Gedankengänge gegenseitig anschubsen: „Wir dürfen in andere Leben eintauchen“
Alexander Posch und Sarah Knausenberger fragen sich bei einer Lesung in Hamburg, wie die Welt wird, und setzen dabei auf ihre Unterschiedlichkeit.
taz: Herr Posch: Es gibt von Ihnen eine Kurzgeschichte, da bringt ihr Ich-Erzähler abends den Müll raus, trifft an den Mülltonnen den belarussischen Dikator Alexander Lukaschenko und den russischen Präsidenten Wladimir Putin und lädt sie zum Abendessen ein.
Posch: Ich weiß nicht, ob ich die Geschichte heute noch mal schreiben würde. Die ist recht gemein, ist ziemlich fies, oder?
taz: Das ist sie unbedingt, aber sie ist auch sehr komisch.
Posch: Als Kunstform finde ich es immer prima, wenn man auf Risiko geht, wenn man etwas wagt. So, wie ich mich mit allen Menschen auseinandersetzen möchte, um sie vielleicht am Ende wenigstens zu verstehen. Und in Geschichten, die daraus entstehen, ist vieles möglich. Wobei ich tatsächlich gerne Leute einlade.
57, schreibt Bücher und macht Literaturveranstaltungen in Hamburg. 1999 erschien sein erstes Buch („Schlucker 2000“), 2014 sein zweites („Sie nennen es Nichtstun“). 2024 erschien der Erzählband „Tage zählen“. Posch arbeitet am Projekt „Schulhausroman“ mit und lebt in Hamburg-Rahlstedt.
taz: Wen so?
Posch: Ich hatte bei mir zu Hause schon seltsame Zeitungsdrücker sitzen, die also an der Haustür Zeitungs-Abos verkaufen wollten, was dann leider unangenehm wurde. Oder hier saßen mal die Zeugen Jehovas. Das ist ein bisschen der soziologische Teil beim Schreiben: dass man in verschiedene Welten hineinschauen darf. Was ich daher an der Kunst mag, ist, dass man in Graubereiche eintauchen kann, dass man von dem nicht Eindeutigen erzählen kann, und die Stimmung, die dann entsteht, gefällt mir ausgesprochen gut und das schon ziemlich lange.
taz: Ihre erste Lesung in diesem Jahr machen Sie gemeinsam mit der Autorin Sarah Knausenberger. Warum?
Alexander Posch: Sarah und ich hatten lange mit „Brot und Geschichten“ eine Lesebühne und sind sehr unterschiedlich, was ich bis heute spannend finde: Ich war immer in Hamburg, Sarah hat lange in Südafrika gelebt, auch in den USA. Ich habe drei Kinder, sie hat vier, und sie hat einen christlich-freikirchlichen Hintergrund, ich bin atheistisch-ungläubig. Nun hat sie mich gefragt, ob ich bei ihr mitlese, und mich interessiert ihre Sicht auf die Welt. Absichtlich wollten wir uns vorher nicht zu viel unterhalten oder gar absprechen. Wir wollen auf der Bühne zeigen, wie sich unsere Gedankengänge gegenseitig anschubsen.
taz: Der Abend steht unter der Frage: „Wie wird die Welt?“ Und: Wie wird sie?
Posch: Wir haben als Schreibende das große Privileg, dass wir viele Fragen stellen dürfen. Wir dürfen in andere Leben eintauchen, dürfen sie erkunden und sie mit unseren eigenen Leben abgleichen. Und dabei ist man zunächst Einzelkämpfer – und zugleich suchen wir immer den Austausch: So bin ich noch Teil der Zinnober-Lesebühne, Sarah ist Mitglied im Forum Hamburger Autoren.
„Wie wird die Welt?“ – Sarah Knausenberger & Alexander Posch. Brakula, Bramfelder Chaussee 265, Hamburg. 9. Januar, 19 Uhr. Eintritt 8,-/5,- Euro.
taz: Es soll auch an dem Abend um Digitalisierung gehen. Haben Sie mit KI zu tun?
Posch: Ich gebe immer wieder für Schüler Schreibunterricht und dachte neulich, dass ich mal mit KI arbeiten muss, um zu sehen, was dabei herauskommt. Also habe ich einen Text von mir durch das Programm laufen lassen und da fand ich einen Relativsatz ganz gut, der mir angeboten wurde, aber sonst finde ich meine Hirn-Schlingungen weit interessanter. Wobei ich selbst ja weniger ein Schreiber bin, sondern hauptsächlich bin ich ein Leser und lese seit Jahrzehnten Literatur von randständigen Autoren, lese Texte, die kaum jemand kennt, die meist in Auflagen von höchstens 300 bis 500 Exemplaren erschienen sind, so wie bei meinen Büchern – und dafür dürfte sich die KI kaum interessieren.
taz: Das neue Jahr ist noch frisch. Gibt es Pläne?
Posch: Ich bastele an einem nächsten Kurzgeschichtenband. Obwohl im vergangenen Jahr mein Vater gestorben ist, ich nun Stück für Stück mein Elternhaus auflösen muss und überhaupt sich vieles abschließt, was Kraft kostet, habe ich in den letzten Monaten erstaunlich viel geschrieben: gut 15 Geschichten, von denen ich bestimmt zehn sehr mag. Mal schauen, was mein Verlag dazu sagt, und wenn er daraus ein Buch macht – wunderbar.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert