Neuer Roman von Henning Ahrens: Schuld und Milchdunst

In „Mitgift“ erzählt Henning Ahrens die Geschichte seiner bäuerlichen Familie, die einen Nazihintergrund hat. Im Zentrum: ein Vater-Sohn-Konflikt.

Ein Bauernhof und Nebel

Ein Entkommen gibt es nur im Schreiben und in den Krieg: Bauernhof im Nebel Foto: Norbert J. Sülzner/chromorange/imago

Es ist ein gut eingeführtes Verfahren, Familiengeschichten aus der Perspektive eines Rückblicks zu erzählen. Sie hat viele Vorteile. Jemand, der sich schon distanziert hatte, kehrt zurück in die alte Heimat – und das emotionale Drama aus Distanz und (verfehlter) Nähe ist gleich voll da.

Die bedrängenden Bilder sind gleich da, die Schuldgefühle und Schuldzuweisungen, und zwar egal, ob man den Rückblick auf eine Versöhnung zulaufen lässt, wie Didier Eribon es in seiner „Rückkehr nach Reims“ letztlich tut, oder ob man im Unversöhnlichen bleibt wie Bov Bjerg in seinem Roman „Serpentinen“.

Henning Ahrens erzählt in seinem neuen Roman auch von Familie als einem engen Kosmos, der einen nicht loslässt, aber er macht das ganz anders. Das Nachwort von „Mitgift“ informiert, dass das Buch tatsächlich von der eigenen – allerdings umbenannten und zu Romanfiguren transponierten – Familie des Autors handelt.

Das Rückkehrmotiv hält Ahrens aber ganz raus, zumindest auf den ersten Blick (zum zweiten gleich). In jeweils in sich abgeschlossenen, für die Familiengeschichte bedeutsamen Szenen schreibt er eine Chronik seiner Familie, die über viele Genera­tio­nen – das Buch geht zurück bis ins Jahr 1755 – einen Bauernhof im Niedersächsischen bei Peine bewirtschaftete.

Henning Ahrens: „Mitgift“. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 346 Seiten, 22 Euro

Totenfrau des Dorfes

So liest man also etwas darüber, wie zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Amerikaner kamen und die Familie erst mal hektisch einige Waffen sowie Nazidevotionalien in der Jauchegrube versenken musste. Über das Tun des Vaters im Krieg als Agrarfachmann in der Ukrai­ne, seine Kriegsgefangenschaft, schließlich seine Rückkehr gibt es Szenen. Historisch ausholend werden die Vorfahren beschrieben, hart arbeitende, pietistisch orientierte Bauern und Bäuerinnen.

In den 1860er Jahren vererbte einer den Hof der christlichen Mission, die „den Afrikanern den christlichen Glauben“ beibrachte. Die nächsten drei Generationen müssen den Hof zurückkaufen und die Schulden dafür abbezahlen.

Eingewoben ist eine zweite Erzählebene, die 1962 spielt. In dieser Zeit begeht Wilhelm Leeb junior (der Name Wilhelm wird in dieser Familie immer weitervererbt) Suizid. Erzählt wird dieser Strang aus der Perspektive der Totenfrau des Dorfes, die den Leichnam herrichten soll und zusammen mit anderen älteren Frauen eine Art kommentierenden Chor abgibt.

Die Handlung läuft also auf ein Verhängnis zu, doch die historischen Szenen behalten ein Eigenrecht. Henning Ahrens hat viel in der eigenen Familiengeschichte recherchiert und breitet sie mit dem Willen zur Sachlichkeit aus.

Wundern über den Autor

Man kann dieses Erzählen als traditionell, fast schon als vormodern bezeichnen. Wer die viel literarischeren, teilweise wilden und sich vom Realismus wegdrückenden bisherigen Romane dieses Autors kennt, mag sich auch wundern; er schreibt hier ganz anders. Doch das distanzierte, beinahe brechtisch nichtidentifikatorische Lesen, das sich einstellt, gewinnt einen eigenen Reiz. Henning Ahrens macht Vorschläge, wie man so eine Familiengeschichte erzählen könnte – und man nimmt beim Lesen viel mit.

Respekt flößt der Umgang mit dem Nazihintergrund der Familie ein. „Die Juden sind alle verschwunden; Leeb weiß sehr wohl, was mit ihnen passiert ist.“ Solche Sätze stehen unmissverständlich da. Leeb ist hier Wilhelm Leeb senior, der Vater, der die Ukraine zur Kornkammer des Deutschen Reichs umbauen soll und will. Mit Schlussstrichen, Versöhnungen oder auch nur Relativierungen hat dieser Roman nichts zu tun.

