Gedenken an jüdische Komponisten: Gebührendes Gehör

In Hamburg und Dresden haben sich neue Orchester gebildet. Sie bringen Werke von jüdischen Komponisten, die unter den Nazis verdrängt wurden, in die Gegenwart.

M.Hurshell

Michael Hurshell, Dirigent der Neuen jüdischen Kammerphilharmonie in Dresden Foto: Steffen Giersch

Es ist beschämend. Während das Jewish Chamber Orchestra Hamburg kürzlich sein erstes Konzert 2021 spielt, haben sich Israel und die Hamas gegenseitig beschossen. Neben dem Theater mussten Streifenwagen der Polizei die Aufführung beschützen. Bevor das Kammerorchester an jenem Abend zu musizieren beginnt, gibt Geiger Emanuel Meshvinski wie immer eine Einführung in das dritte Streichquartett von Viktor Ullmann, entstanden 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Ein Jahr später wurde Ullmann zusammen mit seiner Familie und anderen jüdischen Komponisten in Auschwitz vergast.

Pjotr Meshvinski ist der Vater von Emanuel und Initiator des Jewish Chamber Orchestra Hamburg. Er hat es 2018 „wiederbelebt“: Ein jüdisches Kammerorchester gab es in Hamburg nämlich schon einmal. 1934 hatte der Geiger, Dirigent und Komponist Edvard Moritz gemeinsam mit jüdischen Mu­si­ke­r:in­nen das Orchester als Notgemeinschaft gegründet. Nach der Machtergreifung Hitlers entzog das NS-Regime ab 1933 jüdischen Mu­si­ke­r:in­nen zunehmend die Auftrittsmöglichkeiten. Sie mussten staatliche und private Orchester verlassen – und schlossen sich zusammen.

Daher gründeten sie eine Selbsthilfeorganisation, den Kulturbund deutscher Juden. Hier konnten Jüdinnen und Juden gemeinsam Kultur gestalten und erleben – notgedrungen. Sonst durften sie nicht in Erscheinung treten, weder als Künst­le­r:in­nen noch als Publikum. Theater, Oper, Konzerte mit klassischer wie populärer Musik – alles wurde ausgegliedert. Die Nazis schufen ein jüdisches kulturelles Getto. Ab 1935 gezwungenermaßen unter dem Namen Jüdischer Kulturbund, weil sie das Wort „deutsch“ als unpassend empfanden.

Nachdem der Kulturbund zunächst nur in Berlin zugelassen war, entstanden bald in vielen anderen Städten Pendants. 1935 gab es über 36 lokale Kulturbünde mit etwa 70.000 Mitgliedern.

Pjotr Meshvinski

„Es lastet enorm auf der Seele, diese Musik zu spielen. Ich heule fast jedes Mal“

Die programmatischen Inhalte der Kammerorchester beschränkten sich nicht auf ihr Jüdischsein. Den Großteil der Programmhefte füllten die Namen der gängigen klassischen Komponisten. Im Fall des Jüdischen Kammerorchesters Hamburg waren das Händel, Corelli, Mozart oder Tschaikowsky. Natürlich wurden auch Werke jüdischer Komponisten gespielt – aus eigenem Antrieb, da ihre Werke sonst nirgendwo erlaubt waren, aber auch als ausdrückliche Vorgabe der Nazis.

1941 wurden die Jüdischen Kulturbünde liquidiert

Und: Das Jüdische Kammerorchester Hamburg spielte auch Zeitgenossen wie den Franzosen Florent Schmitt, Antisemit und glühender Anhänger des Nationalsozialismus. Im August 1935 belegte die Reichsmusikkammer jüdische Künst­le­r:in­nen mit einem Berufsverbot. Edvard Moritz musste das Jüdische Kammerorchester in Hamburg nach nur vier Konzerten auflösen. Die Jüdischen Kulturbünde wurden 1941 liquidiert.

Das heutige Jewish Chamber Orchestra Hamburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, an die verfemten Komponisten zu mahnen. Mindestens eins ihrer Werke steht auf jedem Programm. „Es lastet enorm auf der Seele, diese Musik zu spielen“, bekennt Pjotr Meshvinski. „Das kann man nicht ruhig machen und auch nicht täglich. Ich heule fast jedes Mal, wenn ich das spiele. Aber diese Musik muss unbedingt erklingen.“ In der Reihe „Musikalische Stolpersteine“ hat das jüdische Kammerorchester 2020 Werke verfolgter Komponisten mit klassischen Stücken verbunden. Das jüngste Konzert in den Hamburger Kammerspielen baute darauf auf.

Es war der Auftakt einer zwölfteiligen Reihe, die an die Opfer des Nationalsozialismus und das musikalische Erbe jüdischer Komponisten erinnert. Zu Werken von Ullmann, Brahms und Schostakowitsch werden Texte zur jüdischen Kultur gelesen. Lea Rosh, Initia­torin des Holocaustmahnmals in Berlin, hält außerdem eine Rede über alten und neuen Antisemitismus in Deutschland.

Der Boden dieser Gedenkveranstaltung ist geschichtsträchtig: 1937 erwarb die Jüdische Gemeinschaftshaus GmbH die heutigen Hamburger Kammerspiele, eine herrschaftliche Villa im klassizistischen Stil. Es entstand ein Theater mit etwa 450 Plätzen und einer Bühne – sie war von einem Silberrahmen umspannt und mündete in einen gemauerten Kuppelhorizont. Mit einem kompletten Schnürboden, einer fahrbaren Brücke und einer Beleuchtungsanlage war die Technik mit dem Wesentlichen ausgestattet.

