Gefechte um Berg-Karabach: „In Richtung Front“
Tausende Armenier*innen wollen sich an Kämpfen um die Kaukasusregion beteiligen. Die Stadt Jerewan zwischen Blutspenden und verzweifelten Feiern.
„Wir ziehen in den Krieg, passt bitte auf euch auf!“ Mit solchen Worten geben viele in Armenien in diesen Tagen auf Facebook bekannt, dass sie an die Front fahren. Auch Araxe Manucharyan bekommt diese Nachricht von ihrem Cousin und von Freunden. „Mit ihnen lässt sich nicht mehr diskutieren“, sagt sie. „Sie sind weg, und wer weiß, ob ich sie wiedersehe.“
Es ist fast Mitternacht in der Stadt Sewan, etwa 60 Kilometer von der armenischen Hauptstadt Jerewan entfernt. Manucharyan schläft nicht. Die 28-Jährige schläft seit Tagen sowieso kaum, erzählt sie bei einem Videoanruf der taz. Sie kann die Tränen nicht zurückhalten, als sie sagt: „Wenn die Zeit kommt, werde ich mich auch auf den Weg in Richtung Front machen.“ Sie sagt aber auch: „Für den Frieden.“
Seit vier Tagen toben heftige Kämpfe um die Region Berg-Karabach, die auf aserbaidschanischem Staatsgebiet liegt, aber mehrheitlich von Armenier*innen bewohnt und kontrolliert wird. Auf beiden Seiten gibt es zahlreiche Tote und Verletzte und beide Länder mobilisieren weiterhin einsatzfähige Bewohner, während der UN-Sicherheitsrat am Dienstagabend noch die Rückkehr zu Verhandlungen gefordert hatte. In Armenien wird weiterhin ein Foto hundertfach in den sozialen Medien geteilt: Darauf zu sehen sind Großvater, Vater und Sohn, die gemeinsam in den Kampf ziehen.
Ein Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region hatte Anfang der 1990er Jahre 25.000 bis 50.000 Tote gefordert, über 1,1 Millionen Menschen wurden vertrieben. Seitdem schwelt der Konflikt. Manucharyan wurde 1992 während des Krieges geboren. Sie war ein Baby, als ihre Mutter mit ihren Kindern in den Bunker flüchtete und sie dort in Sicherheit brachte. Manucharyans älterer Bruder starb vor einigen Jahren bei Gefechten in Berg-Karabach. „Wir sind müde vom Krieg“, sagt sie.
Schlangen vor den Krankenhäusern
Ihr Leben in Armenien hat sie sich eigentlich anders vorgestellt. Vor einigen Monaten schloss sie in den USA ihr Studium an der Harvard-Universität ab und kehrte in die Heimat zurück. An einer Hochschule in Jerewan lehrt sie Wirtschaftswissenschaft.
Ihre Studierenden kommen in den letzten Tagen oft zu spät zum Unterricht. Sie spenden Blut, sagen sie. Stundenlang stehen sie dafür Schlange, wie auch Videos in den sozialen Medien zeigen. Auch vor den Krankenhäusern in Jerewan versammeln sich Menschen: Sie wollen wissen, wie es den verletzten Soldaten und Zivilisten geht. Unaufhörlich tönen die Sirenen der Krankenwagen und Rotoren der Hubschrauber, erzählen sie. An zentralen Plätzen der Hauptstadt sammeln Aktivist*innen unterdessen Kleidung, Geld und Zigaretten, um sie an die Front zu schicken.
Auch im Süden des Nachbarlands Georgien, wo viele Armenier*innen wohnen, melden sich Freiwillige. Tausende sollen sich in der Nacht zu Dienstag an der Grenze versammelt haben – die Georgien aber geschlossen hatte. Auch Güter wie Lebensmittel, Medikamente und alte Autoreifen für die Schützengräben ließen die georgischen Behörden nicht passieren. Mittlerweile haben sie grünes Licht gegeben.
In Berg-Karabach selbst stehen bereits einige Ortschaften verlassen da, Frauen und Kinder verstecken sich in Bunkern oder sind nach Armenien geflohen. Dort haben einige Hotels Zimmer zur Verfügung gestellt, und über Facebook melden sich Nutzer*innen, die ein Zimmer frei haben. Auch Manucharyans Familie beherbergt eine Frau mit ihren zwei Kindern, von denen eines an Asthma leidet. Der Aufenthalt in einem stickigen Bunker hätte die Krankheit verschlimmert.
Hat Manucharyan Angst? „Nein.“ Vielmehr sei sie wütend. „Ich bedaure, dass ein Physiklehrer wegen der Kämpfe seine Dorfschule zurücklässt“, sagt sie, „und dass einer der besten Saxofonisten in unserem Land sein Instrument nicht mehr spielt.“
„Es gibt eine Tradition bei uns“, erzählt Manucharyan weiter. „Bevor der Sohn zur Armee geht, feiert die Familie ein großes Fest.“ Am Tag zuvor war sie bei einem Nachbarn. „Wir haben viel getanzt und geweint“, berichtet sie. „Vielleicht, weil sie nicht mehr zurückkommen?“
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