß die österreichische Sozialarbeiterin Pamela Groder von der Hilfsorganisation Stars in Kairo: „Eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern bekommt keine Unterst­ützung. Die Hilfe fängt normalerweise erst an, wenn sie vier Kinder hat.“ Dann bekommen die Mütter 30 Dollar im Monat. Viele Mütter seien gezwungen, arbeiten zu gehen, sagt Groder. „Oft sperren sie ihre kleinen Kinder währenddessen zu Hause ein.“

Christine Beshay, UNHCR

„Wir würden alle Flüchtlinge unterstützen, aber wir müssen auswählen“

Zu den Alleinerziehenden gehört die Sudanesin Umm Hussain Harun. Ein Kind hat sie auf dem Arm, ein anderes an der Hand, das dritte läuft allein. So laviert sie sich und ihre Kinder Tag für Tag eine gute Stunde durch den dichten Kairoer Verkehr hin zu einem von der sudanesischen Gemeinschaft selbst organisierten Kindergarten im Armenviertel Ain Schams.

Sexualisierte Gewalt im Alltag

Hier geben einige Sudanesinnen ihre Kinder ab, bevor sie meist als Hausmädchen arbeiten gehen. „Meine Kinder sind psychisch angeschlagen, weil ich sie früher immer eingesperrt habe“, erinnert sich Umm Hussain Harun an die Zeit vor dem Kindergarten. „Besonders einer wollte mich nie gehen lassen. ‚Warum sperrst du uns ein?‘, hat er geschrien.“ Wenn die Mütter ihre Kinder nachmittags abholen, setzten sich viele kurz hin, um zu verschnaufen, erzählt Shazlia al-Naim Muhammad, die Leiterin des Kindergartens. „Immer wieder kommt es vor, dass eine anfängt zu weinen, weil sie sexuell belästigt oder um ihren Tageslohn betrogen wurde.“

Sexualisierte Gewalt gehört für viele zur Tagesordnung. „Alleinerziehende Mütter haben es besonders schwer“, berichtet eine Eritreerin aus einem Armenviertel in Süd-Kairo. Ein Autorikscha-Fahrer habe ihre Freundin einmal zur Arbeit gefahren, ihr auf dem Rückweg aufgelauert und sie vergewaltigt. „Als sie erfuhr, dass sie schwanger war, trank sie Chlorreiniger, um sich umzubringen.“ Dann macht die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, eine Pause. Tränen laufen über ihr Gesicht. „Zuvor war meine Freundin noch bei mir, um sich zu verabschieden.“ Und auch sie selbst sei vergewaltigt worden. Nun habe sie Angst, dass das Gleiche ihrer 13-jährigen Tochter zustößt.

Durch den Geldmangel beim UNHCR ist auch die medizinische Versorgung der Flüchtlinge eingeschränkt. Eine Grundleistung sei gewährleistet, sagt Groder. Was darüber hinausgehe, könne aber nicht finanziert werden, mit Ausnahme von lebensrettenden Operationen. Immer wieder komme es vor, dass ein Mensch nicht medizinisch versorgt werde, bis seine Organe versagen. Weil dann eine lebensrettende OP notwendig werde, zahle das UNHCR schließlich doch.

Keine angemessene medizinische Versorgung

Langwierige und teure medizinische Behandlungen seien aber ausgeschlossen. „Wenn eine Person unter Krebs leidet“, erklärt Groder, „wird im Glücksfall noch die erste Sitzung der Chemotherapie bezahlt. Danach muss sie schauen, wie sie selbst bezahlt, was in vielen Fällen einem Todesurteil gleichkommt.“

Mit der Sudanesin Muhasen, die nur ihren Vornamen veröffentlicht sehen will, bekommen diese Fälle ein Gesicht. Mit drei Kindern und ihrer Mutter lebt sie in einer bescheidenen Wohnung in Kairo. Muhasen hat Lungenkrebs, doch das UNHCR finanziert ihre Behandlung nicht. „Mein Traum ist, an einem Ort zu leben, an dem ich eine angemessene Behandlung bekomme“, sagt sie. Dass Muhasen sich diesen Wunsch erfüllt und einen Schlepper bezahlt, um sich auf den Weg nach Europa zu machen, darüber muss man sich in Europa aber keine Sorgen machen. „Manchmal fehlt mir sogar das Geld für die Fahrt zum Arzt.“

Während immer klarer wird, dass die Europäer in Libyen – von zwielichtigen Milizen und einer einflusslosen Regierung abgesehen – keinen Ansprechpartner haben, soll nun Ägypten der europäische Musterschüler in Sachen Flüchtlinge in Nordafrika werden. „Ägypten ist ein Land mit wenigen Ressourcen“, sagt Sozialarbeiterin Groder. „Nun soll es nicht nur die Flüchtlinge aus all den umliegenden Krisengebieten aufnehmen, sondern auch noch Flüchtlinge vom Mittelmeer. Das, sagt Groder, könne auf Dauer nicht gut gehen.

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