Ein Jahr später spielte das Ensemble des Jüdischen Kulturbunds Hamburg hier ein Konzert. Das Gebäude wurde zum Treffpunkt der jüdischen Gemeinde oder dem, was von ihr noch übrig war. Nach der Liquidierung des Jüdischen Kulturbunds 1941 verwandelte die Gestapo das Haus schließlich in eine Proviant- und Versorgungsstelle für Deportationen. Im Juli 1942 wurde es zur Sammelstelle für einen der Hamburger Transporte nach Auschwitz.

Es geht um das Erinnern der Geschichte

Jüdische Kammerorchester gab es nicht nur innerhalb der Kulturbünde, sondern auch da, wo es am Unwirklichsten erscheint: im KZ Theresienstadt. Dort waren mit Viktor Ullmann, Pavel Haas, Hans Krása und Gideon Klein namhafte Komponisten inhaftiert. Sie komponierten nicht nur Kammermusik, Lieder und sogar Opern, sondern führten einige dieser Werke auch auf. So entstanden auch einige Kompositionen speziell für das dortige Kammerorchester, das in einer Streicherbesetzung spielte.

Pjotr Meshvinski ist es wichtig, dass sein Orchester die Musik dieser Komponisten spielt. Es geht ihm um die Geschichte, das Erinnern, das Niemalsvergessen. Genau wie das einstige Orchester mischt das aktuelle klassische Werke mit der Musik jüdischer Komponisten. Beim Jewish Chamber Orchestra Hamburg spielt allerdings der Background der Mu­si­ke­r:in­nen keine Rolle. Meshvinski erlaubt sich einen seiner trockenen Witze: „Wir sind eine Synagoge – zu uns kann jeder kommen. Vorausgesetzt, es sind gute Musiker.“

Exil in Hollywood

Diesen Ansatz vertritt auch die Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden. Gegründet hat sie 2007 der Dirigent Michael Hurshell. Seine Biografie liest sich wie ein Weltenbummlerroman: Geboren in Wien, zur Schule gegangen in München und Köln, studiert in New York, Seattle und wieder Wien. Obwohl der Sohn zweier Opern­sän­ge­r:in­nen die meiste Zeit seines Lebens in den USA gelebt hat, verrät sein wienerischer Akzent seine Geburtsstadt.

Der Gedanke zur Gründung der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie kam ihm nach einem Konzert: Auf dem Programm waren große Hollywood-Komponisten gewesen – Hurshell stellte fest, dass alle jüdische Geflüchtete waren. Aber was ihn bestürzte, war, dass in Deutschland zwar alle „Vom Winde verweht“ kannten, aber niemand Max Steiner, Franz Waxman, Erich Zeisl und Miklós Rózsa. In den USA sei das ein bisschen anders, erzählt Hurshell, wobei – wirklich kennen würde man da auch nur Korngold.

Ausschließlich jüdische Komponisten bilden in den Konzerten der Kammerphilharmonie das Programm. Es sind teilweise dieselben Namen wie bei dem Jewish Chamber Orchestra Hamburg, aber nicht nur. Auch nach dem Nationalsozialismus hatten jüdische Komponisten es schwer: „Nach 1945 hat sich niemand um diese Komponisten bemüht. Dabei hat man das in anderen Gebieten gemacht, man hat Leute nach Deutschland eingeladen, sodass sie zurückkommen konnten“, bedauert Hurshell.

Desillusionierung im Nachkriegseuropa

Viele Betroffene hätten das allerdings gewollt, trotz der grausamen Erfahrungen. Waxman stammte aus Dresden, Korngold aus Wien. 1949 fuhren beide gemeinsam nach Europa, man wollte ihre Werke in Paris aufführen. Auf halber Strecke kam ein Telegramm. Keine Karten verkauft, Konzert abgesagt.

Trotzdem blieben sie in Europa. Nach etwa einem Jahr kehrten beide desillusioniert nach Los Angeles zurück. „Die Komponisten wurden zuerst verfolgt und danach wurden ihnen wieder die Türen zugeschlagen. Deswegen ist diese Musik aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.“ Einige wenige erinnern sich aber doch. Nach manchen Konzerten kamen Holocaustüberlebende zu Hurshell. „Sie hatten Tränen in den Augen und sagten, dass sie sich an diese Musik aus ihrer Kindheit erinnern. Das werde ich nie vergessen.“

Seit ihrem Konzertdebüt 2007 hat die Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden mehr als hundert Auftritte absolviert. Die Neue Synagoge in Dresden ist die ansässige Bühne. Michael Hurshell ist dort sowieso oft – seit Februar dieses Jahres ist er Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Als er das Orchester gründen wollte, hat er sich in den jüdischen Gemeinden Dresden, Leipzig und Chemnitz erkundigt, ob es professionelle Or­ches­ter­mu­si­ke­r:in­nen gebe. „Es gab fast keine.“ Die Religion der Mitglieder spiele in der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie jedoch keine Rolle. „Natürlich wäre es interessant, mehr Jüdinnen und Juden dabei zu haben.“

Anders als das Jewish Chamber Orchestra Hamburg sieht sich die Kammerphilharmonie in Dresden in keiner Tradition zu den Kulturbünden aus der Nazizeit. Für die Zukunft wünschen sich beide Orchester das Gleiche: Zuerst Frieden, und dann der Musik verfemter Komponisten das ihr gebührende Gehör verschaffen.

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