Freizeitparks in Corona-Krise: Die Leichtigkeit ist dahin

Freizeitparks wollen ihre Kunden aus dem Alltag entführen – in der Coronakrise ein schwieriges Unterfangen, wie ein Besuch im Phantasialand zeigt.

Achterbahn von unten gesehen

Erst Achterbahn, dann Hände desinfizieren: Phantasialand Foto: Oliver Berg/dpa

BRÜHL taz | Eigentlich wirkt alles wie immer. Die Märchenmusik. Der Duft frischer Pommes. Das Kreischen der Achterbahn-Fahrgäste, die in ihre Sitze gepresst werden – in diesem Fall mit flatternder Schutzmaske. Ein Tag im Freizeitpark, das ist immer auch eine Flucht vor der Realität, ein Ausflug in eine Welt aus Adrenalin, Zuckerwatte und heiser gekreischten Stimmbändern. Doch ist solche Sorglosigkeit auch während einer Pandemie möglich?

Ortsbesuch in Brühl bei Köln. Wie die meisten deutschen Freizeitparks hat das „Phantasialand“ inzwischen wieder geöffnet. „Fröhlich und sicher“ sei das Erlebnis, versichern die Betreiber in einer Pressemitteilung, die zur Wiedereröffnung am 29. Mai veröffentlicht wurde. Die Begriffe „Corona“ oder „Covid-19“ tauchen in dem Dokument nicht auf; stattdessen ist von „gezielten Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit“ die Rede: begrenzte Besucherzahl, Mindestabstände, Maskenpflicht in bestimmten Bereichen.

Es ist Montagvormittag, 10.40 Uhr. Obwohl der Park seit 40 Minuten geöffnet hat, hält sich der Andrang in Grenzen. Die meisten Autos scheinen aus der näheren Umgebung zu kommen, einige wenige Nummernschilder aus Belgien und den Niederlanden sind ebenfalls zu sehen. Die meisten Besucherinnen und Besucher brauchen ein paar Minuten, bis sie alles zusammengepackt haben: Rucksack, Trinkflasche, Sonnencreme – und natürlich eine Maske. Oder besser gleich zwei. Wenn der Mund-Nase-Schutz nass wird, verliert er seine Wirkung. Wer dann keinen Ersatz dabei hat, muss im Park einen neuen kaufen.

Warteschlangen an den Verkaufshäuschen gibt es nicht, weil Eintrittskarten derzeit nur online verkauft werden. Ticket scannen, Hände desinfizieren, los geht’s! Was sofort auffällt: Der Park ist leerer als sonst. Im chinesischen Themenbereich wischt ein Mitarbeiter den Staub von den Lampions, auf dem Herren-WC erzählt die Putzfrau, sie könne endlich mal gründlich die Fliesen abwaschen – ist ja kaum jemand da.

Leichtes Unbehagen bleibt

Je näher man den Attraktionen kommt, desto voller wird es. Die meisten tragen ihre Maske in der Hand oder ziehen sie unters Kinn, was laut Hygiene-Konzept auch okay ist. Verpflichtend ist die Maske nur in den Warteschlangen, während der Fahrt sowie in einigen anderen Bereichen, etwa Ein- und Ausgängen, Toiletten und geschlossenen Räumen. Leichtes Unbehagen bleibt trotzdem. Hoffentlich ist der Typ, der auf der Fußgängerbrücke so herzlich lacht, kein Superspreader!

Die erste Bewährungsprobe kommt bei „Taron“. So heißt eine der beliebtesten Achterbahnen im Phantasialand. Nur 35 Minuten beträgt die Wartezeit, wie eine Anzeigetafel verrät. „Beim letzten Mal standen wir hier anderthalb Stunden“, erzählt eine Besucherin, die mit ihren Freunden unterwegs ist.

„Liebe Gäste, Sie sind mit Abstand unsere besten Gäste“, schallt es aus dem Lautsprecher. Gemeint ist der Mindestabstand von 1,5 Metern, den die Wartenden einhalten sollen. Ein frommer Wunsch, denn trotz der Durchsagen und zahlreicher Bodenmarkierungen stehen manche dicht gedrängt. Gehören sie zu einer Gruppe? Oder haben sie den Sicherheitsabstand einfach vergessen? Für Außenstehende lässt sich das kaum nachvollziehen.

Dafür wird die Maskenpflicht sehr ernst genommen. Nur ganz vereinzelt nehmen einige ihre Maske ab: zum Trinken, zum Telefonieren, oder um kurz an der E-Zigarette zu ziehen. So diszipliniert es zugeht, so offensichtlich wird an dieser Stelle, dass sich etwas verändert hat. Die Leichtigkeit früherer Besuche ist dahin. Dementsprechend verhalten zeigt sich die Stimmung in der Warteschlange. Leise Gespräche, ein paar Selfies, hier und da ein Lacher. Euphorie sieht anders aus.

Verluste von 100 Millionen Euro

Eine halbe Stunde vergeht, dann steigt die Spannung. Die Bügel der Achterbahn schließen sich, die Beine baumeln und – los! „Taron“ startet wie eine Rakete, rast um die Kurven, windet sich wie eine übergeschnappte Schlange. „Meine Maske!“, ruft eine junge Frau und greift sich panisch ins Gesicht. Doch das Teil hält, erstaunlicherweise.

Ehe man sich versieht, ist der Spaß auch schon wieder vorbei. Vollbremsung, Herzrasen, Schnappatmung unter dem engen Mund-Nase-Schutz. Der erste Gedanke: Schnell die Hände desinfizieren! Man weiß ja nie, wer die Griffe zuvor angefasst hat. Zum Glück stehen überall auf dem Gelände entsprechende Spender bereit.

Das Phantasialand ist nicht der einzige Freizeitpark, der sich am Spagat zwischen Sicherheit und Normalität versucht. Deutschlands größter Freizeitpark, der „Europa-Park“ in Baden-Württemberg, spricht von Verlusten im Wert von 100 Millionen Euro, die durch die Corona-Krise angefallen seien. Trotzdem lässt der Park aus Gründen des Gesundheitsschutzes momentan nur maximal 15.000 Besucher in den Park (behördlich erlaubt wären doppelt so viele). Zum Vergleich: An guten Tagen kommen normalerweise bis zu 60.000 zahlende Kunden.

Die Einbußen durch fehlende Besucher dürften mit dazu beitragen, dass viele Freizeitparks trotz der aktuellen Einschränkungen ihre Eintrittspreise kaum oder gar nicht reduzieren. Im Europa-Park kostet eine reguläre Erwachsenenkarte 55 Euro, im Phantasialand je nach Wochentag zwischen 38,50 Euro und 52,50 Euro. Plus Parken.

Zum Abschluss ein Abstecher in die Gastronomie. Hinter einer Glasscheibe klatscht ein Mitarbeiter vegetarische Bratnudeln in eine Schachtel. Der Preis ist happig, der Geschmack pappig. Nachwürzen kann man leider nicht, vielleicht auch dies eine Corona-Maßnahme.

Das Fazit nach einem Tag im Phantasialand? Natürlich ist es anders als früher. Allein schon die omnipräsenten Abstandsmarkierungen und Desinfektionsspender. Wer all das ausblenden kann und die gebotenen Hygiene-Regeln in Kauf nimmt, kann aber trotzdem Spaß haben. Die Fahrgeschäfte sind dieselben, die vertraute Märchenmusik beruhigt und die Wildwasserbahn bringt eine willkommene Erfrischung – vorausgesetzt, man hat eine Ersatz-Maske dabei.

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