Fußballfans über Geisterspiele der Bundesliga: „Die Bühne fehlt“

Eine Task Force hat die Zukunft des Profifußballs diskutiert. Zwei Fans berichten von unerwarteten Gemeinsamkeiten und der Bedeutung der Kurve.

Maskottchen Paule steht einsam Fahne schwenkend auf der leeren Tribüne des Heidenheimer Stadions

Und keiner sieht's: Maskottchen Paukle ist zieimlich einsam im Stadion des FC Heidenheim Foto: HMB-Media/imago-images

taz: Frau Hass, Herr Gaber, vergangenes Jahr, hieß es, Geisterspiele könnten die Position der Fans stärken. Ihre Reformforderungen erhielten großen Zuspruch. Ein Jahr später schauen Millionen Menschen zufrieden Geisterfußball, und Ihre Forderungen sind in Gesprächen ziemlich abgewatscht worden. Verlieren Sie gerade an Einfluss?

Manuel Gaber: Anfangs hat man noch sehr deutlich gespürt, dass die Fans im Stadion fehlen. Mittlerweile wird das immer normaler. Als Fans merken wir sehr stark, dass uns das Stadion als Bühne fehlt. Wir können noch so gute Konzeptpapiere und Argumente haben, aber uns fehlt das Stadion, um Druck aufzubauen.

Anna-Maria Hass: Ein symptomatisches Bild ist, finde ich, wie die Ränge immer mehr zu Werbeflächen verkommen sind. Ende letzter Saison war wirklich noch sichtbar, dass da Fans fehlen.

Das klingt nach Ernüchterung.

Jahrgang 1988, Fan und Mitglied des FC St. Pauli, ist in der Fan-Initiative “Zukunft Profifußball“ aktiv.

Anna-Maria Hass: Ich würde es nicht mit dem Wort Ernüchterung beschreiben. Aber es gab eine große Chance für Vereine und Verbände, etwas zu verändern, und alles, was bisher passiert ist, sind Lippenbekenntnisse. Keine der agierenden Personen stellt das System infrage. Ich höre immer mehr Menschen, die sich fragen, ob sie zurückkehren werden, wenn das wieder möglich ist. Der Fußball erkennt diese Gefahr überhaupt nicht.

Jahrgang 1993, ist Fan des SC Freiburg und war bei Initiativen wie „50+1 bleibt!“ und „Unser Fußball“ aktiv. Auch er ist bei “Zukunft Profifußball“ aktiv.

War die DFL-Taskforce „Zukunft Profifußball“, an der Sie beide teilgenommen haben, eine Alibiveranstaltung?

Anna-Maria Hass: Die TeilnehmerInnen haben das nicht so verstanden. Der allergrößte Teil hatte den Anspruch, etwas zu verändern. Wir fanden sehr positiv, dass es einen guten Austausch gab. Die intransparente Art und Weise, wie der Endbericht zustande gekommen ist, hinterlässt bei uns aber einen faden Beigeschmack, und wir sind mit dem Ergebnis nicht zufrieden.

Manuel Gaber: Wir Fans konnten große Schnittmengen mit Sponsoren feststellen, und in der Taskforce gab es einen Konsens bei vielen Themen. Zum Beispiel bei der Frage: Braucht der Fußball mehr Geld? Nein, braucht er nicht, es geht um die Verteilung. Jetzt liegt es in der Hand der DFL-Vereine, grundlegende Reformen voranzubringen, damit die Taskforce nicht als Alibiveranstaltung in Erinnerung bleibt.

Gab es wirklich Sponsoren oder Klubvertreter, die Umverteilung wollten?

Manuel Gaber: Bei den Zielen, zum Beispiel, dass die Spannung in der Liga wiederhergestellt werden muss, herrschte insgesamt großer Konsens.

Aber gerade die Frage nach Maßnahmen ist doch der zentrale Streitpunkt.