Mit über den konkreten Kontext dieser Familie hinausgehenden „Aufarbeitungen“ der Vergangenheit allerdings auch nicht. Neben der derzeit „explodierenden“ (so der Merkur ) Debatte über historisches Gedenken nimmt sich dieser Roman geradezu bescheiden aus.

Postarische Familie

Er weiß um seine Grenzen, was gut ist. Und wenn man hinzunimmt, was für Tabus und Verbrämungen in „postarischen“ (Per Leo) deutschen Familie bis in die Gegenwart herrschen, ist man dankbar für die Unerschrockenheit, mit der Henning Ahrens das Denken seines Großvaters beschreibt (sie wird psychisch komplex errungen worden sein). Dieser Opa war eben doch ein Nazi.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Die historisch weiter ausgreifenden Szenen liest man ein bisschen so, als blättere man in einem Familienalbum. Interessant sind die Realien. Man erfährt, wie wenig selbstverständlich Traktoren und fließendes Wasser noch bis weit in die Bundesrepublik hinein waren und wie hart, patriarchalisch, Gefühlen gegenüber indolent und dem Hof alles unterordnend das Leben war.

Für die Frauen gab es gar kein Draußen. Und für die Männer höchstens zwei Wege, der Enge zu entkommen: schreibend – das Motiv des zugleich immer auch beargwöhnten („hast du nichts Besseres zu tun?“) Schreibens als Möglichkeit, die Realität auf Zeit hinter sich zu lassen, taucht immer mal wieder auf – oder, zweite Möglichkeit, in einen Krieg ziehend, was schließlich zur Fa­mi­lien­ka­ta­stro­phe führt, weil Wilhelm junior erst viel zu früh den Hof übernehmen muss und dann, als der Vater zurückkehrt, wieder rüde degradiert wird. Seine Mutter sagt: „Ab jetzt ist er wieder der Herr im Haus. So ist das nun mal. So gehört es sich.“

Zerschellt am Vater

Eher vorsichtig passt Henning Ahrens in den historischen Szenen die Erzählsprache der erzählten Zeit an. In einer Szene am Ende des 19. Jahrhunderts wird Sex so benannt: Sie „gaben sich einander hin“. In den Szenen über die 1950er Jahre tauchen Begriffe wie „Penne“ für Schule auf.

Zentral bei alledem wird schließlich der Vater-Sohn-Konflikt. Der Vater, Wilhelm Leeb senior, riecht in der Kriegsgefangenschaft über Hunderte Kilometer hinweg den heimischen Hof, den „säuerlichen Milchdunst“, den „würzig-beißenden Schweinemief“, den „Duft von Roggen und Weizen“, die „mürbe Süße“ der Körner. Dem Sohn dagegen, Wilhelm Leeb junior, wird in der gleich darauffolgenden Szene im Stall schlecht, als eine Sau, wie das manchmal geschieht, eins ihrer Ferkel erdrückt. Eine Nebenfigur findet es dann später „erbarmungswürdig mit anzusehen, wie der Sohn am Vater zerschellte“.

Spätestens bei solchen Szenen fühlt man sich zu einem zweiten Blick auf die Perspektive des Autors animiert. Im Nachwort steht, dass es einen Suizid tatsächlich gegeben habe, allerdings in Wirklichkeit erst 1989. Im Roman datiert Ahrens dies Ereignis auf das Jahr 1962 zurück. Er selbst wurde 1964 geboren. Das heißt, von dem ­Suizid des Vaters konnte Henning Ahrens nur erzählen, indem er von der eigenen Existenz gänzlich absah.

Schwankender Boden

Zugleich ist in dieser erzählerischen Bewegung aber noch der schwankende Boden spürbar, auf dem man als Erzähler der eigenen Familiengeschichte gegenübersteht. Außerdem wird so der ganze Roman zu einem – Denkmal ist zu viel gesagt, aber doch zu einem Erinnerungsstück an den eigenen Vater, der eben in Wirklichkeit 1962 noch nicht an wiederum seinem Vater zerschellte, sodass Henning Ahrens in der Realität geboren werden konnte. „Für meinen Vater Heinrich Ahrens (1931–1989)“, so lautet denn auch die Widmung des Romans.

Auch wenn man nicht voll auf der Seite des Buches ist, ist man doch voll auf der Seite des Autors. Und das muss das Buch auch erst einmal schaffen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de