Fridays for Future: Gegen die leeren Versprechen

Ak­ti­vis­t*in­nen rufen auf der ganzen Welt zum Klimastreik auf. Der Austausch mit dem Globalen Süden hat die Bewegung in Deutschland verändert.

Demonstrierende sitzen mit Absatnd auf einer Straße und halten Schilder in die Höhe

Globaler Klimastreik im September 2020, hier in Neu-Delhi vor dem indischen Umwelt­ministerium Foto: Mayank Makhija/NurPhoto/picture alliance

BERLIN taz | Mit Massendemonstrationen, die nicht wie Massendemonstrationen daherkommen dürfen, hat Fridays for Future (FFF) inzwischen Erfahrung. Am Freitag können die Ak­ti­vis­t*in­nen sie erneut unter Beweis stellen: Weltweit haben sie für diesen Tag zum Protest aufgerufen. Es soll der dritte globale Streik werden, der unter den Bedingungen der Coronapandemie stattfindet, und der siebte insgesamt.

Dass der Streiktag ausgerechnet in eine so brenzlige Phase der Pandemie fallen würde – eine dritte Welle mit sich verbreitenden Mutationen –, sei nicht absehbar gewesen, als die Ak­ti­vis­t*in­nen sich im Dezember für den Termin entschieden, sagt FFF-Sprecherin Carla Reemtsma. Allerdings war die Lage in Deutschland auch im Dezember alles andere als entspannt, der Sieben-Tage-Mittelwert der gemeldeten Neuinfektionen bewegte sich kurz vor Weihnachten bei 25.000.

Warum sie dennoch an dem Termin festhalten, begründen die Ak­ti­vis­t*in­nen außer mit der Dringlichkeit der Klimakrise auch mit ihrer globalen Vernetzung. Vor allem den Gruppen aus dem Globalen Süden sei es ein Anliegen gewesen, zeitnah wieder koordiniert auf die Straße zu gehen. Da die „Mapa“ (kurz für „Most affected people and areas“, auf Deutsch: am stärksten betroffene Menschen und Regionen) im weltweiten Netzwerk aufgrund mangelnder Privilegien schwächer vertreten seien, sei es ein gemeinsames Anliegen, ihnen Sichtbarkeit zu verschaffen, sagt Reemtsma. „Ihr Kampf muss an vorderster Stelle stehen.“

Das Motto des Streiktags lautet dieses Mal „No more empty promises“, also „Keine leeren Versprechen mehr“. Das Ziel, die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad zu begrenzen, oder Maßnahmenpakete wie der Recovery- und Transformationsfonds auf EU-Ebene verkämen immer mehr zu hohlen Phrasen, kritisiert Fridays for Future. Im Rahmen der Corona-Konjunkturhilfen flössen hohe finanzielle Summen in fossile Energieträger und andere klimaschädliche Wirtschaftsbereiche.

Nur 2,5 Prozent der Wirtschaftshilfen in grüne Erholung investiert

Das bestätigt auch eine Studie der britischen Universität Oxford und des UN-Umweltpogramms Unep, die vergangene Woche veröffentlicht wurde: Von den insgesamt etwa 14,6 Billionen Dollar an Wirtschaftshilfen in der Coronakrise investierten die 50 wirtschaftlich stärksten Länder der Welt 2020 nur etwa 2,5 Prozent in eine grüne Erholung.

Derweil, so argumentiert FFF, rissen die Schreckensnachrichten über das Klima nicht ab, sie würden lediglich von denen überlagert, die die Pandemie betreffen. Das stimmt – so war etwa das vergangene Jahr das wärmste jemals gemessene in Europa und die Treibhausgas-Emissionen lagen im Dezember 2020 trotz Pandemie deutlich über denen vom Dezember 2019. „Wir dürfen nicht zulassen, dass das Thema hinter der Pandemie verschwindet“, sagt Reemtsma. Mit den richtigen Hygienekonzepten und kreativen Aktionsformen sei es selbstverständlich möglich, zu protestieren und gleichzeitig Abstände einzuhalten.

So wollen die Ak­ti­vis­t*in­nen wie schon beim letzten globalen Streik am 25. September versuchen, auch ohne Großdemonstrationen beeindruckende Bilder für Medien und Öffentlichkeit zu erzeugen. Ob der Tag ein Erfolg werde, könne man nicht an der Anzahl der Personen festmachen, die auf die Straße gingen, sagt Reemtsma. In über 200 deutschen Städten seien Fahrraddemos, Baumpflanzungen und andere Aktionen geplant. Es sei schon ein Erfolg, in solchen Zeiten überhaupt einen weltweit abgestimmten Aktionstag zu starten.

Derweil drückt das Motto, das die Ak­ti­vis­t*in­nen dieses Mal gewählt haben, auch eine Entwicklung in der Bewegung aus. In ihren Anfangszeiten 2019 hatten sie oft betont, wütend zu sein, weil die ältere Generation ihnen die Zukunft klaue. Oder sie sagten, dass es keinen Sinn mache, zur Schule zu gehen, wenn es ohnehin keine Zukunft gebe. Jetzt dreht sich ihr Diskurs stärker um die Gegenwart.

Der Austausch mit Ak­ti­vis­t*in­nen im Globalen Süden, deren Lebensräume schon längst akut von der Klimakrise beeinträchtigt werden, dürfte das Bewusstsein dafür gestärkt haben, dass der Klimawandel keine Zukunftsfrage mehr ist. Außerdem spricht aus dem Slogan die Frustration, von Po­li­ti­ke­r*in­nen gern zu PR-Terminen eingeladen zu werden, aber nie handfeste Zugeständnisse zu bekommen.

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