Anna-Maria Hass: Beim „wie“ gab es natürlich kontroverse Meinungen. Wir haben aber auch Zuspruch für weitere Maßnahmen wahrgenommen, die dann nicht im Endbericht erwähnt werden. Wir kritisieren vor allem, dass für uns nicht nachvollziehbar ist, warum welche Maßnahmen im Endbericht gelandet sind oder auch nicht. Mit Blick auf die Verteilung ist ein grundsätzliches Problem im Fußball, dass viele Teams sich besser einschätzen, als das der Tabellenplatz aktuell hergibt. Wer sich als europäisch spielendes Team sieht, obwohl er davon gerade ziemlich weit weg ist, denkt, dass andere Vereine bei Umverteilung einem diesen Platz streitig machen könnten. Es fehlen Leute,die auf das Gesamtkonstrukt schauen.

Manuel Gaber: Auch deshalb finde ich es cool, dass das bei uns Fans anders funktioniert. Fans kriegen es eher hin, das große Ganze zu sehen – auch Bayern- und BVB-Fans, die sich aktuell beispielsweise für eine Umverteilung der Uefa-Gelder aussprechen.

Herr Gaber, Sie sind beim SC Freiburg aktiv, Frau Hass, Sie beim FC St. Pauli. Es ist vielleicht kein Zufall, dass es gerade diese beiden Vereine sind. Gibt es nicht doch Differenzen? Oder anders: Gibt es RB-Fans, die mitmachen?

Anna-Maria Hass: Fans von RB sind kein Teil unseres Netzwerks „Zukunft Profifußball“. Bei den anderen großen Vereinen gibt es aber mehr kritische Stimmen, als man sich ausmalen mag. Es ist keine Bewegung der kleinen Klubs.

In Umfragen, bei denen Fans zu Umverteilung befragt werden, sind FC-Bayern-Fans deutlich weniger geneigt umzuverteilen als DarmstädterInnen.

Anna-Maria Hass: Die Umfragen, die ich kenne, sind da gar nicht so eindeutig. Es kommt immer darauf an, wie man fragt. Häufig heißt es, dem eigenen Klub solle etwas weggenommen werden. Das ist dann alles, was hängenbleibt, und dazu sagt man erst mal Nein.

Sie wollen Umverteilung, die Taskforce empfahl systemerhaltende Maßnahmen und etwas mehr Nachhaltigkeit. Wie machen Sie jetzt weiter?

Anna-Maria Hass: Natürlich müssen die positiven Ergebnisse der Taskforce zum Beispiel im Bereich Nachhaltigkeit jetzt umgesetzt werden. Diesen Prozess möchten wir begleiten, aber das reicht uns nicht. Am Ende entscheiden in der DFL die 36 Vereine, entsprechend suchen wir auch weiterhin das Gespräch mit Vereinen und Mitgliedern, um grundlegendere Reformen auf den Weg zu bringen.

Bekommen Sie dabei auch Kritik aus der Fanszene – etwa dass Sie sich vor den Karren der DFL spannen lassen, dass sie naiv sind?

Manuel Gaber: Es gibt natürlich gerade im Ultrà-Bereich viele Gruppen, die sagen: Es ist komplett hoffnungslos. Mit denen müsst ihr nicht reden. Die Stellungnahme von ProFans ging auch in die Richtung, dass die Taskforce nur ein Laberladen sei. Wichtig ist, dass man sich als Fans nicht in einem Kampf nach dem richtigen Weg verliert. Ich habe volles Verständnis für Menschen, die sagen: Dieser Dialog mit den Verbänden war in der Vergangenheit nie erfolgreich, warum soll er jetzt erfolgreich sein? Ich habe aber für mich entschieden, dass die Krise und die Zusammensetzung der Taskforce, dieses neue Format, eine unfassbare Chance war. Ich fand wichtig, dass wir dort für unsere Positionen gekämpft haben, auch wenn ich vom Ergebnis enttäuscht bin.

Und wenn Sie weiter von Ergebnissen enttäuscht bleiben? Wird es Leute geben, die anders protestieren wollen?

Anna-Maria Hass: Wir können als Fanlandschaft sehr davon profitieren, dass es verschiedene Wege und Protestformen gibt. Sobald wir wieder ins Stadion können, werden wir unsere Enttäuschung über die ausbleibenden Reformen auch dort zum Ausdruck bringen.

Manuel Gaber: Es gibt Leute, die sehen radikale Protestaktionen in den Stadien als einzige Möglichkeit, weil sie von den Gesprächen in der Vergangenheit enttäuscht sind. Und es gibt Leute, die versuchen – noch – das Ganze in diplomatischen Gesprächen zu verbessern. Aber auch ich freue mich, wenn die Verantwortlichen wieder den Druck aus der Kurve spüren.

Die DFL möchte jetzt auch Frauenfußball fördern. Sie beide sind in erster Linie Männerfußball-Fans. Brauchen Ihre Gruppen mehr Synergien und Kompetenz beim Thema?

Manuel Gaber: Wir waren erst einmal überrascht, weil es eine Taskforce für Männerfußball war. Es gab kaum Leute mit Frauenfußball-Expertise darin. Wir sind auch deshalb bewusst in den Austausch mit Spie­lerinnen, TrainerInnen und Fans gegangen und haben nach deren Positionen gefragt und uns dann bemüht, diese Positionen zu ­vertreten. Weil es wichtig ist, dass nicht vom Männerfußball über den Frauenfußball gesprochen wird, sondern dass man den Frauenfußball darin unterstützt, seine Ziele zu erreichen.

Anna-Maria Hass: Wir haben sehr deutlich gesagt: Nicht über den Kopf von Aktiven hinweg. Das ist auch in den Endbericht gekommen. Es geht darum, Besonderheiten des Frauenfußballs zu behalten.

Ist es angedacht, dass Sie im Dialog mit den Fußballerinnen bleiben?

Manuel Gaber: Vor Ort gibt es bereits immer mehr Austausch. Wie in Dortmund, wo darüber abgestimmt wurde, ob das Frauenteam in der untersten Liga anfängt oder die Lizenz eines höherklassigen Klubs übernimmt. Für kleine Vereine wie den SC Sand gibt es eine reelle Gefahr, dass sie von Männergroßklubs verdrängt werden. Da müssen wir ein Auge drauf haben.

Sie haben anfangs gesagt, Ihnen fehle die Bühne in den Stadien, auch der soziale Ort. Was bedeutet das langfristig für Fankultur?

Anna-Maria Hass: Bei St. Pauli haben die Gruppen ihre Treffen ins Digitale verlegt. Das klappt bisher zumindest einigermaßen. Ein Problem wird aber sein, Nachwuchs zu rekrutieren. Es fehlt eine komplette Saison. Gerade die Ultrà-Kultur lebt auch davon, dass junge Leute mit neuen Ideen dazukommen und sich auch mal die Hörner abstoßen.

Manuel Gaber: Leute merken seit Monaten, dass man an Wochenenden auch andere Sachen machen kann. Wenn es keine großen Reformen gibt, bleiben die Aktiven nicht von einem Tag auf den anderen weg. Aber es kann bedeuten, dass ich mir dreimal überlege, ob ich nächsten Samstag wirklich um fünf Uhr aufstehen will, um von Freiburg nach Paderborn zu fahren. Dann gehe ich vielleicht jedes zweite Wochenende im Schwarzwald wandern.

Wenn ich Sie richtig verstehe, werden Sie das ja nicht tun. Was lieben Sie trotz allem so an Fußball, dass Sie bleiben?

Anna-Maria Hass: Bei mir ist es der FC St. Pauli als Verein und das, was die Menschen hier ausmacht. Auch wenn bei uns nicht immer alles rund läuft, weiß ich, dass es hier ganz viele Leute gibt, die sich für Verbesserungen einsetzen. Es ist das soziale Erlebnis, das ich stark vermisse, und das ich so nur aus dem Stadion kenne. Davon habe ich mich noch nicht verabschiedet. Ich stelle mir diese Frage immer wieder: Was muss der Fußball eigentlich machen, damit ich sage, dass es vorbei ist?

Manuel Gaber: Für mich ist die Emotionalität beim Spieltag wichtig, die völlig losgelöst vom Alltag ist. Die Woche kann scheiße gewesen sein, aber wenn ein Tor fällt, liegt man wildfremden Menschen in den Armen. Gerade in der Gesellschaft heute ist das Stadion ein Ort, an dem man immer noch mit unglaublich vielen Menschen zusammenkommt, mit denen man nie zusammengekommen wäre. Ich bin sehr froh über diese Berührungspunkte, weil man sonst sehr isoliert in seiner Bubble lebt.

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